Mobile Zahnmedizin unter dynamischen Versorgungsbedingungen
Historische Erfahrungen, demografischer Wandel und modulare Versorgungskonzepte für zivile und militärische Kontexte
Mobile Dentistry in a Dynamic Medical Healthcare Environment
Christoph Bluma, Andreas Mundb
a Praxis Dr. Blum & Partner, Taunusallee 7–11 56130 Bad Ems
b Abteilung XXIII - Zahnmedizin, Bundeswehrkrankenhaus Berlin
Zusammenfassung
Mobile zahnärztliche Versorgungskonzepte gewinnen unter dynamischen Versorgungsbedingungen zunehmend an Bedeutung. Dentale Erkrankungen zählen zu den häufigsten Ursachen funktioneller Einschränkungen und können sowohl im zivilen als auch im militärischen Kontext die Einsatz-, Arbeits- und Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Historisch entstanden mobile Dentaleinheiten stets dort, wo stationäre Versorgungsstrukturen nicht verfügbar, überlastet oder logistisch nicht erreichbar waren.
Aktuelle Entwicklungen – darunter der demografische Wandel, die steigende Zahl pflegebedürftiger und mobilitätseingeschränkter Menschen, die Ausdünnung zahnärztlicher Versorgung in ländlichen Regionen sowie temporäre infrastrukturelle Einschränkungen – führen dazu, dass klassische praxisgebundene Versorgungskonzepte an strukturelle Grenzen stoßen. Internationale Erfahrungen zeigen, dass mobile dentale Behandlungseinheiten in dünn besiedelten Regionen bereits seit Jahren erfolgreich eingesetzt werden, um Versorgungslücken zu schließen.
Der vorliegende Artikel ordnet die mobile Zahnmedizin als resilientes, modulares Versorgungskonzept ein. Anhand historischer Entwicklungen, zivilgesellschaftlicher Bedarfe sowie praxisbasierter Beispiele aus dem Bundeswehrkrankenhaus Berlin und aus einem zivilen mobilen Vollversorgungskonzept werden technische, organisatorische und personelle Anforderungen dargestellt. Darüber hinaus wird diskutiert, inwieweit mobile zahnärztliche Module künftig auch in multinationale sanitätsdienstliche Strukturen eingebunden werden könnten. Mobile Zahnmedizin wird damit als verbindendes Element zwischen zivilen und militärischen Versorgungsrealitäten verstanden.
Schlüsselwörter: mobile Zahnmedizin, demografischer Wandel, ländlicher Raum, non-battle-injuries, modulare Versorgungssysteme
Summary
Mobile dental care concepts are increasingly relevant in dynamic, non-stationary healthcare environments. Dental conditions are among the most frequent causes of functional impairment and can significantly affect operational capability, work performance, and quality of life in both civilian and military settings. Historically, mobile dental services emerged when fixed infrastructure was unavailable, overloaded, or logistically inaccessible. Current developments, including demographic change, the growing number of elderly and care-dependent individuals, reduced dental coverage in rural areas, and temporary infrastructure constraints, increasingly challenge traditional practice-based care models. International experiences show that mobile dental units have long been successfully integrated into regular healthcare delivery in sparsely populated regions. This article frames mobile dentistry as a resilient and modular healthcare concept. Drawing on historical developments, civilian healthcare demands, and practice-based examples from the Bundeswehr Hospital Berlin and a civilian full-service mobile dental model, the article outlines technical, organizational, and personnel requirements. It also discusses the potential role of mobile dental modules within multinational medical structures. Mobile dentistry is thus presented as a linking element between civilian and military healthcare systems.
Keywords: mobile dentistry; demographic change; rural healthcare; non-battle injuries; deployable dental systems
Zahnmedizin unter veränderten Versorgungsrealitäten
Die zahnärztliche Versorgung in Deutschland und vergleichbaren Industriestaaten war über Jahrzehnte hinweg primär auf stationäre Strukturen ausgerichtet. Niedergelassene Praxen bildeten die Grundlage einer flächendeckenden Versorgung, die durch klinische Einrichtungen für spezialisierte Behandlungen ergänzt wurde. Dieses Modell setzt voraus, dass Patientinnen und Patienten die Versorgungseinrichtung eigenständig erreichen können und dass die entsprechende Infrastruktur dauerhaft verfügbar ist.
