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Repatriierung auf Grund von Panikstörung nach Ciprofloxacingabe

Repatriation due to Panic Disorder after Taking Ciprofloxacin

Marcel Fischera, Marina Castora, Ursula Simona

aKlinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz

Zusammenfassung

Im vorliegenden Fall wurde eine 19-jährige Soldatin nach Repatriierung von einer Fregatte aufgrund des Auftretens akuter psychischer Symptome stationär aufgenommen. Zuvor war bei der Patientin eine Harnwegsinfektion diagnostiziert und mit Ciprofloxacin behandelt worden. In engem zeitlichem Zusammenhang mit der Medikation entwickelten sich psychovegetative Krisen mit panikartiger Symptomatik, die eine Rückführung und eine wehrpsychiatrische Weiterbehandlung erforderlich machten. Im Rahmen der psychiatrischen Diagnostik wurde eine Panikstörung (F41.0) diagnostiziert. Ein rein organischer (pharmakogener) Zusammenhang mit Ciprofloxacin konnte nicht abschließend bestätigt werden; dennoch ist der Wirkstoff als potenzieller fördernder Faktor für das Krankheitsentstehungsverständnis zu bewerten. Die psychische Störung wurde erfolgreich im Rahmen eines multimodalen stationären Therapieprogramms behandelt. Am Ende des 45-tägigen Aufenthaltes zeigte die Patientin eine deutliche Besserung der Symptomatik.

Schlüsselwörter: Ciprofloxacin, Panikstörung, Repatriierung, Nebenwirkungen

Summary

This case study describes a 19-year-old female soldier who was medically repatriated from a naval frigate due to the onset of acute psychological symptoms. She was initially treated with ciprofloxacin for a urinary tract infection but developed severe panic-like episodes shortly after administration, necessitating repatriation and psychiatric follow-up.

Psychiatric evaluation revealed a panic disorder. Although a purely pharmacogenic cause could not be confirmed, ciprofloxacin was identified as a potential trigger within a vulnerability-stress framework. The treatment included a comprehensive multimodal inpatient program. After 45 days, the patient showed significant clinical improvement. Finally it may be concluded that fluoroquinolones may provoke serious psychiatric side effects, that early differential diagnosis of psychovegetative symptoms is essential, and individual psychological vulnerability should be integrated into military deployment medicine.

Keywords: ciprofloxacin; repatriation; panic disorder; side effects

Einleitung und Hintergrund

Psychische Erkrankungen sind mit einem relevanten Anteil an den Ursachen für militärische Repatriierungen vertreten [6]. Neben den unmittelbaren gesundheitlichen Auswirkungen auf die betroffenen Soldatinnen und Soldaten führen solche Rückführungen auch zu organisatorischen Konsequenzen für die Truppe: Die entstandene personelle Lücke muss im Einsatz durch die verbliebenen Kräfte kompensiert werden, was im Extremfall die operative Einsatzfähigkeit beeinträchtigen kann. Vor diesem Hintergrund kommt der Prävention, der frühzeitigen Erkennung und dem besseren Verständnis psychiatrischer Erkrankungen im militärischen Kontext besondere Bedeutung zu.

Die Entstehung psychischer Erkrankungen ist multifaktoriell und nicht abschließend geklärt. Ein etabliertes Erklärungsmodell ist das Vulnerabilitäts-Stress-Modell, das biologische, psychologische und soziale Einflussfaktoren integriert. Dieses Modell unterscheidet zwischen prädisponierenden (vulnerabilitätssteigernden) Faktoren wie genetischer Disposition, neurobiologischer Sensitivität, früheren Beziehungserfahrungen oder Persönlichkeitsmerkmalen und auslösenden Faktoren wie belastenden Lebensereignissen, Traumata, somatischen Erkrankungen oder Substanzwirkungen. In der Regel ist das Auftreten einer psychischen Störung als Folge der Kumulation mehrerer Stressoren bei bestehender Vulnerabilität zu verstehen [3][5]. Im vorliegenden Fall scheint die Gabe von Ciprofloxacin als möglicher Auslöser eine entscheidende Rolle gespielt zu haben.

