Die Polykrise als Dauerlage –
Mehrdimensionale Resilienz als adaptive Systemfähigkeit
Polycrisis as a Persistent State:
Multidimensional Resilience as an Adaptive System Capability
Annika Kricka, b, Anastassiya Hörc, Andrea Milbrodtd, Horst Peter Beckere, Cornelia Küself
a Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg
b Democratic Resilience Centre, Hamburg
c Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, Fachbereich Bundeswehrverwaltung, Mannheim
d Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr Marine, Neustadt
e WINGS Hochschule, Wismar
f Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Zusammenfassung
Die gegenwärtige sicherheitspolitische Lage ist durch eine Verdichtung und Überlagerung verschiedener Krisenphänomene geprägt, die zunehmend als Polykrise beschrieben werden. Pandemien, hybride Bedrohungen, geopolitische Konflikte, klimabedingte Extremereignisse sowie Störungen kritischer Infrastrukturen erzeugen komplexe Belastungslagen, die klassische lineare Bewältigungsstrategien an ihre Grenzen führen. Vor diesem Hintergrund gewinnt Resilienz für die Bundeswehr als Voraussetzung für Einsatz- und Handlungsfähigkeit an strategischer Bedeutung. Der Beitrag entwickelt ein integratives, mehrdimensionales Resilienzverständnis, das individuelle, situative, organisationale und gesellschaftliche Ebenen systematisch miteinander verknüpft.
Resilienz wird nicht als statischer Zustand, sondern als dynamischer Prozess erfolgreicher Anpassung verstanden. Sie umfasst die Fähigkeit, Krisen zu antizipieren, sich darauf vorzubereiten, Störungen zu bewältigen, sich an veränderte Bedingungen anzupassen und aus Erfahrungen zu lernen. Im militärischen Kontext reicht Resilienz daher über die psychische Widerstandsfähigkeit einzelner Soldatinnen und Soldaten hinaus und entsteht im Zusammenspiel von Individuen, Teams, Organisationen, technischen Systemen und ihrem gesellschaftlichen Umfeld.
Auf individueller Ebene stehen personale Ressourcen, Selbstregulation und gesundheitsförderliches Verhalten im Mittelpunkt. Situative Resilienz beschreibt die Fähigkeit, auch unter Unsicherheit und Zeitdruck handlungsfähig zu bleiben und Entscheidungen flexibel an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen. Organisationale Resilienz beruht auf adäquater Arbeitsgestaltung, gesundheitsorientierter Führung, leistungsfähigen Teams, adaptiven Strukturen und Prozessen sowie auf einer ausgeprägten Lernkultur. Ergänzend gewinnen technologische Faktoren wie digitale Entscheidungsunterstützung und robuste Informations- und Kommunikationssysteme an Bedeutung. Gesellschaftliche Resilienz entsteht schließlich durch das koordinierte Zusammenwirken staatlicher Institutionen, der Bundeswehr, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft und bildet insbesondere im Rahmen der Gesamtverteidigung eine wesentliche Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der staatlichen Handlungsfähigkeit.
Letztlich wird der Resilienzbegriff kritisch eingeordnet. Eine ausschließliche Fokussierung auf individuelle Bewältigungskompetenzen greift zu kurz, wenn organisationale und gesellschaftliche Rahmenbedingungen unberücksichtigt bleiben. Der Beitrag plädiert daher für eine integrative Resilienzstrategie, die die medizinischen, psychologischen, organisationalen, technologischen und gesellschaftlichen Perspektiven miteinander verbindet. Nur ein systemübergreifender Ansatz kann die Einsatz- und Funktionsfähigkeit der Bundeswehr unter den Bedingungen moderner Polykrisen nachhaltig sichern.
Schlüsselwörter: Resilienz, organisationale Resilienz, Landes- und Bündnisverteidigung, Polykrise, zivil-militärische Zusammenarbeit
Summary
The current security environment is characterised by the convergence and interaction of multiple crises, increasingly referred to as a polycrisis. Pandemics, hybrid threats, geopolitical conflicts, climate-related extreme events, and disruptions to critical infrastructure create complex stressors that challenge conventional linear approaches to crisis management. Against this backdrop, resilience has become a strategic prerequisite for maintaining the operational readiness and operational capability of the Bundeswehr. This article proposes an integrative, multidimensional concept of resilience that systematically links individual, situational, organisational, and societal levels.