Zunehmend zeigt sich jedoch, dass diese Voraussetzungen nicht mehr uneingeschränkt gelten. Der demografische Wandel führt zu einer steigenden Zahl älterer, multimorbider sowie mobilitäts- und kognitiv eingeschränkter Menschen. Parallel dazu verändern sich die Strukturen der zahnärztlichen Versorgung selbst: Einzelpraxen gehen insbesondere in ländlichen Regionen zurück, während größere Versorgungseinheiten und medizinische Versorgungszentren vor allem in urbanen Räumen entstehen [5][6]. Für betroffene Bevölkerungsgruppen ergeben sich daraus längere Wege, eingeschränkte Terminverfügbarkeiten und faktische Versorgungslücken.
Auch im Bereich des Sanitätsdienstes der Bundeswehr bestehen Versorgungsrealitäten, die nicht dauerhaft an feste Standorte gebunden sind. Übungen, bauliche Übergangsphasen, Standortverlagerungen, temporäre Einsätze oder multinationale Kooperationen erfordern flexible medizinische Strukturen. Vor diesem Hintergrund rückt mobile Zahnmedizin erneut in den Fokus als Versorgungskonzept, das auf Mobilität, Modularität und Autarkie basiert und sowohl zivilen als auch militärischen Anforderungen gerecht werden kann.
Historische Perspektiven:
Mobile Zahnmedizin als Reaktion auf strukturelle Grenzen
Mobile zahnärztliche Versorgung ist historisch kein Ausnahmephänomen, sondern entstand wiederholt aus der Notwendigkeit, Versorgung unter eingeschränkten infrastrukturellen Bedingungen sicherzustellen. Bereits im 17. Jahrhundert lassen sich erste Ansätze einer organisierten zahnärztlichen Betreuung innerhalb militärischer Organisationen nachweisen [1]. Spätestens im Ersten Weltkrieg wurde deutlich, dass unbehandelte Zahnerkrankungen erheblich auf die Funktions- und Einsatzfähigkeit Einfluss nahmen [10].
Da stationäre Einrichtungen häufig nicht erreichbar waren, wurden mobile dentale Einheiten eingeführt, die eine unmittelbare Behandlung in Truppennähe ermöglichten [10]. Im Zweiten Weltkrieg entwickelten insbesondere die britischen Streitkräfte mobile Dentallabore auf Fahrzeugbasis, mit denen neben Akutbehandlungen auch prothetische Leistungen erbracht werden konnten [4]. Diese Konzepte folgten einem klaren Prinzip: Die Versorgung musste der Bewegung folgen.
Die historische Betrachtung verdeutlicht, dass mobile Zahnmedizin stets dort an Bedeutung gewann, wo klassische Versorgungsmodelle an strukturelle Grenzen stießen. Innovation entstand weniger aus technologischem Fortschritt als aus organisatorischem und logistischem Zwang – ein Muster, das sich auch in der Gegenwart wiederfindet.
Entwicklung und Fortschritt entstehen in Krisen
Über Jahrzehnte hinweg war die zivile zahnärztliche Versorgung in Deutschland durch stationäre Praxen in nahezu jeder Stadt und in vielen Dörfern gewährleistet. Wie in anderen Bereichen des Gesundheitswesens fehlen jedoch zunehmend nicht nur Fachkräfte, sondern insbesondere Zahnärztinnen und Zahnärzte, die bereit sind, Praxen zu gründen oder zu übernehmen und damit eine wohnortnahe Versorgung sicherzustellen. Prognosen des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ) sowie aktuelle Analysen der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung zeigen, dass die Gesamtzahl der Zahnärztinnen und Zahnärzte bis 2030 weitgehend stabil bleibt oder leicht zunimmt, während die Zahl der Einzelpraxen kontinuierlich abnimmt und sich die Versorgungsstruktur zunehmend in Richtung größerer Einheiten und medizinischer Versorgungszentren verschiebt [5][6]. Zwischen 2015 und 2023 ist bereits nahezu jede zehnte Zahnarztpraxis verschwunden; insbesondere in ländlichen Regionen ist davon auszugehen, dass sich dieser Trend weiter fortsetzt [6].
Parallel dazu steigt die Zahl pflegebedürftiger Menschen deutlich an. Das Statistische Bundesamt berichtete für Dezember 2021 von rund 5,0 Millionen Pflegebedürftigen im Sinne des SGB XI; Ende 2023 waren es bereits 5,69 Millionen. Dies entspricht einem Anstieg von etwa 15 % innerhalb von zwei Jahren [12]. Langfristige Projektionen des Wissenschaftlichen Instituts der PKV gehen davon aus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 auf etwa 5,8 Millionen ansteigen wird [3].