Ciprofloxacin ist ein häufig eingesetztes Fluorchinolon-Antibiotikum, insbesondere bei Harnwegsinfekten, Atemwegserkrankungen und chronischer Otitis media. Fluorchinolone wirken bakterizid, indem sie die Topoisomerase II (DNA-Gyrase) und Topoisomerase IV hemmen [1]. In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche, teils schwerwiegende Nebenwirkungen dieser Substanzklasse beschrieben, darunter psychiatrische Reaktionen wie Angstzustände, Schlafstörungen, depressive Verstimmungen, Verwirrung bis hin zu psychotischen Episoden oder zu suizidalem Verhalten. Aufgrund dieser Risiken veröffentlichte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) am 08.April 2019 einen Rote-Hand-Brief, in dem vor potenziell langanhaltenden, teils irreversiblen Nebenwirkungen gewarnt wird [2]. Die psychiatrischen Nebenwirkungen stehen im Fokus der folgenden Kasuistik, die exemplarisch die individuelle wie die systemische Relevanz eines solchen Falles im militärischen Kontext illustriert.

Falldarstellung

Anamnese

Eine 19-jährige Patientin wurde notfallmäßig nach Repatriierung von einer Fregatte aufgenommen. Die Patientin berichtete, plötzlich unter Kreislaufbeschwerden gelitten zu haben, woraufhin sie sich im Schiffslazarett vorstellte. Dort wurden eine Tachykardie und ein arterieller Hypotonus festgestellt; trotz verordneter Bettruhe kam es zu keiner klinischen Besserung. Bei zusätzlich aufgetretenen Rücken- und Flankenschmerzen erfolgten am Folgetag eine laborchemische Untersuchung sowie eine sonographische Diagnostik. Aufgrund deutlich erhöhter Entzündungsparameter wurde die Verdachtsdiagnose einer Pyelonephritis gestellt und eine antibiotische Therapie mit Ciprofloxacin eingeleitet. Unter dieser Medikamentengabe kam es zu einem raschen Rückgang der Entzündungswerte; das subjektive Befinden der Patientin besserte sich jedoch nicht.

Am Folgetag entwickelte die Patientin während eines Alarms vor dem Schiffslazarett eine akute psychovegetative Reaktion mit unkontrolliertem Weinen. Aufgrund anhaltender Symptomatik erfolgte eine fünftägige Krankschreibung. Bei der Ankündigung einer weiteren militärischen Übung stellte sich die Patientin erneut im Schiffslazarett vor. Im Zusammenhang mit einem weiteren Alarm kam es abermals zu einer ausgeprägten affektiven Entgleisung mit panikartiger Symptomatik und massivem Weinen, die medikamentös mit Midazolam behandelt werden musste. Aufgrund der wiederholten akuten psychischen Dekompensation wurde eine Repatriierung zur weiterführenden diagnostischen Abklärung und Behandlung veranlasst.

Die Patientin schilderte im weiteren Gespräch eine subjektiv normale Stimmungslage mit leicht vermindertem Antrieb infolge gestörten Nachtschlafs. Es bestehe kein Interessenverlust, Konzentration und Selbstwert würden als unauffällig wahrgenommen. Appetit, Körpergewicht und Tagesstruktur seien stabil. Es bestünden keine suizidalen Gedanken, kein autoaggressives Verhalten, kein Wahnerleben, keine Zwangssymptomatik und keine Halluzinationen. Der Schlaf sei im Vergleich zur Zeit vor dem Ereignis deutlich verschlechtert, mit häufigen Alpträumen von unspezifischem Inhalt, die jedoch regelmäßig mit dem eigenen Tod in Verbindung stünden. Mehrfach sei es nach dem Erwachen zu kurzzeitiger räumlich-zeitlicher Desorientierung gekommen.

