Evidenzbasierter Einsatz von Botulinum in der zahnärztlichen Funktionsdiagnostik und Therapie
Evidence-based Use of Botulinum in Dental Functional Diagnostics and Therapy
Sophia Wilk-Vollmanna, Andreas Mundb
a Klinik für Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin, Bundeswehrkrankenhaus Berlin
b Abteilung Zahnmedizin, Bundeswehrkrankenhaus Berlin
Zusammenfassung
Der Artikel beschreibt die besondere Bedeutung orofazialer Schmerzen, Bruxismus und craniomandibulärer Dysfunktion (CMD) im militärischen Kontext und stellt den evidenzbasierten Einsatz von Botulinum als Teil eines multimodalen Therapieansatzes vor. Er erläutert die enge Verbindung zwischen psychischem Stress, PTBS, Hypervigilanz und neuromuskulärer Hyperaktivität der Kaumuskulatur, die alle zu chronischen Schmerzsyndromen und neuralgiformen Beschwerden führen können. Anhand klinischer Erfahrungen und eines Einsatzfalles wird gezeigt, dass Botulinum muskuläre Hyperaktivität reduziert, Schmerzen moduliert und in bestimmten Fällen eine funktionelle Therapie erst ermöglicht.
CMD wird als multisystemisches Funktionssyndrom mit myofaszialen, posturalen und neurogenen Anteilen beschrieben, das bei Soldatinnen und Soldaten durch dienstspezifische Belastungen besonders relevant ist. Botulinum wirkt sowohl peripher muskelrelaxierend als auch neurochemisch analgetisch und kann zentrale Sensibilisierungsprozesse abschwächen. Gleichzeitig werden therapeutische Grenzen, mögliche strukturelle Folgen wiederholter Injektionen sowie empfohlene Therapieintervalle reflektiert.
Der Artikel stellt das Botulinum-Kompetenzzentrum des Bundeswehrkrankenhauses Berlin und dessen strukturiertes Ausbildungs- und Behandlungskonzept vor. Rechtliche Grundlagen bestätigen die zahnärztliche Anwendbarkeit von Botulinum im funktionellen Bereich, jedoch nicht in ästhetischen Indikationen. Im Rahmen eines multimodalen Gesamtkonzepts wird Botulinum mit Schienentherapie, Physiotherapie, Psychotraumatologie und Pharmakotherapie kombiniert. Abschließend wird die Bedeutung interdisziplinärer Versorgung hervorgehoben und ein Paradigmenwechsel in der wehrmedizinischen Schmerz- und Funktionsbehandlung gefordert.
Schlüsselwörter: Botulinum, Bruxismus, Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD), Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), Orofaziale Schmerzen
Summary
This article describes the high clinical relevance of orofacial pain, bruxism, and temporomandibular disorders (CMD) in military medicine and presents the evidence-based use of botulinum as part of a multimodal therapeutic strategy. It highlights the strong interaction among psychological stress, post-traumatic stress disorder, hyperarousal, and muscular hyperactivity of the masticatory system, which frequently results in chronic pain and neuralgiform symptoms. Clinical observations and a case report from an overseas deployment illustrate that botulinum can reduce muscular overactivity, modulate pain, and facilitate functional rehabilitation.
CMD is described as a complex multisystemic condition influenced by myofascial, postural, neurogenic, and psychosocial factors, which are often intensified in military environments. Botulinum shows both peripheral muscle-relaxing and neurochemical antinociceptive effects, thereby mitigating peripheral drive and central sensitization. The article also discusses limitations and potential long-term structural effects of repeated injections, recommending cautious dosing and appropriate treatment intervals.
The botulinum competence center at the Bundeswehr Hospital Berlin is presented, emphasizing structured diagnostics, anatomical injection training, and interdisciplinary collaboration. The legal framework confirms that functional botulinum applications within the masticatory system fall within the professional scope of dentistry, unlike purely aesthetic procedures. Within a multimodal concept, botulinum is combined with occlusal splints, physiotherapy, psychotraumatological care, and pharmacological treatment. The article concludes by illustrating the need to further establish botulinum therapy in military dental care and to strengthen interdisciplinary research and education.