Resilience is conceptualised not as a static state but as a dynamic process of successful adaptation. It encompasses the capacity to anticipate crises, prepare for adversity, cope with disruptions, adapt to changing conditions, and learn from experience. In the military context, resilience extends beyond the psychological robustness of individual service members and emerges through the interaction of individuals, teams, organisations, technical systems, and the broader societal environment.
At the individual level, resilience is supported by personal resources, self-regulation, and health-promoting behaviours. Situational resilience refers to the ability to remain operational under conditions of uncertainty and time pressure while adapting decisions flexibly to changing circumstances. Organisational resilience is based on adequate work design, health-oriented leadership, effective teams, adaptive structures and processes, and a strong learning culture. In addition, technological capabilities, such as digital decision-support systems, robust information and communication infrastructures, are becoming increasingly important. Societal resilience, in turn, arises from the coordinated interaction of governmental institutions, the Bundeswehr, the private sector, and civil society. In particular, within the framework of national and collective defence, societal resilience constitutes a key prerequisite for maintaining the state’s ability to function. Civil-Military Co-Operation (CIMIC) plays a pivotal role in coordinating the interaction between military and civilian actors before, during, and after crises.
Finally, the concept of resilience is critically analysed. An exclusive focus on individual coping capacities is insufficient if organisational and societal conditions are neglected. The article therefore advocates an integrative resilience strategy that combines medical, psychological, organisational, technological, and societal perspectives. Only a system-wide approach can sustainably ensure the operational readiness and the functional capability of the Bundeswehr under the conditions of modern polycrises.
Keywords: resilience; organisational resilience; national and collective defence; polycrisis; Civil-Military Co-Operation (CIMIC)
Einleitung: Die Polykrise als Ausgangslage
Die sicherheitspolitische und gesellschaftliche Gegenwart ist durch eine Verdichtung und Überlagerung verschiedener Krisenphänomene geprägt. Pandemien, hybride Konflikte, geopolitische Spannungen, Kriege, klimabedingte Extremereignisse, Störungen globaler Lieferketten und technologische Verwundbarkeiten treten nicht isoliert auf, sondern teilweise gleichzeitig, beeinflussen sich wechselseitig und können schwer vorhersehbare Dynamiken entwickeln. Diese Konstellation wird zunehmend als „Polykrise“ beschrieben [12][39] und stellt insbesondere militärische sowie medizinische Systeme vor große Herausforderungen.
Zur Analyse komplexer Krisenumfelder kann der militärische Rahmen „PMESII-PT“ herangezogen werden. Er unterscheidet acht miteinander verbundene Bereiche: Politik, Militär, Wirtschaft, Gesellschaft, Information, Infrastruktur, physische Umgebung und Zeit [2]. Parallel zu diesen makrostrukturellen Entwicklungen wirken sich individuelle Stressoren aus privaten Lebenslagen und beruflichen Kontexten aus. Kritische Lebensereignisse wie Todesfälle, Trennungen oder länger andauernde Care-Arbeit können erhebliche Belastungen verursachen (vgl. Holmes-Rahe-Stressskala [27]). Im Beruf entstehen Anforderungen unter anderem durch hohen Zeitdruck, geringe Handlungsspielräume, unklare Zuständigkeiten, Konflikte, fehlendes Feedback, Mikromanagement oder Personalmangel. Sie können Menschen kognitiv und emotional überfordern sowie ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.
Diese Belastungsebenen sind nicht strikt voneinander zu trennen. Über Spillover-Effekte übertragen sich Stressoren zwischen Lebensbereichen, verstärken sich oder verändern ihre Wirkung. Es entsteht ein dynamisches Geflecht aus gesellschaftlichen, organisationalen und individuellen Erwartungen. Polykrisen sind daher mehr als eine Kumulation einzelner Belastungen: Sie erzeugen nichtlineare, schwer interpretierbare Lagebilder, in denen etablierte Deutungs- und Entscheidungsroutinen nur eingeschränkt tragen [40]. Unter solchen Bedingungen genügt es nicht, Risiken zu vermeiden oder Systeme lediglich zu schützen. Entscheidend ist vielmehr, wie Individuen, Organisationen und Gesellschaften Disruptionen bewältigen, sich anpassen und weiterentwickeln. Resilienz wird damit zu einem Schlüsselfaktor. Für die Bundeswehr folgt daraus die Notwendigkeit, sie mehrdimensional und integrativ zu verstehen.
