Bericht über das Enneker Forum Tegernsee 2026
Johannes Backusa, Christian K. Lacknerb
a Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr, Koblenz
b Christian K. Lackner, Gmund am Tegernsee
Vor dem Hintergrund der sicherheitspolitischen Lage in Europa haben sich die Anforderungen an das Gesundheitswesen geändert. Die hierzu ausreichende Resilienz sicherzustellen, ist eine gesamtgesellschaftliche und gesamtstaatliche Aufgabe. Eine wirksame Krisenvorsorge setzt dabei die koordinierte Zusammenarbeit von Staat und Leistungserbringern voraus.
Grundlage der sanitätsdienstlichen Planungen für ein Szenar der Landes- und Bündnisverteidigung ist ein tägliches Aufkommen von etwa 1 000 Patienten. Ein Aufkommen dieser Größenordnung kann der Sanitätsdienst der Bundeswehr nicht allein bewältigen. Ohne die Einbindung in das zivile Gesundheitssystem ist die Versorgung daher alleine nicht darstellbar – gleichzeitig muss auch dieses System selbst krisenfester werden.
Genau an dieser Schnittstelle setzte das Enneker-Forum Tegernsee 2026 an, das vom 15. bis 17. Juni 2026 in Gmund stattfand. Während im Vorjahr vor allem Rollen, Zuständigkeiten und Akteure zu diesem Themenfeld im Mittelpunkt standen, ging es nun um die nächste Stufe: Wie lassen sich zivile und militärische Strukturen so vernetzen, dass aus Konzepten belastbare Abläufe werden? Ziel war nicht etwa die Entwicklung einer neuen Parallelorganisation, sondern die konkrete Ausplanung eines gemeinsamen, skalierbaren Konzepts, das nicht nur für einen militärischen Konflikt, sondern auch für andere Krisen- und Katastrophenfälle genutzt werden kann.
Vom Austausch zum Konsens
Im Juni 2026 kamen 67 Expertinnen und Experten aus Bund und Ländern, der Bundeswehr, Kliniken, Rettungsdiensten, integrierten Leitstellen, Hilfsorganisationen, der ärztlichen Selbstverwaltung, der Gesundheitswirtschaft und der Wissenschaft für drei Tage am Tegernsee zusammen. Getragen wurde die Veranstaltung von der Claus-Enneker-Stiftung in Zusammenarbeit mit den zuständigen bayerischen Staatsministerien, dem Klinikverbund der gesetzlichen Unfallversicherung und dem Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr.
Neun Impulsreferate, Plenumsdiskussionen und zwölf moderierte World-Café-Tische zu wechselnden Leitfragen bildeten den Arbeitsrahmen. Nach der Zusammenführung der Ergebnisse im Plenum wurde der Prozess weiter verdichtet und anschließend zu einem Thesenpapier mit 29 konsentierten Thesen entwickelt. Der besondere Wert des Formats lag damit nicht allein in den Fachbeiträgen, sondern in der Verständigung auf gemeinsame Begriffe und eine gemeinsame Sprache.
Verzahnen statt verdoppeln
Eine zentrale Erkenntnis des Forums lautet: Zusätzliche Fähigkeiten zur Patientenverteilung müssen eng mit bestehenden zivilen Strukturen verzahnt werden. Als gemeinsame Architektur wird ein zivil-militärisches Cluster-/Hub-Konzept mit vier strikt an föderale Grenzen ausgerichteten Großräumen getragen. Der Hub bildet dabei eine funktionelle Steuerungs- und Stabsstruktur mit weiteren Funktionselementen (Abbildung 1).
Abb. 1: Prinzip-Skizze des Hub-Konzepts für Deutschland (Bildrechte: J. Backus)
Die Patientenzuweisung soll staatlich legitimiert und zentral nach dem Push-Prinzip erfolgen. Voraussetzungen sind ein gemeinsames ressortübergreifendes Lagebild, klar definierte Auslastungsphasen und eine belastbare rechtliche Legitimation. Die zusätzliche Steuerung darf dabei keine konkurrierende Parallelstruktur schaffen und knappe zivile Ressourcen ein zweites Mal binden.