Keywords: botulinum; bruxism; temporomandibular disorders; post-traumatic stress disorder (PTSD); orofacial pain
Die besondere Bedeutung funktioneller orofazialer Störungen in der Wehrmedizin
Die wehrmedizinische Versorgung ist seit jeher durch komplexe Krankheitsbilder geprägt, die sich nicht allein auf rein organische Befunde zurückführen lassen, sondern in einer dynamischen Wechselwirkung zwischen körperlichen, psychischen und psychosozialen Faktoren stehen. Zu dieser Gruppe zählen orofaziale Schmerzen, Bruxismus sowie craniomandibuläre Dysfunktionen (CMD). Diese Störungen treten im militärischen Kontext überdurchschnittlich häufig auf und haben im Alltag der Betroffenen eine erhebliche funktionelle und psychosoziale Relevanz [10][12][15–17][20].
Die im Dienst erlebten Belastungen – darunter körperliche Anstrengung, kognitive Beanspruchung, emotionale Regulation, anhaltendes Stresserleben, erhöhte Alarmbereitschaft sowie potenziell traumatische Ereignisse – beeinflussen das neuromuskuläre System in besonderem Maße und wirken sich auf die Kaumuskulatur und den craniofazialen Funktionskomplex aus [2][9][20][22]. Die Verbindung zwischen psychischem Stress und erhöhter muskulärer Aktivität der Kaumuskulatur ist in der Literatur vielfach beschrieben. Die Kaumuskulatur zählt zu den sensibelsten muskulären Systemen hinsichtlich der Übertragung vegetativer Aktivierungszustände [2][20][22].
Die daraus resultierenden Funktionsveränderungen äußern sich nicht nur in Form nächtlicher Parafunktionen, sondern häufig als umfassendes neuromuskuläres Aktivitätsmuster, das sowohl im Schlaf als auch im Wachzustand auftreten kann. Bei militärischen Patientinnen und Patienten wird dieses Muster durch dienstliche Anforderungen und belastende Einsatzbedingungen zusätzlich verstärkt. Diese Beobachtungen korrespondieren mit internationalen Konsensusdefinitionen, die Bruxismus als multifaktorielles, kontextabhängiges Aktivitätsphänomen einordnen [9][16][17][20][21].
Psychotraumatologische Einflussfaktoren können diese Zusammenhänge weiter verstärken. In der semantischen Analyse von Justenhoven zeigte sich, dass wissenschaftliche Terminologien aus dem Bruxismus- und Stresskontext – darunter Somatisierung, Hypervigilanz sowie Angst- und Anspannungssymptomatik – zunehmend auch im Zusammenhang mit Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) verwendet werden und damit auf thematische Überschneidungen beider Forschungsfelder hinweisen [15]. Diese Befunde decken sich mit klinischen Beobachtungen im Bundeswehrkrankenhaus Berlin, wo Patientinnen und Patienten mit traumabezogenen Erfahrungen nicht selten ausgeprägte muskuläre Hyperaktivität und orofaziale Schmerzsyndrome aufweisen, die – im Sinne psychosomatischer Zusammenhänge – als somatische Manifestationen psychischer Belastungszustände interpretiert werden können [1][15][18][25].
Um diesen besonderen funktionellen und psychosozialen Anforderungen militärischer Patientinnen und Patienten gerecht zu werden, wurde am Bundeswehrkrankenhaus Berlin ein Botulinum-Kompetenzzentrum für CMD eingerichtet. Dieses Zentrum verbindet zahnärztliche Funktionsdiagnostik mit neurobiologischen, manualtherapeutischen, schmerzmedizinischen und psychotraumatologischen Therapieansätzen. Botulinum ist hierbei ein integraler Bestandteil eines multimodalen Behandlungskonzeptes: Es reduziert muskuläre Hyperaktivität, moduliert nozizeptive Signalprozesse und ermöglicht in vielen Fällen erst den erfolgreichen Einstieg in weiterführende funktionelle Therapieformen [1][18][25].