Die besondere Herausforderung besteht darin, dass Belastungen nicht nur additiv wirken. Eine Störung kann weitere Störungen auslösen, bestehende Ressourcen binden und die Bewältigungsfähigkeit anderer Bereiche schwächen. So können etwa infrastrukturelle Ausfälle die Arbeitsbelastung erhöhen, Informationsdefizite die Unsicherheit verstärken und private Sorgen die dienstliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Resilienz muss deshalb Beziehungen, Rückkopplungen und zeitliche Verläufe ebenso berücksichtigen wie einzelne Risiken.
Mit dem vorliegenden Artikel wird beabsichtigt, Resilienz im militärischen Kontext als mehrdimensionales Konstrukt zu analysieren und ein integratives Resilienzverständnis zu entwickeln, das individuelle, situative, organisationale und gesellschaftliche Ebenen miteinander verknüpft. Darüber hinaus sollen wesentliche Ansatzpunkte zur Stärkung der Resilienz für die Bundeswehr aufgezeigt werden, um ihre Einsatz- und Handlungsfähigkeit unter den Bedingungen moderner Polykrisen langfristig zu sichern.
Mehrdimensionales, integratives Verständnis von Resilienz
Resilienz bezeichnet die Fähigkeit eines Systems (z.B. kann ein Individuum auch als System aufgefasst werden),
- Krisen zu bewältigen,
- unter widrigen, belastenden oder unsicheren Bedingungen seine psychische Funktionsfähigkeit aufrechtzuerhalten,
- sich von Rückschlägen vergleichsweise rasch zu erholen,
- sich an veränderte Anforderungen anzupassen sowie
- potenziell an Herausforderungen zu wachsen [22][53].
Dieses Verständnis beschränkt sich nicht nur auf Reaktionen nach kritischen Ereignissen [52]. Es umfasst auch proaktive und präventive Aspekte wie Antizipation, Vorbereitung, Vorsorge und den gezielten Aufbau von Ressourcen sowie adaptive Prozesse fortlaufender Anpassung, beispielsweise flexible Handlungsstrategien oder die Veränderung von Routinen unter Unsicherheit [3].
Resilienz ist somit kein passiver Zustand, sondern ein dynamischer Prozess, der Stabilisierung, Anpassung und Weiterentwicklung verbindet [45]. Dazu gehört auch, komplexe Herausforderungen neu zu deuten, Annahmen kritisch zu prüfen und unter Unsicherheit alternative Handlungslogiken zu entwickeln. Das dynamische Resilienzmodell [45] unterscheidet vier Kernkomponenten:
- signifikante Herausforderungen,
- erfolgreiche Anpassung,
- Resilienzkapazitäten beziehungsweise Schutzfaktoren sowie
- die Prozesse, durch die diese Schutzfaktoren wirken.
Resilienz entsteht demnach im Zusammenspiel individueller, sozialer, organisationaler und umweltbezogener Faktoren [45][47][55].
Abzugrenzen ist sie von Konzepten wie Hardiness oder Mental Toughness. Diese gelten überwiegend als relativ stabile, wenngleich entwickelbare Persönlichkeitsmerkmale. Resilienz setzt dagegen eine Belastung oder Krise voraus und bezeichnet die darauf bezogene Bewältigungs- und Anpassungsleistung.
Klassische Ansätze fokussierten vor allem die psychische Widerstandsfähigkeit des Individuums als individuelle Resilienz. Resilienz kann jedoch ebenso auf Teams, Organisationen, Gesellschaften und technische Systeme bezogen werden [52][47]. Teamresilienz beschreibt die Fähigkeit, mithilfe von Vertrauen, Kommunikation und Kooperation gemeinsam auf Störungen zu reagieren und handlungsfähig zu bleiben. Organisationale Resilienz bezeichnet die Fähigkeit einer Organisation, trotz Krisen zu funktionieren, sich anzupassen und aus Erfahrungen durch geeignete Strukturen, Prozesse und Kulturen zu lernen [47][52][57]. Gesellschaftliche Resilienz richtet den Blick auf die Fähigkeit einer Gesellschaft, Krisen wie Pandemien, Klimawandel oder Katastrophen zu bewältigen und sich weiterzuentwickeln [15]. Im militärischen Kontext ergänzt eine situative Ebene diese Perspektiven, indem sie Resilienz unter spezifischen Einsatz- und Krisenbedingungen betrachtet [45].
