Fallstricke in der Endodontologie
Pitfalls in Endodontology
Henriette Skibaa, Andreas Munda
a Abteilung XXIII - Zahnmedizin, Bundeswehrkrankenhaus Berlin
Zusammenfassung
Die endodontische Therapie stellt hohe Anforderungen an Diagnostik, Planung und technische Umsetzung, bietet jedoch bei leitliniengerechtem Vorgehen eine prognostisch günstige und substanzschonende Möglichkeit zum Zahnerhalt. Der Beitrag analysiert typische Fallstricke der Endodontologie, die den Behandlungserfolg beeinträchtigen können. Dazu gehören z. B. diagnostische Unsicherheiten, Defizite in der Patientenkommunikation, anatomische Variationen des Wurzelkanalsystems, technische Komplikationen, unzureichende Desinfektion sowie Mängel im koronalen Verschluss. Es wird aufgezeigt, dass der langfristige Behandlungserfolg weniger von einzelnen Instrumenten oder Techniken abhängt als vielmehr von einem strukturierten, vorausschauenden Gesamtkonzept. Ziel ist es, Sicherheit im endodontischen Alltag zu vermitteln und den Zahnerhalt als planbare, prognostisch verlässliche Therapieoption zu stärken.
Schlüsselwörter: Endodontologie, Wurzelkanalbehandlung, Diagnostik, Desinfektion, Zahnerhalt
Summary
Endodontic treatment places high demands on diagnosis, planning, and technical execution, yet when performed according to current guidelines, it remains a predictable, tooth-preserving therapeutic option. This article discusses common pitfalls in endodontics that may compromise treatment success, including diagnostic inaccuracies, insufficient patient communication, anatomical complexities of the root canal system, technical challenges, inadequate chemomechanical disinfection, and insufficient coronal sealing. The article emphasizes that long-term success depends less on specific materials or techniques but more on a structured, comprehensive treatment concept. The aim is to promote confidence in clinical endodontic practice and to reinforce tooth preservation as a reliable treatment modality.
Keywords: endodontics; root canal treatment; diagnosis; disinfection; tooth preservation
Einleitung und Hintergrund
Die Endodontologie nimmt innerhalb der modernen Zahnmedizin eine zentrale Rolle im zahnerhaltenden Therapiespektrum ein und stellt zugleich hohe Anforderungen an Diagnostik, Planung und technische Umsetzung. Sie beschäftigt sich unter anderem mit der Ätiologie, Behandlung und Prävention von Erkrankungen des Endodonts, einer funktionellen Einheit von Zahnpulpa und Dentin, sowie dessen Form und Funktion. Zu den endodontischen Behandlungsmaßnahmen zählen die Wurzelkanalbehandlung, Versorgung von Zahntraumata, den Zahn vitalerhaltende Maßnahmen sowie die Restauration (Prothetik) wurzelgefüllter Zähne. Vitalerhaltende und prothetische Maßnahmen werden unter anderem in den nachfolgenden Artikeln beleuchtet. Bei adäquater Indikationsstellung und leitliniengerechtem Vorgehen ermöglicht sie in vielen Fällen eine prognostisch zuverlässige Alternative zu extraktiven oder implantologischen Versorgungsstrategien.
Ziel dieses Beitrags ist es, aufzuzeigen, dass endodontische Behandlungen bei strukturierter Planung, klarer Entscheidungsfindung und kontrollierter Durchführung weder für Patienten noch für Behandler zwangsläufig mit erhöhtem Stress oder Unsicherheit verbunden sein müssen. Vielmehr kann die Endodontologie als planbares und beherrschbares Behandlungskonzept verstanden werden, sofern typische Fehlerquellen frühzeitig erkannt und vermieden werden.
Der Artikel beschreibt im Einzelnen häufige Fallstricke der endodontischen Therapie, die den Behandlungserfolg maßgeblich beeinflussen können. Diese betreffen insbesondere die initiale Diagnostik, die Patientenkommunikation, die anatomischen Besonderheiten des Wurzelkanalsystems, die technischen Aspekte der Instrumentierung, die chemomechanische Desinfektion sowie die provisorische und definitive Versorgung. Ziel ist es, eine strukturierte Entscheidungsgrundlage zu schaffen, um Therapieoptionen, Prognosen und Grenzen der endodontischen Behandlung realistisch und nachvollziehbar einschätzen zu können.