Weiterhin gab die Patientin an, bereits in der Vergangenheit schreckhaft gewesen zu sein, ohne dass dies zu funktionellen Beeinträchtigungen geführt habe. Seit dem Vorfall verursachten jedoch bereits geringe akustische Reize eine übermäßige Angstauslösung. Zudem klagte sie über eine subjektive Verschlechterung ihrer Gedächtnisleistung. Das soziale Umfeld an Bord wurde als grundsätzlich intakt beschrieben; ein einmaliger Konflikt mit einem vorgesetzten Maat habe sich im Gespräch klären lassen. Nachhaltige zwischenmenschliche Probleme seien nicht bekannt. Nach Ende der Dienstzeit strebt die Patientin ein Physikstudium in Münster an, das sie eigenständig finanzieren möchte, da seitens des Vaters keine Unterstützung zu erwarten sei. Dieser stehe ihrem Studienwunsch ablehnend gegenüber und favorisiere eine unmittelbar einkommensorientierte Berufsausbildung.

Diagnostik

Psychopathologischer Befund bei Aufnahme : Gepflegtes Erscheinungsbild; im Kontaktverhalten freundlich, mitteilungsbereit und zugewandt; Sprachmodulation und -lautstärke unauffällig; wach und bewusstseinsklar; zu allen Qualitäten vollständig orientiert. Lang- und Kurzzeitgedächtnis sowie Konzentration sind subjektiv und objektiv unauffällig. Drei von drei Begriffen werden nach 10 Minuten erinnert. Auffassung ungestört; gute Abstraktion in der Sprichwortprüfung; formalgedanklich geordnet mit unauffälliger Denkgeschwindigkeit; keine Sinnestäuschungen; keine inhaltlichen Denkstörungen; keine Ich-Störungen; Ängste bezüglich ihrer Gesundheit; keine Zwänge; Stimmung subjektiv wie objektiv euthym; gute affektive Schwingungsfähigkeit; Antrieb, Interesse und Freudempfinden ungestört; psychomotorisch unauffällig; keine Suizidgedanken und -intentionen; Krankheitseinsicht und Behandlungsbereitschaft gegeben.

Es erfolgte zusätzlich eine ausführliche körperliche Diagnostik, bestehend aus klinischer Untersuchung, Blutentnahme, cranialer Magnetresonanztomografie, EEG, Lumbalpunktion, internistischer Vorstellung, Langzeit-EKG, Langzeit-Blutdruckmessung und Röntgen-Thorax. Es konnte kein organisches Korrelat für die von der Patientin geschilderte Symptomatik festgestellt werden. Lediglich im Langzeit-EKG zeigten sich Phasen einer inadäquaten Sinustachykardie.

Psychometrische Diagnostik

Im Rahmen der psychometrischen Diagnostik zeigten sich in der Selbstbeurteilung mittels BDI-II (Beck-Depressions-Inventar, ein weit verbreiteter Selbstbeurteilungsfragebogen zur Erfassung der Schwere depressiver Symptome, Wert: 25) Hinweise auf eine mittelgradige depressive Symptomatik.

Die SCL-90-R (Selbstbeurteilungsinstrument zur Erfassung psychischer Belastungen und Symptome, T-Wert: 72) ergab eine klinisch relevante Belastung im Bereich Ängstlichkeit sowie subklinische Belastungstendenzen in den Bereichen Somatisierung (T 68), phobische Angst (T 66) und Psychotizismus (T 66).

Im Persönlichkeitsstil- und Störungsinventar (PSSI) zeigten sich eine deutliche Ausprägung des sorgfältigen Persönlichkeitsstils (T 67) und eine leichte Ausprägung des hilfsbereiten Persönlichkeitsstils (T 64).

Der SOMS-7-T (Früherkennung somatoformer Störungen) wies auf ein hohes Risiko für ein Somatisierungssyndrom hin.

Das ETI (Selbstbeurteilungsfragebogen zur Identifikation traumatischer Ereignisse und zur Diagnostik von Traumafolgestörungen, Gesamtwert: 9) ergab keinen Hinweis auf eine posttraumatische Belastungsstörung.

