Psychologische Einsatzbereitschaft stärken:
Implementierung eines Operativen Resilienztrainings in die Einsatzausbildung der Deutschen Marine
Strengthening Psychological Readiness: Implementing Operational Resilience into German Navy Predeployment Training
Andrea Milbrodta
a Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr Marine, Neustadt in Holstein
Zusammenfassung
Moderne militärische Einsätze verlangen neben taktischer, fachlicher und körperlicher Vorbereitung zunehmend eine gezielte psychologische Einsatzbereitschaft (Psychological Readiness). Der Beitrag beschreibt die Entwicklung, Implementierung und das didaktische Konzept eines Operativen Resilienztrainings (ORT), das am Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr Marine in die Einsatzausbildung integriert wurde.
Ausgehend von einem international entwickelten Trainingsansatz und Erfahrungen aus der Operation EUNAVFOR ASPIDES wurde ein rund dreieinhalbstündiges Format entwickelt und unmittelbar vor der einsatznahen praktischen Ausbildung in das Führungsseminar eingebunden. Zielgruppe sind die Command Teams der auszubildenden Einheiten, da Führungskräfte sowohl ihre eigene Einsatzbereitschaft als auch die Handlungsfähigkeit ihrer Besatzungen prägen.
Das didaktische Rückgrat ist das Mental Health Continuum als gemeinsames Modell für Selbstwahrnehmung, Kameradenbeobachtung und Führung unter Belastung. Resilienz wird dabei nicht als Selbstzweck verstanden, sondern als Voraussetzung für den Erhalt von Führungs-, Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit. Die ersten Erfahrungen aus mehreren Durchgängen sind – auch dank der positiven Resonanz der teilnehmenden Führungskräfte – vielversprechend. Eine wissenschaftliche Evaluation steht noch aus. Der Beitrag zeigt, wie psychologische Einsatzbereitschaft als fester Bestandteil der militärischen Ausbildung verankert werden kann.
Schlüsselwörter: Resilienz; operatives Resilienztraining; psychologische Einsatzbereitschaft; Selbstregulation; Einsatzausbildung; Führung
Summary
Modern military operations increasingly require deliberate psychological readiness alongside tactical, professional, and physical preparation. This article describes development, implementation, and didactic concept of Operational Resilience Training (ORT), which was integrated into pre-deployment training at the German Navy Damage Control Training Centre.
Building on an internationally developed training approach and experience gained during Operation EUNAVFOR ASPIDES, a training format of approximately three and a half hours was developed and integrated into the leadership seminar immediately preceding realistic hands-on training. The target group comprises the command teams of the units under training, as leaders shape both their own readiness and their crews’ operational capability. The Mental Health Continuum serves as the didactic backbone, providing a shared model for self-monitoring, peer observation, and leadership under stress.
Resilience is conceived not as an end in itself but as a prerequisite for maintaining the capacity to lead, decide, and act under pressure. Initial experience across several iterations is encouraging, and acceptance among participating leaders is high. A scientific evaluation is still pending. The article outlines how psychological readiness can be integrated into military training.
Keywords: resilience; operational resilience training; psychological readiness; self-regulation; predeployment training; leadership
Einleitung und Hintergrund
Moderne militärische Einsätze stellen Soldatinnen und Soldaten1 vor komplexe psychische und physische Anforderungen. Hohe Arbeitsdichte, Zeitdruck, Schlafmangel, unvollständige Informationen, dynamische Bedrohungslagen, die Verantwortung für Personal, Material und Auftrag sowie die monatelange Trennung von Familie und dem gewohnten sozialen Umfeld bei eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten prägen den Einsatzalltag. Die Fähigkeit, unter diesen Bedingungen auf hohem Niveau handlungs-, entscheidungs- und führungsfähig zu bleiben, ist von äußerster Bedeutung.