Für die praktische zahnärztliche Versorgung ist insbesondere die Versorgungsform von Bedeutung: Nach aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes werden rund 86 % aller Pflegebedürftigen im häuslichen Umfeld versorgt, während lediglich etwa 14 % in vollstationären Pflegeeinrichtungen leben [12].
Nicht das chronologische Alter stellt dabei den entscheidenden limitierenden Faktor dar, sondern multimorbide Krankheitsbilder, zunehmende kognitive Einschränkungen und Immobilität. Eigene Reihenuntersuchungen der Autoren in Einrichtungen nach SGB XI, SGB XII und SGB IX sowie im häuslichen Umfeld zeigen eine ausgeprägte Diskrepanz zwischen dem subjektiv wahrgenommenen und dem objektiv festgestellten Behandlungsbedarf. Während Pflegepersonal häufig angibt, es bestehe kein oder nur geringer zahnärztlicher Versorgungsbedarf, fanden sich klinisch in etwa 90 % der untersuchten Fälle behandlungsbedürftige orale Befunde. Darüber hinaus waren 80–90 % der untersuchten Patientinnen und Patienten mobilitätseingeschränkt und 70–90 % kognitiv reduziert.
Demografischer Wandel, ländliche Räume und internationale Erfahrungen
Der demografische Wandel wirkt nicht isoliert, sondern entfaltet seine Auswirkungen vor allem im Zusammenspiel mit strukturellen Veränderungen des Gesundheitswesens. Während die steigende Zahl pflegebedürftiger und mobilitätseingeschränkter Menschen bereits auf individueller Versorgungsebene erhebliche Herausforderungen mit sich bringt, verstärken sich diese Effekte durch eine zunehmende Ausdünnung der medizinischen Infrastruktur – insbesondere in ländlichen und strukturschwachen Regionen [3].
Parallel zum demografischen Wandel verändert sich die Struktur der zahnärztlichen Versorgung in Deutschland grundlegend. Prognosen des Instituts der Deutschen Zahnärzte sowie Analysen der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung zeigen, dass die Gesamtzahl der Zahnärztinnen und Zahnärzte zwar insgesamt stabil bleibt, sich die Versorgungslandschaft jedoch zunehmend von kleineren Einzelpraxen hin zu größeren Einheiten und medizinischen Versorgungszentren verschiebt [5][6]. Diese Entwicklung betrifft vor allem periphere Regionen, in denen Praxisnachfolgen immer seltener realisiert werden können. Die Folgen sind längere Anfahrtswege, eingeschränkte Terminverfügbarkeit und eine wachsende Abhängigkeit von wenigen verbliebenen Versorgungsstrukturen.
Für mobilitätseingeschränkte, kognitiv beeinträchtigte oder pflegebedürftige Menschen verstärken sich diese strukturellen Effekte erheblich. Selbst bei formal vorhandener zahnärztlicher Infrastruktur ist eine Inanspruchnahme häufig nicht mehr realistisch. Der demografische Wandel wirkt damit als Verstärker bereits bestehender Versorgungsdefizite [3].
Internationale Erfahrungen aus Ländernmit großer Fläche oder geringer Bevölkerungsdichte zeigen, dass mobile dentale Versorgungseinheiten dort seit Jahren gezielt eingesetzt werden, um diesen strukturellen Herausforderungen zu begegnen. In Ländern wie Kanada, Australien oder den skandinavischen Staaten sind mobile Behandlungssysteme fester Bestandteil der Regelversorgung und dienen der nachhaltigen Sicherstellung präventiver, konservierender und chirurgischer Leistungen in Regionen mit eingeschränkter stationärer Infrastruktur (Abbildung 1) [9].
Abb. 1: Der erste mobile Behandlungscontainer der Praxis Dr. Blum und Partner. (Foto: C. Blum)
Diese internationalen Modelle verdeutlichen, dass mobile Zahnmedizin nicht als temporäre Notlösung, sondern als strategisches Instrument zur Sicherstellung gleichwertiger Versorgungsstrukturen verstanden werden kann. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und regionaler Disparitäten bieten sie Ansatzpunkte, die auch für das deutsche Gesundheitswesen sowie für sanitätsdienstliche Anforderungen der Bundeswehr relevant sein können [6].