Versorgung muss im Fluss bleiben
Zielkliniken sollen fähigkeitsbezogen abgestuft organisiert werden. Das klinische Netz der primären Zielkliniken stützt sich im Kern auf Universitätskliniken, berufsgenossenschaftliche Kliniken, Knappschaftskliniken sowie Bundeswehrkrankenhäuser. Eingebettet sind diese Kliniken in ihr jeweiliges lokales Netzwerk sowie in das bestehende Traumanetzwerk der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU).
Ebenso wichtig wie die Aufnahme ist der kontinuierliche Abfluss aus den primären Zielkliniken. Nach erneuter Sichtung an vorgeplanten Aufkommensorten werden Patienten in geeignete Zielkliniken gesteuert. Im Regelfall ist dann nach etwa 72 bis 96 Stunden die Weiterverlegung in sekundärversorgende Kliniken, in die Rehabilitation oder – wenn medizinisch vertretbar – in den ambulanten Bereich vorgesehen. Nur wenn Betten und adäquate Behandlungskapazitäten wieder frei werden, bleibt das Gesamtsystem aufnahmefähig (Abbildung 2).
Abb. 2: Pateintenfluss der klinischen Versorgung (Bildrechte: J. Backus)
Verletzungsmuster, Fähigkeiten und Rehabilitation
In der Planung werden etwa 70 Prozent Verwundete sowie rund 30 Prozent Erkrankte und nicht gefechtsbedingt Verletzte erwartet. Darunter sind Verletzungsmuster, die im zivilen Alltag vergleichsweise selten sind: ausgedehnte Knochen- und Weichteildefekte, Verbrennungen, Infektionen mit multiresistenten Erregern, Kombinationsverwundungen sowie Schädigungen durch chemische, biologische, radiologische und nukleare Einwirkungen. Daraus folgt ein hoher Bedarf an abgestimmten klinischen Fähigkeiten und an verlässlichen Netzwerken. Hinzu kommen u. a. psychiatrische Krankheitsbilder.
Sowohl die ambulante Versorgung als auch die Rehabilitation wurden nicht als nachgelagerte Zusatzleistungen verstanden, sondern als tragende Elemente der Versorgungskette. Fähigkeiten entstehen nach Auffassung des Forums durch Exposition, Wiederholung und Teamtraining. Kursformate sind wichtig, weil sie eine gemeinsame Sprache schaffen; dauerhafte Handlungssicherheit entsteht jedoch erst durch geübte Abläufe.
Die gesamte Versorgungskette im Blick
Der ambulante Sektor muss einen wesentlichen Teil der Versorgung übernehmen und benötigt deshalb eigene, vorab geübte Beschaffungswege und Notfallketten, die in die Planungen einbezogen werden müssen. Besondere Herausforderungen sind die Arzneimittelversorgung, die Kühlketten für temperaturempfindliche Präparate sowie die Rückfallebenen bei Ausfall digitaler Verordnungswege.
KRITIS und Lieferketten
Krankenhäuser wurden als kritische Infrastruktur (KRITIS) betrachtet. Energie- und Gebäuderesilienz, gesicherte Wasser- und Medienversorgung, Cybersicherheit und physische Härtung müssen ebenso mitgedacht werden wie belastbare Strukturen des Business-Continuity-Managements. Auch integrierte Leitstellen sollen als kritische Infrastruktur behandelt werden, weil ihr Ausfall unmittelbare Auswirkungen auf die Versorgung und die öffentliche Sicherheit hätte.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den Lieferketten. Die Abhängigkeit von importierten Wirkstoffen, medizinischem Verbrauchsmaterial, medizintechnischen Komponenten und Blutprodukten wurde als sicherheits- und verteidigungspolitisches Risiko eingestuft. Bevorratung bleibt notwendig, kann aber einen langen Konflikt nicht allein auffangen. Gefordert wurden dezentrale Lagerhaltung mit zentraler Steuerung, tragfähige Umwälzungskonzepte, krisenfeste europäische Produktion und transparente Netzwerke.