Diese Fähigkeit stützt sich auf mehrere Dimensionen. Während die taktische, fachliche und körperliche Ausbildung bereits auf hohem Niveau steht, hat die psychologische Dimension das Potenzial, das Zusammenwirken der Dimensionen weiter zu verbessern. Das explizite Verständnis der psychologischen Mechanismen, die Leistung unter Belastung tragen, wächst ebenso wie das Wissen über das Potenzial ihrer gezielten Entwicklung – und damit auch ihre systematische Zugänglichkeit. Sie lässt sich strukturiert ausbilden und stellt ein bislang wenig systematisch erschlossenes Potenzialfeld dar. Ihre gezielte Entwicklung folgt damit nicht der Korrektur eines Versäumnisses, sondern dem Anspruch, eine bereits hohe Leistungsfähigkeit weiter zu steigern.
Steigerung der operativen Leistungsfähigkeit
Der Begriff der Resilienz wird häufig mit psychischer Widerstandsfähigkeit oder mit der Prävention psychischer Erkrankungen in Verbindung gebracht. Im militärischen Kontext greift dieses Verständnis zu kurz. Resilienz umfasst hier insbesondere die Fähigkeit, unter operativer Belastung die eigene Funktionsfähigkeit aufrechtzuerhalten, sich flexibel an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen und nach Belastungsphasen zielgerichtet zu regenerieren. Sie ist damit kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Anpassungsprozess [13][18] und lässt sich auf den Ebenen von Individuen, Teams und Organisationen betrachten [14][17]. Dieses Verständnis knüpft an den mehrdimensionalen Resilienzbegriff des Leitartikels dieser Ausgabe an [9].
Vor diesem Hintergrund leistet Resilienz einen wesentlichen Beitrag zur psychologischen Einsatzbereitschaft (Psychological Readiness) und stellt eine Voraussetzung für Führungs- und Handlungsfähigkeit unter Einsatzbedingungen dar. Resilienz ist somit kein Selbstzweck, sondern ein Mittel zum Erhalt und zur Steigerung der operativen Leistungsfähigkeit.
Prävention psychischer Belastungsfolgen
Davon zu unterscheiden ist ein zweiter, eigenständiger Begründungsstrang: die Prävention einsatzbedingter psychischer Belastungsfolgen. Die Belastungsfolgen von Auslandseinsätzen sind für die Bundeswehr gut dokumentiert [5][8][19]. Beide Stränge lassen sich über ein gemeinsames Repertoire an Fähigkeiten adressieren: Bereits das ursprüngliche Operational Resilience Training war so angelegt, dass die Fähigkeiten, die im Einsatz die Leistungs- und Handlungsfähigkeit unterstützen, nach dem Einsatz der Erholung und dem Erhalt der Einsatzbereitschaft dienen [1][11]. Ein Training, das Selbstregulation stärkt, kann so die Handlungsfähigkeit unter Belastung erhöhen und zugleich das Risiko dysfunktionaler Belastungsverläufe senken. Für den präventiven Nutzen mentalen Trainings bestehen zudem empirische Hinweise: Ein konsequentes, vorbereitendes Training kann dazu beitragen, das Risiko einsatzbedingter psychischer Verwundungen zu senken, wenngleich die Evidenzlage noch begrenzt ist [3]. Der vorliegende Beitrag rückt die leistungsbezogene Perspektive in den Vordergrund, ohne den präventiven Nutzen zu vernachlässigen.
Vom Konzept zur Realisierung
Während die konzeptionellen Grundlagen der Resilienz breit beschrieben sind, bleibt vielfach offen, wie Resilienz konkret in die militärische Ausbildung überführt werden kann. Genau hier setzt der vorliegende Beitrag an. Er beschreibt die Entwicklung, Implementierung, das didaktische Konzept sowie erste Erfahrungen mit einem operativen Resilienztraining (ORT), das am Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr Marine (EAZS M) in die Einsatzausbildung integriert wurde, und ordnet diesen Ausbildungsbaustein in die militärische Einsatzvorbereitung ein.