Mobile Dentistry im Bundeswehrkrankenhaus Berlin: Ein modernes Testfeld
Das Bundeswehrkrankenhaus Berlin dient aktuell als Reallabor für mobile zahnärztliche Behandlungskonzepte. Hintergrund sind geplante umfangreiche bauliche Sanierungen am Gebäude 9, in dem die Abteilung XXIII – Zahnmedizin untergebracht ist. Um die Behandlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten, soll die zahnärztliche Versorgung zeitweise durch mobile Systeme sichergestellt werden (Abbildung 2).
Abb. 2: Eine ganze „Zahnarztpraxis“, die auf die Ladefläche eines Pick-ups passt: Die akkubetriebene OP-Liege und die verpackte mobile Behandlungseinheit. (Foto: P.W. Radicke)
Mit einer akkubetriebenen BRUMABA Primus OP-Liege (BRUMABA GmbH & Co. KG, Geretsried), einer mobilen Behandlungseinheit, einem integrierten Absaugsystem und einer Flaschenwasserversorgung konnte ein ehemaliges Dentallabor innerhalb kürzester Zeit in einen vollwertigen zahnärztlichen Behandlungsraum umgebaut werden. Ein Setup von etwa 30 Minuten durch zwei Personen genügte, um den Routinebetrieb herzustellen.
Narkosebehandlungen unter Intubationsnarkose (ITN) finden im Bundeswehrkrankenhaus Berlin aus baulichen Gründen, aber vor allem aus Gründen der Patientensicherheit, ausschließlich im zentralen Operationsbereich des Haupthauses statt. Daher wird die mobile Behandlungseinheit regelmäßig als flexibles Modul im OP genutzt – ohne Abstriche bei Qualität oder Sicherheit. Dies zeigt, dass mobile Technik nicht im Widerspruch zu hohen sicherheits- und qualitätsrelevanten Standards steht, sondern diese gewinnbringend ergänzen kann.
Ein ebenfalls in der Abteilung Zahnmedizin etablierter zahnärztlicher Rucksackbewährte sich mehrfach, unter anderem bei der Akutversorgung von Regierungsmitgliedern und Angehörigen des Deutschen Bundestages. Damit wird deutlich, dass mobile Systeme selbst in hochsensiblen Lagen und Gebäuden eingesetzt werden können, ohne dass große bauliche Eingriffe erforderlich sind.
Zukunftsweisend ist zudem die Kooperation zwischen dem Bundeswehrkrankenhaus Berlin, der Bundeszahnärztekammer und der Charité. Ein mobiles Behandlungsmobil soll vulnerable Bevölkerungsgruppen in Berlin versorgen und zugleich als Ausbildungs- und Entwicklungseinheit für mobile militärische Strukturen dienen. Hier schließen sich zivile und militärische Anforderungen in einem gemeinsamen Projekt zielorientiert zusammen.
Praxiserfahrungen aus der Entwicklung mobiler zahnärztlicher Vollversorgungskonzepte1
Um der im zivilen Bereich bestehenden Versorgungslücke zu begegnen, wurde von März 2018 bis 2019 das erste und bis heute einzige vollumfängliche mobile zahnärztliche Versorgungskonzept für immobilitäts- und kognitionseingeschränkte Patientinnen und Patienten entwickelt. Grundlage waren langjährige Erfahrungen im boden- und luftgebundenen Rettungsdienst sowie Strukturen der Bundeswehr, insbesondere mobile Rettungsstationen und modulare Sanitätseinrichtungen.
Es entstand ein 7 m langer Container auf Abrollrahmen mit barrierefreiem Zugang, der ausreichend Platz für eine Behandlungs- und OP-Zone sowie einen Kontroll-, Dokumentations- und Überwachungsbereich bot. Von Anfang an lag der Fokus auf hoher Redundanz: Kreislaufmonitoring, Absaugung, Licht- und Gasversorgung waren doppelt ausgelegt. Vorgabe war, dass sämtliche zahnärztlichen und oralchirurgischen Maßnahmen einer modernen Praxis – inklusive Sedierung und Narkose – vor Ort durchführbar sein müssen. Erstmals wurde ein handgehaltenes mobiles Röntgengerät (Zahnfilm) zugelassen, das eine Diagnostik ohne Umlagerung ermöglicht.