Abb. 1: Injektion von Botulinum in den Musculus masseter. Zuvor erfolgte die Anzeichnung des Muskelbauches und der geplanten Injektionspunkte. (Foto: N. Nittke, Berlin; die Beteiligten haben ihr ausdrückliches Einverständnis zur Veröffentlichung gegeben.)
Terminologische Einordnung: Warum im Folgenden von „Botulinum“ gesprochen wird
Im vorliegenden Beitrag wird bewusst der Begriff „Botulinum“ statt „Botulinumtoxin“ verwendet. Die heute klinisch eingesetzten Präparate sind als hochgereinigte, standardisierte und pharmakologisch kontrollierte Formulierungen des Botulinumneurotoxins Typ A einzuordnen. Der Schwerpunkt der medizinischen Anwendung liegt damit nicht auf einer toxischen Wirkung im Sinne eines „Gifts“, sondern auf einer gezielten, lokal begrenzten neuromodulatorischen Regulation hyperaktiver Muskel- und Schmerzprozesse [1][18][25].
Bruxismus als multifaktorielles Aktivitätsmuster unter militärischen Stressbedingungen
Bruxismus wird in der S3-Leitlinie nicht als Krankheit, sondern als Verhaltensmuster definiert, das von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren beeinflusst wird [17]. Diese Definition ist für die wehrmedizinische Betrachtung von besonderer Relevanz und steht im Einklang mit internationalen Klassifikationsansätzen, die Bruxismus als kontextabhängiges neuromuskuläres Aktivitätsmuster des stomatognathen Systems beschreiben [16][17][21].
Soldatinnen und Soldaten bewegen sich in einem Umfeld hohen Stressniveaus, starker körperlicher Beanspruchung und intensiver emotionaler Anforderungen. Besonders im Wachzustand kommt es zu unbewusster Aktivierung der Kaumuskulatur, wodurch sich ein persistierender Pressmechanismus („awake bruxism“) entwickeln kann [6][20][22]. Für die militärische Versorgung bedeutet dies, dass die Mehrheit der Betroffenen keine primär okklusale Ursache aufweist, sondern ein bio-psycho-soziales Aktivitätsmuster, das durch den Einsatz, die Ausbildung und die Führungsverantwortung zusätzlich verstärkt wird [17][19][20][23][25]. Diese analytische Einordnung bildet die Grundlage für die nachfolgende funktionelle Diagnostik sowie die Auswahl geeigneter Therapieformen.
Fallvorstellung:
Einsatzassoziierte orofaziale Schmerzsymptomatik bei einem Soldaten im Auslandseinsatz
Ein Soldat im laufenden Auslandseinsatz in Mali stellte sich zunächst nicht primär wegen seiner Schmerzsymptomatik, sondern über Umwege in der truppenärztlichen Sprechstunde vor. Im Rahmen des interdisziplinären Austauschs zwischen der Truppenärztin und der Ärztin des beweglichen Arzttrupps ergab sich im Verlauf des Arzt-Patienten-Kontakts ein deutlich komplexeres Beschwerdebild.
Der Patient berichtete über seit Monaten zunehmende, hochgradige orofaziale Schmerzen mit ausgeprägter muskulärer Verspannung, nächtlichem Zähnepressen, ausstrahlenden Gesichtsschmerzen sowie Schlafstörungen. Die Symptomatik war eindeutig einsatzassoziiert und stand in engem zeitlichem Zusammenhang mit einer erheblichen psychischen Dauerbelastung. Der Soldat hatte einen Dienstposten in einer sicherheitsrelevanten Schlüsselfunktion, der nicht ohne erhebliche operative Einschränkungen substituierbar war. Eine vorzeitige Herauslösung aus dem Auslandseinsatz kam für ihn persönlich nicht in Betracht.