Recht, Lagebild und Übungskultur
Erste Vorbereitungen sind bereits auf Grundlage des geltenden Rechts möglich. Zugleich wurde darauf hingewiesen, dass ein Bündnisfall nach Artikel 5 des Nordatlantikvertrags nicht automatisch den Spannungs- oder Verteidigungsfall nach dem Grundgesetz auslöst. Planungsrahmen müssen deshalb auch unterhalb dieser Schwelle funktionieren. Das in Vorbereitung befindliche Gesundheitssicherstellungsgesetz wurde als wichtiger Baustein bewertet – ein Gesetz kann Handlungsmöglichkeiten schaffen, ersetzt jedoch keinen operativen Gesamtplan.
Voraussetzung für jede Steuerung ist ein schlankes, dynamisches und redundant ausgelegtes Gesamtlagebild. Gefordert wurden verbindliche und finanziell abgesicherte Übungen, einheitliche Methoden sowie Systemübungen über die gesamte Versorgungskette, ausdrücklich einschließlich des ambulanten Sektors. Mehrfachverplanungen und die tatsächliche Verfügbarkeit von Personal müssen bereits in der Vorbereitung geklärt werden.
Was noch offen bleibt
Trotz des breiten fachlichen Konsenses blieben zentrale Fragen noch offen. Dazu gehören Finanzierung, Priorisierung und Rationierung im Mangel, die Vereinheitlichung heterogener Lagebildsysteme, kritische Warenkörbe, Host Nation Support, die reale Belastbarkeit von Notstromkonzepten – einschließlich ausgelagerter Leistungen wie Dialyse und Heimbeatmung – sowie die rechtssichere Definition einer Mindestversorgung im ambulanten Bereich. Die verbleibenden Konflikte sind damit vor allem finanzieller, rechtlicher und politischer Natur.
Fazit
Das Enneker-Forum Tegernsee 2026 markiert den Übergang von der gemeinsamen Lagebeschreibung zur konkreten Ausplanung. In den großen fachlichen Linien besteht ein belastbarer Konsens: Cluster und Hub, staatlich legitimiertes Push-Prinzip, Verzahnung statt Parallelität, gemeinsames Lagebild, Rehabilitation als Rückgrat und Resilienz als Daueraufgabe. Für zivile und militärische Akteure folgt daraus vor allem eines: Die gemeinsame Planung, Sprache und Übungspraxis müssen jetzt weiterentwickelt werden – bevor eine Krise diese Zusammenarbeit erzwingt.
Den vollständigen Bericht sowie weitergehende Hintergrundinformationen finden Sie zu Download hier: https: zenodo.org
Verfasser
Generalstabsarzt Dr. Johannes Backus
Kommandeur Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr
Falckenstein-Kaserne
Von-Kuhl-Str. 50, D- 56070 Koblenz
E-Mail: KdoGesVersBwKdr@bundeswehr.org
Prof. Dr. med. Christian K. Lackner
Vorsitzender | Vorstand der Claus-Enneker-Stiftung
Gasse 20a, D-83703 Gmund am Tegernseeg
E-Mail: ckl@enneker-stiftung.de
Redaktion: Generalarzt a. D. Prof. Dr. med. Horst Peter Becker, MBA, Auf der Hardt 27, 56130 Bad Ems, Mobil +49 171 215 0901, E-Mail: hp.becker@cpm-verlag.de
Herausgeber: Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr, Integrierte Kommunikation/Fachinformations- und Medienarbeit im Auftrag des Befehlshabers des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, Von-Kuhl-Straße 50, 56070 Koblenz, Telefon: +49 261 896 12300, E-Mail: KdoGesVersBwIKoFaM@bundeswehr.org
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