Diagnostik
Die Diagnostik ist im Rahmen der Schmerz- und Notfallbehandlung der Schlüssel für eine kausale Schmerztherapie [1][2]. Der erste Ansprechpartner ist der Patient. Durch Schmerzen, Analgetika und ggf. schlaflose Nächte kann es Betroffenen schwerfallen, den verursachenden Zahn sicher zu lokalisieren; zudem sind viele Patienten emotional aufgewühlt und für umfangreiche Diagnostik zunächst wenig zugänglich. Das subjektive Empfinden des Patienten sollte jedoch die Therapieentscheidung nicht beeinflussen. Eine wertschätzende und sachliche Patientenkommunikation ist erforderlich, um die Beschwerden ernst zu nehmen und die Notwendigkeit einer zeitnahen, ursachenorientierten Diagnostik zur nachhaltigen Symptomlinderung zu vermitteln. Hierfür empfiehlt sich neben Vitalitätsprobe und Perkussion folgende Fragereihe [30]:
- Liegt eine odontogene oder eine nicht-odontogene Schmerzursache vor (z. B. einseitige Sinusitis mit Perkussionsempfindung an den Zähnen 14–17)?
- Welche Qualität hat der Schmerz (hell/stechend/kurz vs. dumpf/ausstrahlend/lang)?
- Wann trat der Schmerz erstmals auf? Ist er dauerhaft oder reizabhängig?
- Lässt sich der Schmerz sicher reproduzieren? Ist der Zahn lokalisierbar?
- Liegt eine reversible Pulpitis (kurze, nicht reizüberdauernde Schmerzreaktion, ggf. kariös bedingt) oder eine irreversible Pulpitis (anhaltender, starker, pochender, reizüberdauernder Schmerz) vor?
- Sorgt kaltes Wasser für eine kurzfristige Linderung der Beschwerden (Hinweis auf irreversible Pulpitis)?
- Können andere Befunde ausgeschlossen werden (Sekundärkaries, freiliegender Zahnhals, Gingivitis/Parodontitis, Sinusitis nach Infekt, Fraktur)?
Liegen klinische und diagnostische Hinweise auf eine irreversible Pulpitis oder eine Pulpanekrose vor, ist vor Beginn der Wurzelkanalbehandlung die Anfertigung eines aktuellen, diagnostisch verwertbaren Röntgenbildes erforderlich [33]. Die präoperative Röntgendiagnostik dient der Beurteilung der Wurzel- und Kanalmorphologie sowie der Erfassung möglicher pathologischer Befunde (z. B. apikale Veränderungen, Obliteration, interne Resorption, tiefreichende Karies) und ist eine wesentliche Voraussetzung für eine strukturierte Planung und die erfolgreiche Durchführung der endodontischen Therapie.
Die Rolle der guten Kommunikation
Entscheidend für den weiteren Verlauf der Behandlung ist die aufgeklärte Zustimmung des Patienten. Hierzu müssen Diagnose, geplanter Behandlungsablauf, Ziel und Alternativen sowie mögliche Komplikationen verständlich erläutert werden. Eine klare Patientenkommunikation mit transparenter Vermittlung des weiteren Prozederes kann die Patientenadhärenz im Verlauf der Behandlung verbessern [36]. Die Abwägung von Alternativtherapien sollte gemeinsam mit dem Patienten erfolgen und das Behandlungsziel sollte eindeutig festgelegt werden. Zwingend enthält das Aufklärungsgespräch u. a. die Punkte Instrumentenfraktur, Spülunfall, Nervenreizungen und Zahnverlust [7]. Erst durch den aufgeklärten Patientenwillen erhält die Entscheidung zur Wurzelkanalbehandlung juristischen Bestand und schafft eine realistische Erwartungshaltung [8].