Seine bisherige Schmerzmedikation war nur unzureichend wirksam, die funktionelle Einschränkung blieb bestehen, und es bestand die Sorge einer zunehmenden medikamentösen Abhängigkeit bei fehlender kausaler Therapie.
In enger Abstimmung zwischen Truppenärztin, Einsatzführung und den unterstützenden Strukturen im Heimatland wurde schließlich die Möglichkeit geschaffen, Botulinum als funktionelle Therapieoption in das Einsatzgebiet zu überführen. Nach sorgfältiger Indikationsstellung erfolgte die gezielte Injektion in die hyperaktiven Anteile der Kaumuskulatur. Bereits nach wenigen Wochen zeigte sich eine deutliche klinische Verbesserung: Die Schmerzintensität nahm signifikant ab, nächtliches Pressen und morgendliche Schmerzen reduzierten sich erheblich, und die Schlafqualität verbesserte sich spürbar. Der Patient konnte seinen Dienstposten weiterhin ohne Einschränkung ausüben.
Über den rein funktionellen Behandlungserfolg hinaus erwies sich insbesondere die vertrauensvolle, diskrete ärztliche Begleitung als entscheidender Faktor. Der Patient blieb im Einsatz stabil führungsfähig, eine Eskalation der medikamentösen Analgesie konnte vermieden werden, und die Ärztin-Patienten-Beziehung wirkte stabilisierend auf die gesamte psychosoziale Situation.
Diese Fallkonstellation verdeutlicht den hohen Stellenwert der funktionellen Schmerztherapie im Einsatzsetting und zeigt, dass Botulinum auch unter einsatzbedingten Extrembedingungen eine praktikable, risikoarme und wirksame Option darstellen kann [7][14][26].
Posttraumatische Belastungsstörung und die Transformation psychischer Belastung in orofaziale Funktionsstörungen
Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) kann den Körper in einen Zustand erhöhter Erregungsbereitschaft versetzen. Hyperarousal, Schlafstörungen und vegetative Dysregulation gehen häufig mit erhöhter muskulärer Aktivität der Kaumuskulatur einher [15][25]. Klinische Beobachtungen im Bundeswehrkrankenhaus Berlin zeigen, dass viele PTBS-Betroffene ausgeprägte muskuläre Hypertonie, Press- und Knirschaktivität sowie neuralgiforme Schmerzimpulse entwickeln.
Die Analyse von Justenhoven bestätigt die thematische Annäherung zwischen Bruxismus- und Traumaforschung und stützt die Interpretation muskulärer Funktionsstörungen als somatische Korrelate traumabezogener Belastungsprozesse [1][15][18][25]. Daraus folgt eine therapeutisch relevante Konsequenz: Bei PTBS-Patientinnen und -Patienten sollte die Kaumuskulatur in Diagnostik und Therapie berücksichtigt werden; umgekehrt sollten CMD-Behandlungen psychotraumatologische Aspekte einbeziehen [1][15][18][25]. Botulinum kann hierbei – eingebettet in ein multimodales Vorgehen – zur Tonusreduktion und zur Entlastung schmerzassoziierter Triggerprozesse beitragen und auf diese Weise psychotherapeutische und manualtherapeutische Maßnahmen funktionell unterstützen [1][18][25].
Craniomandibuläre Dysfunktionen als komplexes, multisystemisches Funktionssyndrom im militärischen Kontext
Craniomandibuläre Dysfunktionen (CMD) umfassen muskuloskelettale, neurogene und sensorische Funktionsstörungen, die durch Stress, Fehlhaltungen, Schlafmuster und psychische Belastungen beeinflusst werden [7][9][12][19][20][23]. Mechanische Belastungen durch Schutzausrüstung, Helm- und Lastentragen sowie langanhaltende Vorneigung verstärken myofasziale Dysbalancen der Halswirbelsäule und wirken in die Kaumuskulatur hinein [5][18][20]. Chronische muskuläre Verspannungen fördern zentrale Sensibilisierung und begünstigen Schmerzchronifizierung [9][18][19][20][24]. Myofasziale Triggerpunkte, insbesondere im Bereich der Kaumuskulatur, spielen hierbei eine zentrale Rolle [24].