Angesichts gegenwärtiger Krisen- und Kriegsdynamiken ist ein reduktionistisches Verständnis unzureichend. Erforderlich ist eine Betrachtung, die individuelle, situative, organisationale und gesellschaftliche Faktoren sowie deren Wechselwirkungen berücksichtigt [45][47][55]. Individuen, Teams, Organisationen, Gesellschaften und technische Systeme sind zugleich Träger und Ansatzpunkte der Resilienzförderung.
Die Ebenen dürfen dabei nicht als voneinander unabhängige Säulen verstanden werden. Personale Ressourcen entfalten ihre Wirkung nur, wenn Teams Unterstützung ermöglichen und organisationale Strukturen Handlungsspielräume eröffnen. Umgekehrt bleiben robuste Verfahren wirkungslos, wenn Personal nicht ausreichend qualifiziert, erschöpft oder ohne Vertrauen in Führung und Auftrag handelt. Resilienz ist daher relational: Sie entsteht in den Verbindungen zwischen Menschen, Aufgaben, Strukturen, Technik und Umwelt.
Individuelle Dimension
Für die Bundeswehr ist eine personenzentrierte Perspektive von zentraler Bedeutung. Soldatinnen und Soldaten sind besonderen psychischen, physischen und sozialen Belastungsclustern ausgesetzt: einer hohen Taktung im Dienstalltag, parallelen Aufträgen, kurzfristigen Planänderungen, wiederkehrenden Lehrgängen, körperlichen Anforderungen sowie der Vereinbarkeit dienstlicher Pflichten mit Familie, Pflege oder Pendeln.
Einsatz- und Krisensituationen bringen zusätzliche Belastungen mit sich, darunter lange Trennungen vom sozialen Umfeld, hohe Einsatzdynamik, Schlafmangel, unklare Bedrohungslagen sowie die Konfrontation mit Leid und Tod. Besonders problematisch ist die Kombination aus intensiver Exposition, chronischem Stress, moralischer Dissonanz und fehlender sozialer oder organisationaler Unterstützung [24][36][56].
Moderne Kriegsführung schafft weitere psychologische Belastungen. Für die Drohnenkriegsführung, etwa in der Ukraine oder im Sudan, werden Folgen permanenter Überwachung und schwer kalkulierbarer Angriffe beschrieben, die chronisches Hyperarousal begünstigen können [11]. Konflikte mit hohen Opferzahlen, wie im Gazastreifen und in der Ukraine, erhöhen die Belastung durch wiederholte Konfrontation mit Tod und Verletzungen [51]. Asymmetrische und urbane Kampfszenarien können zudem moralische Dilemmata verschärfen.
Individuelle Resilienz umfasst deshalb mehr als nur Stressbewältigung. Sie umfasst adaptive Kompetenzen und Verhaltensweisen im Umgang mit Unsicherheit, Ambiguität und moralischen Konflikten, etwa bei Entscheidungen unter Zeitdruck, bei unvollständiger Informationslage oder im Umgang mit der Zivilbevölkerung. Ebenso schließt sie die Fähigkeit ein, extreme Erfahrungen zu verarbeiten, daraus zu lernen und sie gegebenenfalls in Reifungs- und Wachstumsprozesse zu überführen.
Ansatzpunkte der Förderung sind die Stärkung personaler Ressourcen, Kompetenzen und Fähigkeiten entlang zentraler Resilienzdimensionen wie Zukunftsplanung, Lösungsorientierung, Eigenverantwortung und Netzwerkorientierung [25][29][48]. Hinzu kommen gesundheitsförderliche Verhaltensweisen in den Bereichen Ernährung, Bewegung, Stressprävention, Schlaf und Suchtprävention. Diese Themen werden bereits in diversen Coachings, in der Führungskräfteentwicklung, in der psychologischen Beratung und im betrieblichen Gesundheitsmanagement aufgegriffen. Individuelle Resilienz kann sowohl privat als auch im beruflichen Kontext gefördert werden [28]. Ein militärisches Beispiel ist das „Comprehensive Soldier Fitness“-Programm der US-Streitkräfte, das das „Master Resilience Training“ als Kernkomponente umfasst.