In der Panik- und Agoraphobie-Skala (PAS) ergaben sich Hinweise auf eine mittelschwere Panikstörung mit häufiger Vermeidung, mäßiger Erwartungsangst, maximaler Beeinträchtigung im beruflichen Bereich sowie ausgeprägter somatischer Attribution. Die psychometrische Testung wurde aufgrund äußerer Umstände (Visite, Testumfang) vorzeitig beendet.

Weitere Diagnostik/Differenzialdiagnosen

Diagnostisch wurde zunächst die Möglichkeit einer organischen Angststörung (ICD-10: F06.4) erwogen, da die Erstmanifestation der psychischen Symptomatik zeitlich eng mit der Gabe von Ciprofloxacin im Rahmen einer urologischen Infektionserkrankung zusammenfiel. Die aktuelle Literatur beschreibt Fluorchinolone als potenziell mit psychiatrischen Nebenwirkungen assoziierte Substanzgruppe [3], sodass eine pharmakogene Genese grundsätzlich in Betracht gezogen werden musste.

Für die Diagnosestellung einer organisch bedingten psychischen Störung gemäß ICD-10 müssen vier diagnostische Hauptkriterien erfüllt sein:

1. der Nachweis einer körperlichen Erkrankung oder pharmakologischen Einwirkung, die mit psychischen Symptomen einhergehen kann,

2. ein zeitlicher Zusammenhang zwischen dieser Ursache und dem Auftreten der Symptomatik,

3. eine Rückbildung der psychischen Symptome nach Behandlung oder dem Wegfall der vermuteten Ursache sowie

4. das Fehlen überzeugender Hinweise auf eine primär psychische oder eine alternative Genese.

Während die ersten beiden Kriterien im vorliegenden Fall erfüllt waren – insbesondere unter Bezugnahme auf die dokumentierte Ciprofloxacin-Gabe und den unmittelbaren Symptombeginn konnte das dritte Kriterium zum aktuellen Zeitpunkt nicht belegt werden. Trotz Wegfalls der mutmaßlichen auslösenden Substanz persistierten die Angstsymptome über einen längeren Zeitraum. Zudem fanden sich im Rahmen der psychologischen Exploration Hinweise auf eine komplexe psychische Vulnerabilität mit zumindest teilweisen traumabezogenen Anteilen, wodurch auch das vierte Kriterium als nicht erfüllt zu werten ist. Aus diesem Grund konnte die Verdachtsdiagnose einer organischen Angststörung nicht bestätigt werden.

Im weiteren diagnostischen Verlauf zeigte sich hingegen ein konsistentes Bild im Sinne einer Panikstörung (ICD-10: F41.0). Es lagen wiederholt schwere, spontan auftretende vegetative Angstanfälle vor, die nicht auf spezifische oder vorhersagbare Situationen begrenzt waren und in objektiv ungefährlichen Kontexten auftraten. Zwischen den Episoden bestanden weitgehend beschwerdefreie Intervalle. Damit waren die diagnostischen Kriterien für eine Panikstörung vollständig erfüllt. Als zusätzlichen diagnostischen Hinweis kam es durch eine störungsspezifische Psychotherapie zu einer Besserung der von der Patientin geschilderten Symptomatik.

Therapie und Verlauf

Nach der Aufnahme auf unsere offen geführte psychiatrische Station erfolgte zunächst eine umfassende somatische Abklärung, insbesondere zur Differenzierung vegetativer Beschwerden. Aufgrund ausgeprägter psychovegetativer Erregungszustände wurde initial eine Bedarfsmedikation mit Pipamperon etabliert, die jedoch keine ausreichende Symptomlinderung erzielte. Auch eine kurzfristige anxiolytische Behandlung mit Lorazepam blieb weitgehend ohne Wirkung. Erst nach Nachweis inadäquater Sinustachykardien im Langzeit-EKG führte die Gabe von Bisoprolol zu einer klinisch relevanten Besserung des beschriebenen Herzrasens. Eine zusätzliche medikamentöse Augmentation mit Ivabradin führte zu einer weiteren Reduktion der kardialen Symptomatik. Die vorhandenen Ein- und Durchschlafstörungen konnten unter Gabe von Melperon erfolgreich behandelt werden.