Neuralgiforme Schmerzen: Eine häufig übersehene Facette der craniomandibulären Dysfunktionen
Neuralgiforme, einschießende Gesichtsschmerzen treten bei Patientinnen und Patienten mit CMD signifikant häufiger auf. Ursachen sind muskuläre Triggerzonen, mechanische Kompression trigeminaler Nervenäste und zentrale Sensibilisierung [3][10][20][24]. Viele militärische Betroffene berichten von Attacken entlang des Nervus mandibularis. Botulinum kann diese funktionellen Schmerzimpulse reduzieren, indem es muskuläre Hyperaktivität senkt und die afferente Reizlast verringert [7][14][26].
Botulinum:
Wirkmechanismus, klinische Evidenz und therapeutische Anwendung
Botulinum bindet präsynaptisch an cholinerge Nervenendigungen, spaltet das SNARE-Protein SNAP-25 und blockiert die Acetylcholinfreisetzung. Dies führt zu einer langanhaltenden Tonusreduktion der behandelten Muskulatur [1]. Gleichzeitig moduliert Botulinum nozizeptive Mediatoren wie CGRP, Substanz P und Glutamat und beeinflusst sensorische Afferenzen, was zur Reduktion peripherer und zentraler Sensibilisierung beitragen kann [1][4][12]. Die Wirkung setzt innerhalb von 2–14 Tagen ein und erreicht nach etwa zwei Wochen ihr Maximum.
Bei wiederholter Hochdosistherapie sind mögliche strukturelle Muskel- und Knochenanpassungen zu berücksichtigen [13]. Daher werden Behandlungsintervalle von 4–6 Monaten empfohlen, um unerwünschte Veränderungen am Muskel- und Knochengewebe zu vermeiden [7][13][14].
Positive Effekte konnten u. a. bei trigeminalen Schmerzen, myofaszialen Schmerzsyndromen und CMD-assoziierten Beschwerden nachgewiesen werden [7][14][26]. Aufgrund der engen anatomischen Beziehung zur mimischen Muskulatur und zu sensiblen Nervenästen erfordert die Injektionstechnik eine präzise funktionelle Diagnostik, detaillierte anatomische Kenntnisse und eine qualifikationsgebundene Anwendung.
Rechtliche Grundlagen der zahnärztlichen Botulinum-Anwendung
Die funktionelle Anwendung von Botulinum in der Kaumuskulatur erfolgt in der Abteilung Zahnmedizin des Bundeswehrkrankenhaus Berlin ausschließlich bei zahnärztlich-funktioneller Indikation und ist in die Diagnostik und Therapie des stomatognathen Systems eingebettet. Unter diesen Voraussetzungen ist sie – bei entsprechender Qualifikation, strukturierter Befunderhebung, nachvollziehbarer Indikationsstellung sowie angemessener Praxis- und Ablauforganisation – dem Berufsbild der Zahnheilkunde im Sinne des § 1 Abs. 2 der Musterberufsordnung zuzuordnen [4].
Die zahnärztliche Anwendung bezieht sich damit auf therapeutische Eingriffe mit funktionellem Bezug (z. B. CMD, myofasziale Hyperaktivität, orofaziale Schmerzsyndrome) sowie auf Maßnahmen, die der Wiederherstellung, Erhaltung oder Verbesserung der Funktion des stomatognathen Systems dienen. Ästhetische bzw. kosmetische Anwendungen von Botulinum im Gesichts- oder mimischen Muskelbereich ohne funktionelle Indikation und ohne Bezug zum stomatognathen System gehören nicht zum durch die zahnärztliche Approbation umfassten Behandlungsumfang.
Von besonderer Bedeutung ist eine umfassende, verständliche und nachvollziehbar dokumentierte Patientenaufklärung. Diese umfasst insbesondere Indikation und Therapieziel, Wirkprinzip, Wirkeintritt und Wirkbegrenzungen, mögliche Risiken und Nebenwirkungen, alternative Behandlungsoptionen sowie patientenbezogene Verhaltenshinweise nach der Anwendung. Die Aufklärung bildet eine zentrale Voraussetzung für die rechtssichere Durchführung funktioneller Botulinumbehandlungen im zahnärztlichen Kontext.