Herkunft und Zielsetzung des Operativen Resilienztrainings
Das Operative Resilienztraining entstand im Kontext des Krieges in der Ukraine. Auf Ersuchen der ukrainischen Streitkräfte nach Ausbildung mentaler Fähigkeiten – von denen sie sich taktische Vorteile erhofften – entwickelten die Joint Medical Services der norwegischen Streitkräfte gemeinsam mit dem Walter Reed Army Institute of Research (WRAIR) das Operational Resilience Training, zugeschnitten auf die Ausbildung ukrainischer Combat Medics [1][11][12]. Ziel war es, Sanitätskräfte an vorderster Front zu befähigen, akute Belastungsreaktionen zu erkennen und zu bewältigen sowie einfache, unmittelbar anwendbare Techniken der psychologischen Selbst- und Kameradenhilfe selbst anzuwenden und in ihre Einheiten zu tragen. Das Programm griff auf die langjährige Resilienzforschung des WRAIR zurück und verband individuelle mit teambezogenen Verfahren zur Stressbewältigung [1].
Inhaltlich sind die vermittelten Fähigkeiten entlang der Phasen Vorbereitung, Leistung und Erholung strukturiert und umfassen unter anderem bewusste Atmung, Aufmerksamkeitssteuerung, Grounding, kognitive Neubewertung und temporale Distanzierung. Sie werden zunächst strukturiert vermittelt, anschließend in Szenarien geübt und schließlich in realitätsnahe Einsatzübungen integriert, in denen Aufgabenbewältigung, Stressregulation und Teamkoordination gleichzeitig gefordert sind [1]. Anders als defizitorientierte Interventionen, die primär auf Symptomreduktion zielen, stärkt das Training die Fähigkeit von Individuum und Team, kognitive, emotionale und verhaltensbezogene Funktionsfähigkeit trotz Unsicherheit, Schlafmangel, hoher Arbeitslast und potenziell traumatischer Ereignisse aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen [1]. Das ursprüngliche Programm umfasste elf Module mit einem Zeitansatz von 2,5 Tagen.
Übertragung auf die deutsche Marine
Die Übertragung dieses Ansatzes auf die deutsche Marine geht auf die Autorin zurück. Als Stabsoffizierin mit mehr als zwanzig Jahren Erfahrung in der Deutschen Marine und mit Einsatzerfahrung aus sechs Auslandseinsätzen befasst sie sich wissenschaftlich mit psychologischer Resilienz, Selbstregulation, Führung und menschlicher Leistungsfähigkeit in Hochrisikokontexten und entwickelt evidenzinformierte Trainingsansätze zur Stärkung psychologischer Einsatzbereitschaft, Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit sowie nachhaltiger Leistungsfähigkeit unter Belastung. Diese Verbindung aus operativer Führungspraxis und wissenschaftlicher Fundierung ermöglicht es, die Anforderungen des Einsatzes mit den psychologischen Grundlagen der Leistungs-, Regulations- und Führungsfähigkeit zu verknüpfen.
Den Ausgangspunkt bildete die Warrior Care Conference im Vorfeld der Invictus Games 2023 (IG23) in Deutschland, für die die Autorin als Single Point of Contact (SPOC) für die Marine und im Protokoll eingesetzt war. Dort stellte Amy Adler (WRAIR) das Operative Resilienztraining vor. Die vermittelten Werkzeuge erwiesen sich als leicht erlernbar, im Krieg erprobt und an die Anforderungen der Marine anschlussfähig. Die Autorin nahm daraufhin Kontakt zu Amy Adler auf, erbat die Unterlagen sowie die Möglichkeit zur Ausbildung und wurde als erste Angehörige der Deutschen Marine im operativen Resilienztraining geschult.