Die Patientin wurde frühzeitig in das stationsspezifische multimodale Therapiekonzept eingebunden, bestehend aus einzelpsychotherapeutischen Sitzungen, Gruppentherapie (u. a. Training sozialer Kompetenzen, Skill-Training, Problemlösegruppe, Kunst- und Bewegungstherapie), Ergotherapie sowie regelmäßigen ärztlichen Gesprächen. Im Einzelsetting kam primär ein verhaltenstherapeutischer Ansatz zur Anwendung. Nach Abschluss der psychologischen Diagnostik erfolgte eine störungsspezifische Therapie der Paniksymptomatik unter Nutzung von Verhaltensanalysen (SORKC-Modell) zur Auslösung und Aufrechterhaltung der Symptomatik. Im weiteren Verlauf wurden begleitete Verhaltenstrainings in Alltagssituationen (z. B. Spaziergänge, Einkäufe) durchgeführt, die zu einer sukzessiven Angstreduktion und einer Verbesserung der Selbstwirksamkeit führten. Zusätzlich wurden Techniken zur Anspannungsregulation („Skills“) erlernt und geübt.

Gegen Ende des Aufenthaltes zeigte die Patientin eine stabile Umsetzung erlernter Bewältigungsstrategien im Rahmen mehrerer Belastungserprobungen. Nach einem insgesamt 45-tägigen stationären Aufenthalt konnte sie in deutlich gebessertem psychischem Zustand entlassen werden. Eine tagesklinische Weiterbehandlung wurde bereits während des stationären Aufenthalts begonnen.

Diskussion

Der Fall beschreibt das erstmalige Auftreten einer Panikstörung bei einer jungen Soldatin im Auslandseinsatz, eingebettet in einen komplexen Verlauf aus somatischen Beschwerden, psychovegetativen Symptomen und zunehmender affektiver Instabilität. Ein initialer Zusammenhang mit der Gabe von Ciprofloxacin wurde erwogen, konnte jedoch im weiteren Verlauf nicht als alleiniger Auslöser bestätigt werden.

Zur diagnostischen Einordnung bietet sich das Vulnerabilitäts-Stress-Modell als schlüssiges Rahmenkonzept an: Die Patientin verfügte über eine erhöhte psychische Vulnerabilität (anamnestische Hinweise auf frühkindliche Bindungstraumatisierungen und familiäre Belastungssituation, weibliches Geschlecht [7]), die durch den akuten körperlichen Stress einer Infektionserkrankung, die Belastungssituation an Bord und möglicherweise zusätzlich durch neuropsychiatrische Effekte von Ciprofloxacin überschritten wurde. Diese Konstellation führte zur Manifestation einer Panikstörung, die sich im weiteren Verlauf verselbstständigte. Der enge zeitliche Zusammenhang zwischen Medikamentengabe und Symptombeginn sowie die in der Literatur dokumentierten psychiatrischen Nebenwirkungen von Fluorchinolonen [4] unterstützen die Annahme, dass Ciprofloxacin als mitauslösender Stressor wirkte – nicht im Sinne einer rein pharmakogenen Ursache oder als Auslöser, sondern als Teil eines multikausalen Geschehens.

Fazit

Für den militärischen Kontext ergeben sich aus diesem Fall mehrere praxisrelevante Implikationen:

1. Kritische Indikationsstellung bei potenziell neurotoxischen Arzneimitteln

Die Gabe von Fluorchinolonen sollte insbesondere bei jungen, einsatzbelasteten Soldatinnen und Soldaten mit erhöhtem Stresslevel sorgfältig abgewogen werden. Der potenzielle Nutzen eines breiten antibiotischen Wirkspektrums muss gegen das Risiko schwerwiegender psychiatrischer Nebenwirkungen abgewogen werden, zumal diese die Einsatzfähigkeit erheblich beeinträchtigen und zu Repatriierungen führen können. Im Zweifel könnte eine andere leitliniengerechte Antibiose die bessere Wahl sein.