Bei der Konzeption wurde bewusst auf Rettungstragen zurückgegriffen, um auch bettlägerige Menschen sowie Patientinnen und Patienten mit ausgeprägten Spastiken möglichst schonend lagern und transportieren zu können. Zunächst wurden stationäre Einrichtungen versorgt, in denen an Behandlungstagen 15–20 Personen in Narkose, Sedierung oder unter Lokalanästhesie behandelt wurden. Durch zwei parallel eingesetzte Tragen gelang eine effiziente Rotation.
Mit Beginn der COVID-19-Pandemie musste das System abrupt angepasst werden. Containerbehandlungen und Transporte in die Praxis waren aus infektionspräventiver Sicht nicht vertretbar. Daher wurden Individualbesuche im häuslichen oder stationären Umfeld durchgeführt – unter Vollschutz, mit Einmalmaterial und strengen Desinfektionsprotokollen. Behandlungen, einschließlich Sedierungen, blieben so möglich, wenn auch körperlich deutlich anspruchsvoller am Pflegebett. Narkosen konnten pandemiebedingt nicht durchgeführt werden.
Aufgrund zunehmender Anfragen wurde parallel eine zweite Versorgungseinheit auf Rettungstransportwagen (RTW)-Basis aufgebaut. Auch hier galt: maximale Redundanz. Keine fest verbauten Geräte und sofortige Austauschbarkeit im Schadensfall. Im Kastenaufbau des RTW konnte ein Narkosekreislaufgerät installiert werden. An ITN-Tagen wurde die mobile OP-Lampe umgesetzt, der Narkosemonitor ergänzt und eine variable Ablage für die Anästhesie eingerichtet. Unter regulären Bedingungen konnten an einem sechsstündigen OP-Tag acht bis zehn Narkosen mit Wechselzeiten von fünf bis zehn Minuten durchgeführt werden (Abbildung 3).
Abb. 3: Anfertigung intraoperativer Röntgenbilder mittels eines mobilen Röntgengeräts im Behandlungscontainer (Foto: C. Blum)
Derzeit werden rund 45 Einrichtungen der Altenpflege und Eingliederungshilfe mit insgesamt etwa 5 000 Patientinnen und Patienten betreut. Entscheidend für das Gelingen sind ein hochmotiviertes Organisations- sowie ein Behandlerteam mit jahrelanger Erfahrung in der Versorgung von Risikopatienten, in der Notfallmedizin und bei der Arbeit unter erschwerten Bedingungen. Unter den aktuellen Ausbildungsstandards werden diese Inhalte kaum vermittelt – dennoch sind sie essenziell, nicht nur im Zivilbereich, sondern auch für militärische Szenarien im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung.
Diskussion
Die dargestellten historischen, zivilen und klinischen Erfahrungen zeigen übereinstimmend, dass mobile Zahnmedizin keine improvisierte Notlösung darstellt, sondern eine belastbare Ergänzung bestehender Versorgungsstrukturen ist. Dentale Erkrankungen zählen weiterhin zu den häufigsten Ursachen funktioneller Einschränkungen und sind sowohl im zivilen als auch im militärischen Umfeld eine relevante Belastung [2][8][14].
Mobile Versorgungssysteme bieten insbesondere dort Vorteile, wo stationäre Strukturen nicht verfügbar, überlastet oder logistisch schwer erreichbar sind. Voraussetzung für ihren erfolgreichen Einsatz ist jedoch eine vollwertige technische Ausstattung, eine hohe Ausfallsicherheit durch Redundanz sowie speziell geschultes Personal, das auch unter eingeschränkten Ressourcen sicher arbeiten kann [7][13].
Im Kontext multinationaler Streitkräfte stellt sich zunehmend die Frage, inwieweit solche Konzepte auch im Rahmen der Bündnisverteidigung anschlussfähig sind. Dabei geht es weniger um den Ersatz bestehender sanitätsdienstlicher Einrichtungen als vielmehr um die flexible Ergänzung etablierter Versorgungsstufen. Mobile zahnärztliche Module könnten perspektivisch dazu beitragen, temporäre Versorgungslücken zu überbrücken, etwa bei Verlegungen, Übergangsphasen oder in multinationalen Einsatzverbänden.
Internationale Studien zeigen, dass trotz standardisierter Dental-Fitness-Klassifikationen ein erheblicher Anteil an dentalen Non-Battle-Injuries unter Einsatzbedingungen nicht vollständig vermeidbar ist [8][11][14]. Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, mobile Versorgungskonzepte weiter zu evaluieren, insbesondere hinsichtlich Interoperabilität, logistischer Einbindung und Ausbildung.