Das multimodale Therapiekonzept am Bundeswehrkrankenhaus Berlin
Die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Bruxismus, CMD und orofazialen Schmerzsyndromen am Bundeswehrkrankenhaus Berlin folgt einem stufenweisen, funktionsdiagnostisch begründeten Entscheidungsmodell. Therapeutische Maßnahmen werden auf Grundlage des klinischen Befundes, der Funktionsanalyse, der Beschwerdeausprägung und des psychosozialen Kontexts ausgewählt.
Botulinum wird dabei gemäß klarer funktioneller Indikation eingesetzt und kann – je nach Schweregrad, Tonusmuster und Beschwerdebild – sowohl im Rahmen einer initialen funktionellen Stabilisierung als auch als ergänzende Interventionsstufe innerhalb des multimodalen Therapiekonzeptes Anwendung finden [1][18][25]. Besondere Bedeutung hat Botulinum dort, wo ausgeprägte muskuläre Hyperaktivität, tonische Pressmuster oder schmerzassoziierte Triggerprozesse andere Therapieformen funktionell einschränken und eine gezielte Tonus- und Reizreduktion erforderlich ist, um den Zugang zu weiterführenden Maßnahmen zu erleichtern.
Bei vielen Patientinnen und Patienten erfolgt – abhängig von Funktionsbefund und Symptomatik – zunächst eine schienentherapeutische Versorgung. Am Bundeswehrkrankenhaus Berlin kommen zahnfarbene, besonders dünne, CAD/CAM-gefräste Funktionsschienen mit adjustierter, funktionsdiagnostisch abgestimmter Oberfläche zum Einsatz. Diese werden aus dem Hochleistungspolymer Eldy Plus® (Heimerle+Meule GmbH, Pforzheim) hergestellt (Abbildung 2). Sie sind sowohl für das nächtliche als auch – indikationsbezogen – für phasenweises Tragen am Tag geeignet und dienen der funktionellen Entlastung, der muskulären Stabilisierung, dem Schutz sensibler Strukturen sowie der Reduktion afferenter Reizlast.
Abb. 2: Eingesetzte Unterkiefer-Eldy-Schiene, hergestellt im Dentallabor Büker, Dresden. Die Schienen aus diesem neuen Material sind so perfekt auf die Zahnfarbe angepasst und so dünn, dass man sie (fast) nicht sieht. (Foto: P. Maahs, Berlin).
Ergänzend werden je nach Beschwerdeprofil manual- und physiotherapeutische Maßnahmen, haltungs- und bewegungsbezogene Therapieansätze sowie psychologische und schmerzmedizinische Verfahren in das Gesamtkonzept integriert [5][18][24][26]. Muskelrelaxanzien können im zahnärztlichen Kontext indikationsbezogen unterstützend eingesetzt werden. Weitere pharmakologische Optionen, wie z. B. niedrig dosierte trizyklische Antidepressiva oder Antikonvulsiva, werden – sofern angezeigt – im Kompetenzverbund durch die jeweilige ärztliche Fachexpertise (insbesondere Schmerzmedizin, Psychologie/Psychiatrie) initiiert und begleitet [3][10][14].
Das Behandlungsvorgehen am Bundeswehrkrankenhaus Berlin stellt sich damit als multimodales, indikationsbezogen abgestuftes Versorgungskonzept dar, in dem Botulinum – abhängig von Befund und therapeutischer Zielsetzung – eine gezielt funktionelle Rolle einnimmt und gemeinsam mit Schienentherapie, Physiotherapie, psychosozialer Begleitung und schmerzmedizinischer Mitbetreuung integriert wird [5][18][24][26].