Adaption im Einsatz: EUNAVFOR ASPIDES
Zur Anwendung kam das Training erstmals aus operativer Notwendigkeit während der Operation EUNAVFOR ASPIDES im Jahr 2024 an Bord der HNLMS Karel Doorman. Bereits während der operativen Einweisung im Operational Headquarter in Larissa wurde die psychologische Einsatzbereitschaft ausdrücklich als wesentlicher Erfolgsfaktor hervorgehoben; die Einsatzbedingungen waren durch eine dynamische Bedrohungslage, komplexe multinationale Führungsstrukturen, kurze Reaktionszeiten und hohe Unsicherheit gekennzeichnet. Da die psychologische Einsatzbereitschaft für die erfolgreiche Durchführung des Einsatzes benötigt wurde, verdichtete die Autorin das ursprünglich mehrtägige Programm auf ein etwa dreieinhalbstündiges Format, passte es an die konkreten Anforderungen an und führte es durch – erstmals für das maritime Führungsumfeld, während es zuvor auf die Ausbildung von Sanitätskräften ausgerichtet gewesen war. Teilnehmende berichteten, Techniken unmittelbar in belastenden Einsatzsituationen angewendet und damit konkrete Lagen besser bewältigt zu haben: Die Ausbildung wirkte sich auf die Führung von mehr als tausend Einsatzkräften aus. Damit erbrachte der Einsatz einen überzeugenden Proof of Concept. Eine systematische wissenschaftliche Evaluation erfolgte im Einsatz aufgrund der Gegebenheiten nicht.
Implementierung am Einsatzausbildungszentrum
Nach der Rückkehr aus dem Einsatz und der Versetzung an das Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr Marine (EAZS M) entstand die Überlegung, das Training dauerhaft in die Einsatzausbildung zu integrieren. Dafür waren folgende Fragen zu klären:
- Welche Zielgruppe profitiert am stärksten?
- Was ist angesichts knapper Ressourcen an Personal und Zeit möglich?
- An welcher Stelle der Ausbildung ist eine Integration sinnvoll?
- Welche Inhalte lassen sich im verfügbaren Zeitrahmen vermitteln?
- Wie gelingt ein nachhaltiger Transfer in die praktische Ausbildung?
Die Entscheidung fiel auf die Einbindung in das Führungsseminar unmittelbar vor Beginn der einsatznahen praktischen Ausbildung.
Das Training richtet sich zunächst ausschließlich an die Command Teams der auszubildenden Einheiten. Dieser Entscheidung liegt eine systemische Wirkannahme zugrunde: Führungskräfte müssen nicht nur ihre eigene Einsatzbereitschaft aufrechterhalten, sondern beeinflussen durch Kommunikations-, Entscheidungs- und Führungsverhalten zugleich Orientierung, Belastung und Handlungsfähigkeit ihrer Besatzungen. Das Training zielt daher nicht primär auf isoliert gestärkte Einzelresilienz, sondern befähigt Führungskräfte, eigene Belastungsreaktionen früh zu erkennen, geeignete Selbstregulationsstrategien anzuwenden und ihre Führungsfähigkeit auch unter hoher Beanspruchung zu erhalten. Dies entspricht einem relationalen Resilienzverständnis, in dem personale Ressourcen erst im Zusammenspiel mit Team und Organisation wirken [9][14], sowie der Bedeutung von Führung als zentralem Hebel der Resilienzförderung [6][10].
Diese Fokussierung folgt der Annahme, dass Führungskräfte das Belastungs- und Leistungsklima ihrer Besatzung maßgeblich prägen. Das eigene Regulationsverhalten wirkt dabei als Modell und Bezugspunkt:
Wer die eigene Anspannung wahrnimmt und steuert, kann auch die Crew unter Belastung stabilisieren, Orientierung geben und deren Handlungsfähigkeit erhalten – eine Koregulation, die die individuelle Selbstregulation auf die Teamebene überträgt.