Für die Förderung ist außerdem zwischen Schutzfaktoren vor einer Belastung, Bewältigungsprozessen während Krisen und Erholung bzw. Lernen danach zu unterscheiden. Vorbereitend wirken beispielsweise Ausbildung, körperliche Fitness, verlässliche soziale Beziehungen und realistische Erwartungen. In der akuten Situation sind Selbstregulation, Priorisierung, Kommunikation und die Nutzung verfügbarer Unterstützung entscheidend. Nach belastenden Ereignissen gewinnen Regeneration, soziale Einbettung, professionelle Hilfe und eine konstruktive Nachbereitung an Bedeutung. Maßnahmen sollten diese Phasen miteinander verbinden, statt sich auf kurzfristige Trainings zu beschränken. So werden Prävention, Bewältigung, Erholung und Weiterentwicklung systematisch miteinander verknüpft.
Situative Dimension
In Einsatz- und Krisenlagen gewinnt situationsspezifische Resilienz besondere Bedeutung. Hier verdichten sich individuelle Stressreaktionen, Teamdynamiken, organisationale Rahmenbedingungen und technische Faktoren. Situative Resilienz zeigt sich nicht nur in der Belastungsstabilität des Personals, sondern auch in der Fähigkeit, bei unvollständiger Informationslage bisherige Annahmen zu revidieren, taktische Handlungsmuster anzupassen und jenseits standardisierter Verfahren wirksam und auftragsorientiert zu bleiben. Gefördert wird sie insbesondere durch realitätsnahe Ausbildung, simulationsgestützte Trainings sowie systematische Einsatzvor- und -nachbereitung [1][43].
Realitätsnähe bedeutet dabei nicht, Belastungen unkontrolliert zu steigern. Gute Trainings dosieren Stress, schaffen sichere Lernräume und verbinden anspruchsvolle Szenarien mit Feedback und Reflexion. Dadurch lassen sich Handlungssicherheit, Entscheidungsfähigkeit und flexible Anpassungsfähigkeit aufbauen, ohne Überforderung zu normalisieren. Auch das Einüben von Alternativverfahren bei Ausfällen in Kommunikation, Technik oder Führung trägt zur situationsbezogenen Widerstandsfähigkeit bei.
Organisationale Dimension
Resilienz wird wesentlich durch organisationale und berufsbezogene Bedingungen beeinflusst [52]. Führung, Arbeitsplatzgestaltung, Kameradschaft, Strukturen, Technik und Prozesse können Ressourcen schaffen oder Belastungen verstärken [19][26][32][37]. Zentrale Ansatzpunkte sind daher eine resilienzförderliche Arbeitsgestaltung, befähigende Führung, tragfähige Teams und anpassungsfähige organisationale Rahmenbedingungen.
Arbeitsplatz
Arbeitsmerkmale beeinflussen, wie Beschäftigte Herausforderungen bewältigen und sich von Rückschlägen erholen. Das Job-Demands-Resources-Modell [5] zeigt, dass Handlungsspielraum, Autonomie, klare Rollen, Feedback und eine angemessene Belastung Resilienz fördern. Sie ermöglichen eine aktive Bewältigung und stärken die Selbstwirksamkeit. Hohe Arbeitsdichte, geringe Einflussmöglichkeiten und unklare Strukturen wirken hingegen belastend. Strukturelle soziale und kognitive Merkmale der Arbeit können gezielt gestaltet oder durch „Job Crafting“ aktiv verändert werden [42].
Arbeitsgestaltung und Führung sind eng miteinander verbunden. Führungskräfte übersetzen organisationale Vorgaben in konkrete Prioritäten, verteilen Ressourcen und entscheiden, welche Belastungen vermeidbar sind. Resilienzförderung verlangt deshalb nicht nur Wertschätzung, sondern auch klare Aufträge, realistische Zeitansätze, verlässliche Zuständigkeiten und den Mut, konkurrierende Anforderungen zu priorisieren. Beteiligung erhöht die Qualität von Entscheidungen, weil das Erfahrungswissen der Beschäftigten genutzt wird und Veränderungen nachvollziehbarer werden.