Anatomische Fallstricke
Stark gekrümmte, überzählige oder versteckte Kanäle können die vollständige Aufbereitung und Desinfektion erschweren. Hierfür ist es wichtig,
- anatomische Gegebenheiten (Wurzel- und Kanalanzahl, Krümmungen und -winkel),
- eine geeignete Trepanationsform zur Orientierung sowie
- typische „Ausreißer“ (z. B. MB2, Middle Mesial am ersten unteren Molaren, drei Kanäle beim oberen ersten Prämolaren, zwei Kanäle bei unteren Inzisiven)
zu kennen und bei Bedarf mittels Messaufnahme weiter abzuklären.
Liegt ein Kanal beim oberen ersten Prämolaren sehr weit mesial oder distal im Vergleich zum palatinalen Kanal, sollte eine Messaufnahme zur weiteren Diagnostik erwogen werden. Zusätzliche (dritte) Kanäle sind häufig kürzer als die Hauptkanäle und können auf der konventionellen Aufnahme schwer erkennbar sein; eine konsequent außermittig im Wurzelkanal liegende Feile kann jedoch einen ersten Hinweis liefern (Abbildung 1) [10].
Abb. 1: Röntgenmessaufnahme
Zahn 24: (a) Darstellung des bukkalen und palatinalen Kanals,
(b) Darstellung des 3. Kanals in der bukkalen Wurzel (Bildquelle: Zahnmedizin BwKrhs Berlin)
Stark gekrümmten Wurzelkanälen sollte mit sorgfältiger präoperativer Planung, anatomiegerechter und individualisierter Trepanation sowie konsequenter Entfernung koronaler Überhänge begegnet werden. Die initiale Kanalsondierung sollte vorsichtig mit flexiblen Handinstrumenten erfolgen. Ziel ist es, mechanische Belastungen in den frühen Behandlungsphasen zu minimieren und unnötige Spannungen zu vermeiden. Eine Feile, die den Wurzelkanal möglichst geradlinig erreicht, weist eine höhere Frakturstabilität auf als ein Instrument, das bereits im koronalen Kanalanteil einer ausgeprägten Krümmung ausgesetzt ist. In diesem Zusammenhang kann eine Erweiterung des Kanaleingangs im Sinne einer „extension for prevention“ zur Reduktion instrumenteller Risiken indiziert sein.
Die Prävalenz eines MB2-Kanals bei den ersten oberen Molaren wird mit etwa 70 % angegeben, bei den zweiten oberen Molaren liegt sie zwischen 38–50 %. Der durchschnittliche Abstand zwischen MB1 und MB2 beträgt circa 2,5 mm [4].
Die Identifikation eines zweiten mesiobukkalen Kanals (MB2) wird durch eine systematische Orientierung am Pulpenboden erleichtert. Hilfreich ist das gedankliche Verbinden des palatinalen mit dem distobukkalen Kanal, von dessen Mitte aus rechtwinklig nach mesial sondiert wird. Zusätzlich kann Natriumhypochlorit als diagnostisches Hilfsmittel dienen: Neben der desinfizierenden Wirkung ermöglicht die gewebeauflösende Eigenschaft mit charakteristischer Bläschenbildung Hinweise auf bislang nicht lokalisierte Pulpenreste. Nach Spülung der bereits aufbereiteten Kanäle (mesiobukkal 1, distobukkal, palatinal) kann im Kavum unter Sichtkontrolle eine mesiale Gasblasenbildung beobachtet werden. Unterstützend wirken der Wechsel zwischen trockenem und feuchtem Kavum sowie die selektive Entfernung von hell erscheinendem Reizdentin. Persistierend milchig-weißes Dentin im mesialen Bereich kann unter optischer Kontrolle mit kleinen Rosenbohrern oder diamantierten Ultraschallspitzen vorsichtig und gezielt entfernt werden [34].
Ein übersehener Wurzelkanal kann als Behandlungsfehler gewertet werden [38]. Sollte es trotz strukturierter Vorgehensweise nicht möglich sein, einen vermuteten oder nachweislich vorhandenen Kanal sicher zu lokalisieren und aufzubereiten, ist eine Überweisung an einen endodontisch spezialisierten Kollegen in Erwägung zu ziehen.