Das Befinden und das Verhalten von Führungskräften sind eng mit dem affektiven Befinden der Geführten verknüpft [16], und ein tragfähiger Zusammenhalt gilt als wesentlicher Schutzfaktor für die militärische psychische Gesundheit [2]. Die Command Teams sind damit der wirksamste Hebel, um die psychologische Einsatzbereitschaft in der gesamten Einheit unter Beachtung begrenzter Ausbildungsmittel zu verankern.
Ergebnisse: Trainingskonzept und erste Erfahrungen
Das aktuelle Training umfasst rund dreieinhalb Stunden und verfolgt vier Lernziele:
- die Einordnung psychologischer Einsatzbereitschaft als Erfolgsfaktor militärischer Operationen,
- das Erkennen eigener Belastungsreaktionen,
- das Wahrnehmen früher Warnsignale bei sich und bei Kameraden sowie
- die Anwendung ausgewählter Interventionen zum Erhalt von Handlungs-, Entscheidungs- und Führungsfähigkeit unter Belastung.
Es orientiert sich am ursprünglichen ORT, wurde jedoch hinsichtlich des Umfangs, der Zielgruppe und der didaktischen Schwerpunkte an die Rahmenbedingungen der Marine angepasst (Tabelle 1).
Tab. 1: Bausteine des operativen Resilienztrainings und ihre Zielsetzung
Das didaktische Rückgrat ist das Mental Health Continuum. Die hier genutzte, aus dem kanadischen Ursprungsmodell abgewandelte Version [4] bildet die psychische Verfassung entlang von fünf Zuständen ab:
- optimal einsatzbereit,
- einsatzbereit,
- reagierend,
- belastet und
- kampfunfähig.
Es dient den Teilnehmenden als gemeinsames Modell zur Einordnung der eigenen Verfassung, zur Selbstbeobachtung und zur Wahrnehmung früher Warnsignale bei Kameraden und bildet zugleich einen gemeinsamen Bezugsrahmen für Kommunikation und Führung unter Belastung. Der Schwerpunkt liegt weniger auf Wissensvermittlung als auf praktisch anwendbaren Selbstregulationsstrategien, die unter Zeitdruck eingesetzt werden können; körpernahe Verfahren zur Wahrnehmung und Regulation innerer Zustände ergänzen die kognitiven Strategien [7].
Die Ausbildung ist in aufeinander aufbauende Schritte gegliedert: Auf eine theoretische Einführung folgt die Vermittlung der einzelnen Instrumente, die anschließend praktisch geübt werden – bewusst in genau den Zusammenarbeitsbeziehungen, in denen die Teilnehmenden später an Bord agieren. Bereits im Seminar werden dadurch konkrete Absprachen getroffen und eingeübt: wer wen unter Belastung wie anspricht und welche gemeinsamen Schlüsselbegriffe genutzt werden. So werden nicht nur individuelle Fähigkeiten trainiert, sondern auch die Zusammenarbeitsbeziehungen im Team unmittelbar gestärkt.
Ein besonderes Merkmal ist die Anbindung an die praktische Einsatzausbildung. Das Training folgt einer gestuften Logik, wie sie bereits das ursprüngliche Programm prägt: Im Führungsseminar werden die Grundlagen vermittelt; anschließend besteht die Aufgabe darin, die Fähigkeiten zu erlernen, sich anzueignen und im eigenen Handeln wirksam werden zu lassen; schließlich werden sie in der einsatznahen See- und Einsatzausbildung am EAZS M unter realitätsnahen Bedingungen angewandt und beobachtet. Das Operative Resilienztraining ermöglicht damit trainierbare Selbst- und Koregulationsfähigkeiten, die sich unter Belastung in beobachtbarem Führungs- und Teamverhalten widerspiegeln. Perspektivisch sollen resilienzbezogene Verhaltensindikatoren systematisch erfasst werden. Damit endet das Training nicht mit der Seminarveranstaltung, sondern wird durch Anwendung, Beobachtung, Rückmeldung und Reflexion in die Ausbildung integriert.