Führung
Führung ist ein zentraler Hebel der Resilienzförderung [19][21][38]. Unterstützende und transformationale Führung stärkt die psychische Gesundheit, die Motivation und die Resilienz [4][50][58]. Transformationale Führung vermittelt Vision und Sinn, inspiriert, unterstützt individuell und regt zur Reflexion an. Dadurch fördert sie Selbstwirksamkeit und befähigt Mitarbeitende, auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben [6][14].
Auch gesundheitsorientierte Führung im Sinne des Health-oriented-Leadership-Ansatzes [46] beeinflusst Gesundheit und Leistungsfähigkeit direkt und indirekt [23][30][31][35]. Der Ansatz unterscheidet zwischen der Selbstfürsorge der Führungskraft und der Mitarbeitenden (SelfCare) sowie derFürsorgevon Führungskräften gegenüber Mitarbeitenden (StaffCare). Führungskräfte sollen eigene Belastungen wahrnehmen und gesundheitsförderlich handeln, zugleich aber auch Belastungen ihrer Mitarbeitenden erkennen, Arbeitsbedingungen angemessen gestalten und Unterstützung ermöglichen [37][44]. StaffCare wirkt über die Gestaltung der Arbeitsbedingungen (Schaffung von Ressourcen, Reduktion von Anforderungen) sowie über unmittelbare Interaktion. Führungskräfte können Arbeitsbedingungen verbessern, aber bei ungünstigem Verhalten selbst zur Belastungsquelle werden [20][44]. Zugleich können sie hohe Anforderungen abpuffern und damit eine wichtige Ressource darstellen [38]. Gerade in Hochrisikobereichen wie Militär und Polizei kann gesundheitsorientierte Führung negative Stressfolgen mindern; in Krisen gewinnt sie zusätzlich an Bedeutung [33][34]. Wichtig ist außerdem die Vorbildfunktion [16][17]. Führungskräfte, die mit Belastung reflektiert umgehen, Orientierung geben, Vertrauen schaffen, transparent kommunizieren und Beteiligung ermöglichen, stärken Sicherheit und Selbstwirksamkeit.
Team
Teamzusammenhalt und Kameradschaft gelten als zentrale Resilienzfaktoren [7–9]. Ihre Wirkungsmechanismen sind jedoch komplex [49]. Das mehrdimensionale Konstrukt Teamzusammenhalt umfasst horizontalen Zusammenhalt zwischen Gleichrangigen, vertikalen Zusammenhalt zwischen Führungskräften und Untergebenen, sozialen und aufgabenbezogenen Zusammenhalt sowie institutionellen Zusammenhalt durch Identifikation mit militärischen Werten und der Organisationskultur. Validierte Modelle wie das „Standard Model of Military Group Cohesion“ verbinden diese Dimensionen und verdeutlichen ihre unterschiedlichen Beiträge zu Leistung und Wohlbefinden [49][54].
Resilienzförderung auf Teamebene setzt vor allem auf Vertrauen, Zusammenhalt, offene Kommunikation und eine konstruktive Fehlerkultur. Resiliente Teams erkennen Probleme frühzeitig, unterstützen sich gegenseitig und entwickeln flexible Lösungen. Bei kurzfristigen Planänderungen können Teileinheiten Aufgaben neu verteilen und dennoch den Auftrag erfüllen. Ein gutes Teamklima und unterstützendes Verhalten fördern Gesundheit und Resilienz [18][47].
Dies zeigt sich etwa, wenn eine eingespielte Teileinheit bei Übungen, Lehrgangsvorbereitungen oder parallelen Aufträgen unter Zeitdruck klare Absprachen trifft und sich gegenseitig entlastet. Auch kleine Verhaltensweisen sind bedeutsam: Überlastung frühzeitig ansprechen, Aufgaben übernehmen und neue Mitglieder aktiv integrieren. Gemeinsame Ausbildung und Übung, klare Rollen sowie psychologische Sicherheit stärken die Teamresilienz, weil kritische Punkte offen benannt und gemeinsam bearbeitet werden können.