Technische Fallstricke
Instrumentenfrakturen, Perforationen und Stufenbildungen zählen trotz des routinemäßigen Einsatzes moderner Nickel-Titan-Instrumente weiterhin zu den wesentlichen endodontischen Komplikationen. Zur Risikominimierung sind strukturierte, präventive Arbeitsschritte erforderlich:
- Gute Darstellung der Kavität und konsequente Entfernung von Überhängen,
- Schaffen geradliniger Zugänge zu den Kanaleingängen,
- vorsichtiges Vorsondieren mit flexiblen Handfeilen, ggf. koronale Erweiterung,
- regelmäßiges Spülen und Rekapitulation mit feiner Handfeile zur Vermeidung von Verblockungen sowie
- maschinelle Aufbereitung mit flexiblen Nickel-Titan-Feilen ohne Kraftaufwendung oder übermäßigen Druck.
Desinfektion
Eine ausreichende Desinfektion des Wurzelkanalsystems kann durch alleinige mechanische Präparation nicht erreicht werden. Diese führt lediglich zu einer Reduktion der mikrobiellen Belastung um etwa zwei bis drei Zehnerpotenzen, während – je nach Kanalanatomie – bis zu 80 % der Wurzelkanaloberfläche unbehandelt bleiben [27]. Eine ergänzende, gezielte chemische Desinfektion in ausreichender Menge und Einwirkzeit ist daher obligat.
Natriumhypochlorit (NaOCl) ist aufgrund seiner ausgeprägten antimikrobiellen und gewebeauflösenden Eigenschaften, seiner Wirksamkeit gegen Biofilme sowie seiner guten Verfügbarkeit und Stabilität die Standardspüllösung in der Endodontie [11][24]. Für eine effektive Kanaldesinfektion werden Gesamtmengen von etwa 10–20 ml NaOCl pro Kanal bei einer kumulativen Einwirkzeit von circa 30 min beschrieben [25]. Bereits unmittelbar nach Präparation der Zugangskavität sollte das Kavum mit NaOCl geflutet werden, um die koronalen Kanalanteile frühzeitig zu desinfizieren. Während der Instrumentierung ist auf die kontinuierliche Erneuerung der Spüllösung zu achten, um eine ausreichende Expositionszeit sicherzustellen [26]. Als klinisch sinnvoll gelten NaOCl-Konzentrationen zwischen 1,5 und 3 %, da höhere Konzentrationen mit einem unverhältnismäßigen Anstieg unerwünschter Nebenwirkungen assoziiert sind [35][37].
Da NaOCl den anorganischen Anteil des Smear-Layers nicht entfernt, ist zur Penetration der Spüllösung in die Dentinkanälchen die zusätzliche Verwendung von Chelatbildnern erforderlich. Üblicherweise wird im Rahmen der Abschlussspülung 17 %ige EDTA eingesetzt [26]. Die empfohlene Einwirkzeit beträgt 1–5 min [23]. Anschließend sollte erneut mit NaOCl gespült werden, um die freigelegten Dentinkanälchen zu desinfizieren.
Chlorhexidin (CHX) kommt in der Endodontie häufig in 2 %iger Konzentration als Lösung oder Gel vor und wirkt insbesondere gegen grampositive Bakterien [13]. In direkter Kombination mit NaOCl entsteht ein rot-braunes Präzipitat, das zu irreversiblen Verfärbungen führen kann und Parachloranilin enthält [22]. Zudem kann CHX strukturelle Veränderungen des Biofilms induzieren, wodurch dessen nachfolgende Entfernung mit anderen Spüllösungen erschwert wird [9]. Aufgrund der fehlenden gewebeauflösenden Wirkung ist CHX im Vergleich zu NaOCl keine gleichwertige Hauptspüllösung und sollte auf Ausnahmefälle beschränkt bleiben (z. B. als Einzelspülung nach gründlicher Zwischenspülung mit Kochsalzlösung oder als medikamentöse Einlage in Gelform). Eine sorgfältige Dokumentation ist erforderlich, um eine unbeabsichtigte Kombination mit NaOCl zu vermeiden.