2. Frühzeitige differenzialdiagnostische Abklärung bei psychovegetativen Beschwerden

Insbesondere bei rasch einsetzenden vegetativen Symptomen ohne klare somatische Ursache sollte frühzeitig an eine funktionelle oder psychische Genese gedacht werden, um eine Eskalation zu vermeiden. Die Verschränkung körperlicher und psychischer Symptome ist nicht selten, insbesondere in stressreichen Einsatzsituationen.

3. Stärkere Berücksichtigung individueller Vulnerabilität im Rahmen der Einsatzmedizin

Der Fall unterstreicht die Bedeutung individueller Dispositionen und Belastungsfaktoren, selbst bei scheinbar robusten Soldaten ohne manifeste psychiatrische Vorgeschichte. Maßnahmen zur Förderung psychischer Resilienz und zur frühzeitigen psychologischen Evaluation könnten helfen, vulnerablen Personen gezielter zu erkennen und/oder zu unterstützen.

Kernaussagen

  • Ciprofloxacin kann als zusätzlicher Stressor die Entstehung psychischer Erkrankungen im Einsatz begünstigen.
  • Die Indikation für Fluorchinolone sollte im Einsatz stets kritisch geprüft werden.
  • Rasch auftretende psychovegetative Symptome erfordern eine zeitnahe Diagnostik.
  • Die individuelle Vulnerabilität sollte in der Wehrmedizin stets berücksichtigt werden.
  • Maßnahmen zur Resilienzförderung können die Einsatzstabilität der Truppe erhöhen.

Literatur

  1. Berger M, Hecht H (Hrsg.) Psychische Erkrankungen: Klinik und Therapie. München: Elsevier; 2019.
  2. Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Anwendungsbeschränkung von Fluorchinolonen. Dt. Ärzteblat 2023;120:A1700-1701. mehr lesen
  3. Li J, Yin X, Zhao Y, Yang X, et al. Fluoroquinolones-related psychiatric adverse events: a real‑world retrospective and pharmacovigilance database analysis. Expert Opin Drug Saf. 2025 Sep;24(9):1053-1066. mehr lesen
  4. Lieb K. Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. München: Elsevier; 2023.
  5. AbZ Pharma. Fachinformation Ciprofloxacin [Internet].2025[letzter Zugriff 26. Januar 2026]. Verfügbar unter: https://www.fachinfo.de/fi/pdf/003772/ciprofloxacin-abz-100-250-500-mg-filmtabletten. mehr lesen
  6. Radunz N. Risikofaktoren für Repatriierungen aufgrund von psychiatrischen Erkrankungen im Auslandseinsatz – Deutsche Soldaten im Kosovo – und Afghanistaneinsatz [Dissertation]. Berlin Charite; 2016. mehr lesen
  7. Yonkers K A. Panic and Agoraphobia: Gender as a Factor. CNS Spectrums. 2004;9(9):6–7. mehr lesen

Manuskriptdaten

Zitierweise

Fischer M, Castor M, Simon U. Repatriierung auf Grund von Panikstörung nach Ciprofloxacingabe. WMM 2026;70(3):117-120.

DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-851

Für die Verfasser

Oberstabsarzt Dr. Marcel Fischer

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz

Rübenacher Str. 170, 56072 Koblenz

E-Mail: marcel5fischer@bundeswehr.org

Manuscript Data

Citation

Fischer M, Castor M, Simon U. [Repatriation due to Panic Disorder after Taking Ciprofloxacin.] WMM 2026;70(3):117-120.

DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-851

For the Authors

Major (MC) Dr. Marcel Fischer, MD

Department of Psychiatry and Psychotherapy

Bundeswehr Central Military Hospital Koblenz

Rübenacher Str. 170, D-56072 Koblenz

E-Mail: marcel5fischer@bundeswehr.org

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