Seit Beginn der Implementierung wurde das Training in mehreren Durchgängen mit insgesamt rund 60 Teilnehmenden durchgeführt. Die unmittelbaren Rückmeldungen waren überwiegend positiv; hervorgehoben wurden Praxisnähe, Einsatzrelevanz und die Verknüpfung mit Erfahrungen aus ASPIDES. Einzelne Teilnehmende wünschten mehr Übungszeit. Ob unterschiedliche Führungsebenen den Nutzen unterschiedlich bewerten, sollte künftig ebenso untersucht werden wie die grundlegende Wirksamkeit des Trainings, um dessen kontinuierliche Weiterentwicklung sicherzustellen (Abbildung 1).
Parallel zur Ausbildung der Command Teams werden die Einsatzausbilder der Marine im operativen Resilienztraining geschult. Dies verfolgt mehrere Ziele: Zum einen erwerben die Ausbilder selbst die Fähigkeiten der Selbstregulation und können sie in ihrer Rolle unmittelbar anwenden – für die eigene Handlungsfähigkeit ebenso wie dafür, Belastungsreaktionen bei den Auszubildenden frühzeitig zu erkennen und diese mit geeigneten Tools und Techniken zu unterstützen. Zum anderen ist eine eigene Ausbildung in diesen Fähigkeiten Voraussetzung dafür, das entsprechende Verhalten in der praktischen Ausbildung überhaupt beobachten und bewerten zu können. Darüber hinaus schafft die Ausbildung von Multiplikatoren die Grundlage, um das Training nachhaltig und in der Breite in der Marine zu verankern.
Diskussion
Die bisherigen Erfahrungen sprechen dafür, psychologische Einsatzbereitschaft nicht ausschließlich als Gegenstand individueller Gesundheitsprävention zu begreifen, sondern als Erfolgsdeterminante militärischer Operationen und als integralen Bestandteil moderner Verteidigung. Das vorgestellte Konzept verbindet international entwickelte Grundlagen mit konkreten Einsatzerfahrungen und integriert das Konzept der psychologischen Einsatzbereitschaft systematisch in die Führungs- und Einsatzausbildung der Deutschen Marine. Die Verknüpfung von theoretischer Ausbildung, praktischer Anwendung und strukturierter Verhaltensbeobachtung verspricht dabei die größten Erfolgsaussichten für einen dauerhaften Transfer in das Einsatzverhalten.
Gegenüber klassischen Resilienz- oder Achtsamkeitsprogrammen liegt die Besonderheit weniger in den einzelnen Methoden als in der konsequenten operativen Rahmung: Resilienz wird als Fähigkeit zum Erhalt von Führungs- und Handlungsfähigkeit unter Belastung vermittelt und nicht als „Wellness“ oder als rein defizitorientierte Prävention [1][15]. Die Fokussierung auf die Command Teams nutzt Führung als systemischen Hebel und adressiert damit zugleich die Team- und Organisationsebene der Resilienz [2][14].
Eine wissenschaftlich belastbare Aussage zur Wirksamkeit ist auf Grundlage der bisherigen Erfahrungen nicht möglich. Die Rückmeldungen sind informell, die Teilnehmendenzahl ist begrenzt, eine Kontrollbedingung fehlt. Die vorliegende Evidenz zu vergleichbaren psychoedukativen Programmen ist zudem heterogen [4]. Für die weitere wissenschaftliche Bewertung erscheint ein mehrstufiges Studiendesign mit Kontrollgruppen sinnvoll, das Prä-Post-Erhebungen, Verhaltensbeobachtungen, qualitative Interviews und Follow-up-Untersuchungen kombiniert. Individuelle Resilienz bleibt dabei stets in Team- und Organisationsstrukturen eingebettet [9].