Zur Vermeidung einer Reinfektion des Wurzelkanalsystems während der Behandlung ist die konsequente Anwendung eines Kofferdams (dünnes Latex- oder Gummituch) unerlässlich. Dadurch wird der Zahn vom restlichen Mundraum isoliert, um ein trockenes, keimfreies und sicheres Arbeitsfeld zu schaffen. Außerdem soll diese Maßnahme das umgebende orale Weichgewebe vor dem Kontakt mit endodontischen Spüllösungen schützen.
Effizienzsteigerung der Spüllösungen
Zur Verbesserung der Wirksamkeit endodontischer Spüllösungen ist deren Aktivierung zu empfehlen. Die schallgestützte Aktivierung (z. B. mittels polymerbasierter Schallspitzen) führt zu einer verbesserten Penetration der Spüllösung in das Wurzelkanalsystem und zu einer Erhöhung der Fließgeschwindigkeit und der Scherkräfte an der Kanalwand sowie zu einem effizienteren Abtransport von Debris und nekrotischem Gewebe.
Zur Vermeidung von Spülunfällen ist eine genaue Kenntnis der Kanalanatomie, insbesondere der Lage und Ausdehnung der apikalen Konstriktion, erforderlich. Bei weit offenem Apex sollte die Spülung mit besonderer Vorsicht erfolgen. Die Spülkanüle ist locker im Kanal zu positionieren und darf nicht verklemmen, um einen koronalen Abfluss der Spüllösung zu ermöglichen. Der applizierte Spüldruck sollte moderat gehalten werden [5].
Eine weitere Möglichkeit zur Steigerung der antimikrobiellen Wirksamkeit der Spüllösung ist deren Erwärmung. Durch eine Temperaturerhöhung auf etwa 45 °C kann die antimikrobielle Effektivität um bis zu zwei Zehnerpotenzen gesteigert werden [29]. Die erwärmte Spüllösung ist unmittelbar zu verwenden oder zu verwerfen; eine wiederholte Erwärmung ist nicht empfohlen [19].
Provisorischer Verschluss
Eine vollständige Durchführung der Wurzelkanalbehandlung in einer Sitzung ist nur in ausgewählten Fällen möglich. In der Mehrzahl der Fälle ist die erste Sitzung als Grundlage für die weitere endodontische Therapie zu verstehen, wobei die sorgfältige Aufbereitung und Desinfektion des Wurzelkanalsystems zentral für den Behandlungserfolg sind.
Der provisorische koronale Verschluss zwischen den Sitzungen soll eine Reinfektion durch orale Mikroorganismen verhindern. Hierfür sind eine dichte Versiegelung und ausreichende Kaustabilität erforderlich, um ein Einsinken des Materials sowie eine koronale Mikroleakage zu vermeiden [28] und einen erneuten Zugang zum Wurzelkanalsystem zu ermöglichen. Temporäre Verschlussmaterialien wie Cavit oder Glasionomer-Zemente erfüllen diese Anforderungen bei längerer Liegezeit nur eingeschränkt [16].
Da eine zeitnahe Weiterbehandlung nicht in allen Fällen gewährleistet werden kann, empfiehlt sich ein mehrschichtiger provisorischer Verschluss. Bewährt hat sich eine Kombination aus sterilisiertem Polytetrafluorethylenband (PTFE) zur Abdeckung der Kanaleingänge [21], einem Adhäsivsystem sowie einer okklusal belastbaren Kompositdeckung. Dieses Vorgehen ermöglicht eine zuverlässige temporäre Abdichtung bei gleichzeitig kontrolliertem Wiederzugang.
Wurzelkanalfüllung
Ziel der Wurzelkanalfüllung ist der dauerhafte, dreidimensionale Verschluss des gereinigten und desinfizierten Wurzelkanalsystems, um eine Reinfektion zu verhindern und den Langzeiterfolg der endodontischen Behandlung sicherzustellen (Abbildung 2) [14]. Die Obturation sollte erst nach vollständiger Trocknung der Kanäle und unter Verwendung eines geeigneten Sealer-Systems erfolgen [26]. Bei biokeramischen Sealern ist auf eine geringe Restfeuchte zu achten.