Organisationale Rahmenbedingungen
Organisationale Resilienz erfordert flexible Strukturen, klare Prozesse, ausreichende Ressourcen und eine lernorientierte Kultur. Infrastruktur und Technik bilden die Grundlage funktionsfähiger Führungs-, Einsatz- und Unterstützungssysteme. Dazu gehören eine verlässliche Energieversorgung, stabile digitale Kommunikation, funktionierende IT- und Dokumentationssysteme sowie robuste logistische Liefer- und Versorgungsketten. Sie sichern die Handlungsfähigkeit von Individuen und Teams, sind zugleich jedoch potenzielle Verwundbarkeiten. In hybriden Bedrohungsszenarien können Cyberangriffe, Desinformation oder Sabotage kritische Infrastrukturen stören und die Führungsfähigkeit sowie die Einsatzbereitschaft beeinträchtigen.
Es reicht daher nicht, bestehende Prozesse nur robuster zu gestalten. Organisationen müssen Routinen, Prioritäten und Problembeschreibungen unter dynamischen Krisenbedingungen fortlaufend prüfen und bei Bedarf grundlegend verändern [55]. Entscheidend ist, auch bei knappen Ressourcen, gestörten Kommunikationswegen und hoher Dynamik handlungsfähig zu bleiben [13][26]. Im militärischen Alltag betrifft dies etwa personelle Engpässe durch Krankheit, Abstellungen oder parallele Aufträge, temporäre Ausfälle von IT-Systemen oder Führungsmitteln sowie kurzfristige Veränderungen der Aufgabenlage. Resiliente Strukturen verfügen über wirksame Vertretungsregelungen und befähigen Personal auf mehreren Ebenen, Verantwortung zu übernehmen und Schlüsselaufgaben fortzuführen.
Robustheit und Anpassungsfähigkeit ergänzen sich. Redundanzen, Reserven und standardisierte Notfallverfahren stabilisieren kritische Funktionen; dezentrale Kompetenzen und flexible Schnittstellen ermöglichen Anpassungen, wenn vorbereitete Pläne nicht mehr greifen. Dafür müssen Abhängigkeiten und kritische Funktionen bekannt sein, Ausweichverfahren erprobt und Ressourcen nach nachvollziehbaren Kriterien priorisiert werden. Ebenso wichtig ist eine Fehler- und Lernkultur, die Abweichungen nicht vorschnell individualisiert, sondern nach systemischen Ursachen fragt und Erkenntnisse organisationsweit verfügbar macht.
Ein wichtiger Faktor ist die konsequente Umsetzung der Auftragstaktik. Sie verbindet dezentrale Entscheidungsbefugnisse mit klarer Zielorientierung. Führungskräfte müssen auch bei unklarer oder veränderter Lage eigenständig entscheiden und ihren Verantwortungsbereich flexibel anpassen (vgl. Konzeption der Bundeswehr vom 13. Juli 2016) [10]). Einheiten können dadurch Abläufe umorganisieren, Schwerpunkte neu setzen und Kräfte oder Mittel situationsgerecht verteilen. Starre, stark zentralisierte Strukturen stoßen schneller an Grenzen; adaptive Organisationsformen mit klaren Schnittstellen und Handlungsspielräumen erhöhen die Reaktionsfähigkeit.
Organisationale Resilienz ist zudem eng mit strukturierter Reflexion und kontinuierlichem Lernen verbunden. Erfahrungen aus Übungen, Inspektionen und besonderen Belastungssituationen müssen ausgewertet und für Verfahren, Ausbildung und Führung genutzt werden. Dazu dienen konsequente Nachbesprechungen, die Identifikation von Schwachstellen sowie die Anpassung organisatorischer Regelungen oder der Ausbildungsinhalte. Lernen ist dabei kein einmaliger Vorgang, sondern eine fortlaufende Anpassung an ein veränderliches Umfeld.
Insgesamt entsteht organisationale Resilienz aus dem Zusammenspiel flexibler Strukturen, verlässlicher Prozesse, befähigender Führung, resilienter Teams und einer lernorientierten Kultur. Sie ermöglicht der Bundeswehr, ihre Aufgaben gerade unter den Unwägbarkeiten des militärischen Alltags dauerhaft zu erfüllen. Moderne Technologien erweitern die Handlungsmöglichkeiten: Simulationen, digitale Entscheidungsunterstützung und Künstliche Intelligenz können komplexe Szenarien realitätsnah abbilden, Entscheidungen unterstützen und die Anpassungsfähigkeit trainieren. Resilienz hängt damit zunehmend auch von technologischer Ausstattung, sicherer Vernetzung und Innovationsfähigkeit ab.