Botulinum in der neurologischen Rehabilitation
Bei Patientinnen und Patienten mit neurologischen Hochtonus-Zuständen kann Botulinum tonischen Bruxismus, orale Selbstverletzung und Pflegeschwierigkeiten reduzieren [7][14]. Studien und Fallserien zeigen, dass eine gezielte Injektion in hyperaktive Kaumuskulatur Tonuszustände senken und die Durchführung der oralen Pflege erleichtern kann [7][14]. Diese Beobachtungen entsprechen den klinischen Erfahrungen im Bundeswehrkrankenhaus Berlin.
Chronische Schmerzen im craniomandibulären System: Die therapeutische Bedeutung von Botulinum
Chronische orofaziale Schmerzen entstehen aus dem Zusammenspiel peripherer Triggerpunkte, vegetativer Aktivierung und zentraler Sensibilisierung [9][18][19][23][24]. Botulinum kann diesen Kreislauf sowohl durch muskuläre Tonusreduktion als auch durch neurochemische Modulation beeinflussen [1][12][14].
Fazit
Bruxismus, craniomandibuläre Dysfunktion, posttraumatische Belastungsstörung und chronische orofaziale Schmerzen bilden im militärischen Kontext ein komplexes biopsychosoziales Funktionsspektrum, in dem somatische, psychische und belastungsbezogene Faktoren eng miteinander verknüpft sind [9][12][19][20][23]. Neuromuskuläre Aktivitätsmuster der Kaumuskulatur können dabei als somatische Ausdrucksform der Stress- und Traumaverarbeitung verstanden werden und spiegeln die besonderen Anforderungen der militärischen Einsatzrealität wider.
Klinische Erfahrungen und die verfügbare Evidenz zeigen, dass Botulinum – bei klarer funktioneller Indikationsstellung, eingebettet in ein strukturiertes multimodales Therapiekonzept – eine wirksame Option zur Reduktion muskulärer Hyperaktivität und zur Modulation schmerzassoziierter Prozesse sein kann [1][7][14][26].
Den größten therapeutischen Nutzen entfaltet Botulinum im Rahmen eines integrativen Vorgehens, das Funktionsschienentherapie, manual- und physiotherapeutische Maßnahmen, Haltungs- und Bewegungstherapie sowie – bei traumabezogenen Belastungen – psychotraumatologische und schmerzmedizinische Mitbetreuung miteinander verknüpft [5][8][18][25]. In dieser interdisziplinären Perspektive kann Botulinum dazu beitragen, funktionelle Stabilisierung zu erreichen, Press- und Knirschaktivität zu reduzieren und die Voraussetzungen für weiterführende therapeutische Maßnahmen im militärischen Versorgungskontext nachhaltig zu verbessern.
Die im Bundeswehrkrankenhaus Berlin gewonnenen Erfahrungen unterstreichen den Stellenwert von Botulinum als Bestandteil eines funktionsorientierten, evidenzbasierten Behandlungskonzeptes bei komplexen orofazialen Schmerz- und Funktionsstörungen im militärischen Versorgungskontext.
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Manuskriptdaten
Zitierweise
Wilk-Vollmann S, Mund A. Evidenzbasierter Einsatz von Botulinum in der zahnärztlichen Funktionsdiagnostik und Therapie. WMM. 2026;70(3):82-87.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-850
Für die Verfasser
Oberstarzt Dr. Andreas Mund, M.Sc., FEBOS
Abteilung XXIII – Zahnmedizin
Bundeswehrkrankenhaus Berlin
Scharnhorststraße 13, 10115 Berlin
E-Mail: andreasmund@bundeswehr.org
Manuscript Data
Citation
Wilk-Vollmann S, Mund A. [Evidence-based Use of Botulinum in Dental Functional Diagnostics and Therapy.] WMM. 2026;70(3):82-87.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-850
For the Authors
Colonel (DC) Dr. Andreas Mund, DDS, M.Sc., FEBOS
Department XXIII - Dental Medicine
Bundeswehr Hospital Berlin
Scharnhorststraße 13, D-10115 Berlin
E-Mail: andreasmund@bundeswehr.org