Abb. 2: Revisionsbehandlung an Zahn 24
(a) Zahnfilm prätherapeutisch,
(b) Abschlusszahnfilm (Bildquelle: Zahnmedizin BwKrhs Berlin)
Die Single-Cone-Technik ist ein effizientes und reproduzierbares Verfahren, insbesondere in Kombination mit maschinellen Aufbereitungssystemen mit standardisierter Konizität [12][31]. Hierbei wird ein formkongruenter Guttaperchastift in Kombination mit einem Sealer verwendet, der die verbleibenden Hohlräume zwischen Stift und Kanalwand ausfüllt [12]. Moderne epoxyharzbasierte oder bioaktive Sealer weisen eine gute Fließfähigkeit und Dichtigkeit auf und können die fehlende thermoplastische Adaptation der Guttapercha teilweise kompensieren [12]. Bei adäquater Kanalaufbereitung werden vergleichbare klinische Erfolgsraten beschrieben [12][31].
Die warme vertikale Obturation gilt als Referenztechnik zur dreidimensionalen Füllung komplexer Wurzelkanalsysteme [32]. Durch thermoplastische Erweichung der Guttapercha wird eine verbesserte Adaptation an Irregularitäten, Isthmen und Seitenkanäle erreicht [17][32]. Die Technik ist jedoch techniksensitiver und mit einem erhöhten Risiko der Überpressung assoziiert, weshalb eine präzise Längenbestimmung und Kontrolle der apikalen Konstriktion erforderlich sind [14][17].
Kombinierte Obturationstechniken (Hybridverfahren), bei denen initial ein Single-Cone-Stift platziert und anschließend eine warme vertikale Kondensation im koronalen und mittleren Kanaldrittel durchgeführt wird, vereinen die Vorteile beider Verfahren [17]. Dieses Vorgehen ermöglicht eine gute apikale Kontrolle bei gleichzeitig verbesserter Adaptation im koronalen Kanalabschnitt.
Die Auswahl der Obturationstechnik sollte unter Berücksichtigung der Kanalanatomie, des verwendeten Aufbereitungssystems sowie der klinischen Erfahrung erfolgen. Entscheidend für den Langzeiterfolg ist weniger die gewählte Obturationstechnik als vielmehr die Qualität der vorangegangenen Aufbereitung, Desinfektion und der koronalen Versiegelung [12][14].
Definitiver Verschluss
Der definitive koronale Verschluss nach abgeschlossener Wurzelkanalfüllung soll eine erneute bakterielle Kontamination des Wurzelkanalsystems verhindern. Voraussetzung hierfür ist ein sauberes Pulpenkavum, frei von Sealer- und Guttapercharesten, sowie eine bis knapp unterhalb der Kanaleingänge eingekürzte und kondensierte Wurzelkanalfüllung. Dieses Vorgehen schafft die Grundlage für eine dichte adhäsive Versorgung und reduziert das Risiko koronaler Mikroleakage.
Zur initialen Abdeckung der Kanaleingänge kann eine dünne, gut sichtbare Fließkomposit-Schicht (ca. 1–2 mm) aufgetragen werden. Diese Schicht ermöglicht eine sichere koronale Versiegelung und kann im Falle einer später notwendigen Stiftversorgung als visuelle Orientierung und als definierte Barriere dienen.
Zur langfristigen Frakturprävention wird bei wurzelkanalbehandelten Zähnen mit strukturellem Substanzverlust, insbesondere bei mindestens einer fehlenden Wand, eine substanzschonende, höckerüberfassende Restauration empfohlen [3][15]. Die definitive Versorgung sollte sich am Prinzip „so wenig Substanzverlust wie möglich – so viel wie zur Frakturvermeidung nötig“ orientieren.