Fazit
Mobile Zahnmedizin stellt unter den Bedingungen des demografischen Wandels, der regionalen Unterversorgung und der dynamischen Versorgungsanforderungen ein zunehmend relevantes Instrument dar. Historische Erfahrungen, internationale Modelle und aktuelle Praxisberichte zeigen, dass eine qualitativ hochwertige zahnärztliche Versorgung auch außerhalb klassischer Praxis- und Klinikstrukturen realisierbar ist.
Die im Bundeswehrkrankenhaus Berlin sowie im zivilen mobilen Vollversorgungskonzept gewonnenen Erfahrungen belegen, dass modulare, autarke Systeme technisch und organisatorisch auf einem Niveau betrieben werden können, das eine flexible Nutzung ermöglicht. Mobile Zahnmedizin folgt hierbei einem klaren Prinzip: Die Versorgung orientiert sich am Bedarf der Patientinnen und Patienten – nicht an der Verfügbarkeit stationärer Infrastruktur.
Über den zivilen Bereich hinaus haben solche Konzepte eine potenzielle Relevanz für den Sanitätsdienst der Bundeswehr im multinationalen Kontext. Im Rahmen der Bündnisverteidigung sind Versorgungsrealitäten denkbar, die durch Mobilität, wechselnde Einsatzräume und temporäre Infrastruktur geprägt sind. Mobile zahnärztliche Module könnten hier – nach weiterer Evaluation – eine ergänzende Rolle spielen und zur Resilienz sanitätsdienstlicher Strukturen beitragen.
1 Erfahrungsbericht basierend auf der Arbeit von Oberstabsarzt d.R. Dr. Christoph Blum
Literatur
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- Bahnsen L. Womit in der Zukunft zu rechnen ist: Eine Projektion der Zahl der Pflegebedürftigen. Köln: Wissenschaftliches Institut der PKV (WIP); 2022. mehr lesen
- Hulm F. Dentistry in the field – a mobile dental laboratory during World War II. Br Dent J. 2007;202(2):105–109. mehr lesen
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- Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV). Versorgung sichern – Strukturen stärken: Aktionsplan 2025–2030. Köln: KZBV; 2025. mehr lesen
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- Mahoney GD, Coombs M. A literature review of dental casualty rates. Mil Med. 2000;165(10):751–756. mehr lesen
- Marples C, Wright J. Sixteen years on the road: a mobile dental unit for vulnerable communities in Bradford. Br Dent J. 2022;233:503–505. mehr lesen
- MyLearning. WW1 mobile dental surgery: the first specialist dental treatment for soldiers. Leeds; 2015. mehr lesen
- NATO Standardization Office. AMedP-4.4 Dental fitness standards for military personnel and the NATO dental fitness classification system. Brussels: NSO; 2014. mehr lesen
- Statistisches Bundesamt (Destatis). Mehr Pflegebedürftige in Deutschland. Wiesbaden; 2025. mehr lesen
- Struthers MW, Kosaraju A, Vandewalle KS. Dental emergency rates at an expeditionary medical facility. Mil Med. 2025;190(7–8):1564–1569. mehr lesen
- Vaughan M, McGowan T, Mahoney G. Dental disease non-battle injury rates of deployed NATO militaries. Mil Med. 2021;186(7–8):707–713. mehr lesen
Manuskriptdaten
Zitierweise
Blum C, Mund A. Mobile Zahnmedizin unter dynamischen Versorgungsbedingungen – Historische Erfahrungen, demografischer Wandel und modulare Versorgungskonzepte für zivile und militärische Kontexte. WMM 2026;70(3):93-97.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-844
Für die Verfasser
Oberstarzt Dr. Andreas Mund, M.Sc., FEBOS,
Abteilung XXIII - Zahnmedizin
Bundeswehrkrankenhaus Berlin
Scharnhorststraße 13, 10115 Berlin
E-Mail: andreasmund@bundeswehr.org
Manuscript Data
Citation
Blum C, Mund A. [Mobile Dentistry in a Dynamic Healthcare Environment.] WMM 2026;70(3):93-97.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-844
For the Authors
Colonel (DC) Dr. Andreas Mund, DDS, M.Sc., FEBOS
Department XXIII - Dental Medicine
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