Über den maritimen Kontext hinaus adressiert das Konzept eine Fähigkeit, die nicht an eine Teilstreitkraft gebunden ist: Führungs- und Handlungsfähigkeit unter Belastung sowie psychologische Einsatzbereitschaft sind für Führungskräfte in Heer, Luftwaffe und Marine gleichermaßen bedeutsam – national wie international. Das Format lässt sich nicht unverändert auf jeden Einsatzkontext übertragen; sein Kern – die systematische, führungszentrierte Ausbildung psychologischer Einsatzbereitschaft – ist jedoch grundsätzlich replizierbar. Da das Training vollständig auch in englischer Sprache vorliegt, kann es unmittelbar mit internationalen Partnern durchgeführt werden. Dies ist im Rahmen internationaler Kooperationen (Seeausbildung und Mobile Training Teams) am EAZS M geplant. Damit bietet der Ansatz einen anschlussfähigen Rahmen, der über die Marine hinaus für andere Teilstreitkräfte und Partnerstreitkräfte von Interesse ist.
Fazit
Psychologische Einsatzbereitschaft lässt sich als trainierbare, operativ relevante Fähigkeit verstehen. Das operative Resilienztraining zeigt einen konkreten Weg, sie systematisch in die militärische Ausbildung zu überführen: als führungszentrierten Baustein, der an internationale Grundlagen und reale Einsatzerfahrung anschließt, an die praktische Ausbildung angebunden ist und Resilienz als wesentlichen Baustein von Führungs- und Handlungsfähigkeit versteht. Die nächsten Schritte liegen in der wissenschaftlichen Evaluation und der Multiplikation innerhalb der Marine. Je anspruchsvoller der Einsatz, desto wichtiger wird die psychologische Einsatzbereitschaft.
Kernbotschaften
- Psychologische Einsatzbereitschaft ist ein militärischer Erfolgsfaktor und muss systematisch trainiert werden wie taktische und körperliche Fähigkeiten.
- Das Operative Resilienztraining überführt Resilienz in eine operative Fähigkeit zum Erhalt von Führungs- und Handlungsfähigkeit unter Belastung.
- Die Integration in das Führungsseminar adressiert bewusst die Command Teams als systemischen Hebel für Besatzung und Auftrag.
- Das Mental Health Continuum dient als gemeinsame Sprache für Selbstwahrnehmung, Kameradenbeobachtung und Führung unter Belastung.
- Erste Erfahrungen sind ermutigend; eine mehrstufige wissenschaftliche Evaluation steht noch aus.
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Erklärung zum Interessenkonflikt
Die Autorin führt außerhalb ihrer dienstlichen Tätigkeit kommerzielle Trainings- und Weiterbildungsangebote im Bereich Leistungsfähigkeit und Resilienz durch. Das dargestellte operative Resilienztraining ist eine dienstliche Tätigkeit im Rahmen der Bundeswehr; eine finanzielle Förderung durch Dritte erfolgte nicht.
Manuskriptdaten
Zitierweise
Milbrodt A. Psychologische Einsatzbereitschaft stärken: Implementierung eines operativen Resilienztrainings in die Einsatzausbildung der Deutschen Marine. WMM 2026;70(10):479-484.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-983
Verfasserin
Fregattenkapitän Andrea Milbrodt
Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr Marine
Wieksbergstr. 54/1, 23730 Neustadt in Holstein
E-Mail: andrea1milbrodt@bundeswehr.org
Manuscript Data
Citation
Milbrodt A. [Strengthening Psychological Readiness: Implementing Operational Resilience Training into the German Navy Predeployment Training Navy]. WMM 2026;70(10):479-484.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-983
Author
Commander (Navy) Andrea Milbrodt
Naval Damage Control Training Centre
Wieksbergstr. 54/1, D23730 Neustadt in Holstein
E-Mail: andrea1milbrodt@bundeswehr.org
1 Die in diesem Beitrag verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich gleichermaßen auf weibliche und männliche Personen. Auf durchgehende Doppelnennungen wird zugunsten der Lesbarkeit verzichtet.