Begleitende Schmerztherapie
Die medikamentöse Begleittherapie endodontischer Entzündungsprozesse ist eine unterstützende Maßnahme und ersetzt nicht die kausale Behandlung. In der Mehrzahl der Fälle führt bereits die ausreichende chemomechanische Aufbereitung zu einer signifikanten Schmerzreduktion. Antibiotika sind nicht prophylaktisch indiziert, sondern sollten klinischen Situationen mit Zeichen einer fortschreitenden Infektion (z. B. Abszess mit Ausbreitungstendenz) vorbehalten bleiben.
Zur postoperativen Schmerztherapie gilt Ibuprofen aufgrund seiner analgetischen und antiinflammatorischen Wirkung bei guter Verträglichkeit als Mittel der ersten Wahl [18]. Bei Kontraindikationen gegenüber nichtsteroidalen Antirheumatika steht mit Paracetamol eine geeignete Alternative zur Verfügung[18][20].
Eine strukturierte Patientenaufklärung sowie eine vorausschauende Planung der Analgesie sind entscheidend für eine effektive Schmerzprophylaxe. Eine frühzeitige Einnahme eines Analgetikums während der noch wirksamen Lokalanästhesie kann dazu beitragen, das Auftreten postoperativer Schmerzen zu minimieren. Eine regelmäßige Einnahme über die ersten 48 h im empfohlenen Dosierungsintervall ermöglicht häufig eine zuverlässige Überbrückung der akuten Schmerzphase. Eine inkonsequente oder verzögerte Analgetikaeinnahme kann hingegen zu einer verstärkten Schmerzsymptomatik führen, deren erneute Kontrolle häufig eine höhere Dosierung erfordert und deren Eintritt verzögert [20].
Bei unzureichender Analgesie unter Monotherapie kann die Kombination von Ibuprofen und Paracetamol aufgrund additiver Effekte erwogen werden [6]. Der Einsatz opioidbasierter Analgetika sollte Ausnahmefällen vorbehalten bleiben und interdisziplinär entschieden werden.
Fazit
Die Endodontologie stellt hohe Anforderungen an Diagnostik, Planung und technische Umsetzung, bietet bei konsequent leitliniengerechtem Vorgehen jedoch eine prognostisch günstige und substanzschonende Möglichkeit zum Zahnerhalt. Die dargestellten Fallstricke verdeutlichen, dass der Behandlungserfolg weniger von einzelnen Techniken oder Materialien abhängt als vielmehr von einem strukturierten, vorausschauenden Gesamtkonzept. Ergänzt durch effektive chemomechanische Desinfektion, situationsangepasste Obturation und bakteriendichten koronalen Verschluss lassen sich Komplikationen reduzieren und langfristig stabile Ergebnisse erzielen.
Die Endodontologie ist anspruchsvoll, aber bei strukturierter Planung, fundierter Diagnostik und leitliniengerechtem Vorgehen gut beherrschbar. Ziel dieses Beitrags ist es, Sicherheit im endodontischen Alltag zu vermitteln und den Zahnerhalt als verlässliche therapeutische Option zu ermutigen. Mit realistischen Indikationen, klarer Kommunikation und der Bereitschaft, bei Bedarf spezialisierte Unterstützung einzubeziehen, kann die Endodontologie zu einer planbaren und erfüllenden Säule der zahnerhaltenden Therapie werden.
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Manuskriptdaten
Zitierweise
Skiba H, Mund A. Fallstricke in der Endodontologie. WMM 2026; 70(3):98-103.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-849
Für die Verfasser
Oberstabsarzt Henriette Skiba
Abteilung XXIII - Zahnmedizin
Bundeswehrkrankenhaus Berlin
Scharnhorststraße 13, 10115 Berlin
E-Mail: henrietteskiba@bundeswehr.org
Manuscript Data
Citation
Skiba H, Mund A. [Pitfalls in Endodontology.] WMM 2026;70(3):98-103.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-849
For the Authors
Major (DC) Henriette Skiba
Department XXIII - Dental Medicine
Bundeswehr Hospital Berlin
Scharnhorststraße 13, D-10115 Berlin
E-Mail: henrietteskiba@bundeswehr.org