Gesellschaftliche Dimension
Gesellschaftliche Resilienz entsteht im Zusammenwirken staatlicher, militärischer, wirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure. Sie umfasst die Fähigkeit einer Gesellschaft, Krisen, Katastrophen oder sicherheitspolitische Bedrohungen zu bewältigen, zentrale Funktionen aufrechtzuerhalten und die Handlungsfähigkeit des Staates unter erschwerten Bedingungen zu sichern. Wesentliche Voraussetzungen sind stabile und widerstandsfähige Infrastrukturen, Vertrauen in demokratische Institutionen sowie leistungsfähige Versorgungs-, Kommunikations- und Sicherheitssysteme. Für die Bundeswehr gewinnt diese Dimension insbesondere im Kontext der Landes- und Bündnisverteidigung an Bedeutung, da militärische und zivile Resilienz eng miteinander verknüpft sind.
Im Rahmen der Gesamtverteidigung bilden zivile und militärische Verteidigung zwei sich ergänzende Säulen. Die zivile Verteidigung umfasst vier zentrale Aufgaben:
- die Aufrechterhaltung der Staats- und Regierungsfunktionen,
- den Zivilschutz (d. h. den unmittelbaren Schutz von Leben und Gesundheit der Bevölkerung vor den Auswirkungen von Krisen und Konflikten),
- die Versorgung der Bevölkerung (Zugang zu lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen wie Nahrung, Wasser, Energie, Gesundheitsversorgung und Kommunikationsinfrastruktur) sowie
- die Unterstützung der Streitkräfte.
Gesellschaftliche Resilienz entsteht dort, wo diese Bereiche ressortübergreifend und unter Einbindung von Bund, Ländern, Kommunen, Wirtschaft und Bundeswehr koordiniert zusammenwirken.
Ein wesentlicher Bestandteil ist die zivil-militärische Zusammenarbeit (ZMZ). Sie wirkt in beiden Richtungen. Zum einen unterstützt die Bundeswehr im Rahmen der Amtshilfe zivile Behörden und Organisationen, wenn sie ihre Aufgaben aufgrund außergewöhnlicher Schadenslagen oder begrenzter Ressourcen nicht mehr allein bewältigen können. Beispiele sind der Einsatz von Kräften nach Hochwasserereignissen, die Bereitstellung von Transportkapazitäten, Führungsunterstützung für Katastrophenschutzstäbe oder logistische Hilfe für Hilfsorganisationen. Solche Unterstützungsleistungen tragen insbesondere zu den Aufgabenfeldern des Zivilschutzes sowie zur Versorgung der Bevölkerung bei und stärken die gesamtstaatliche Krisenbewältigungsfähigkeit.
Zum anderen ist die Bundeswehr insbesondere im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung auf leistungsfähige zivile Strukturen angewiesen. Diese Unterstützung der Streitkräfte bildet die vierte Säule der zivilen Verteidigung und dient der Gewährleistung der militärischen Operationsfreiheit und der Durchhaltefähigkeit. Hierzu gehören beispielsweise zivile Transport- und Logistikleistungen, die Bereitstellung von Energie und Treibstoffen, Gesundheits- und Unterbringungskapazitäten, Telekommunikations- und IT-Dienstleistungen sowie die Nutzung kritischer Infrastruktur. Die Fähigkeit von Unternehmen, Behörden und Betreibern kritischer Infrastrukturen, diese Leistungen auch unter Krisen- oder Konfliktbedingungen aufrechtzuerhalten, ist damit ein wesentlicher Faktor militärischer und gesamtstaatlicher Resilienz.
Gesamtgesellschaftliche Resilienz setzt darüber hinaus ein gemeinsames Lageverständnis sowie belastbare Kommunikations- und Kooperationsstrukturen voraus. Zuständigkeiten, Unterstützungsleistungen und Entscheidungswege sollten bereits vor Eintritt einer Krise festgelegt, regelmäßig geübt und organisationsübergreifend abgestimmt werden. Unterschiedliche Organisationskulturen, Zuständigkeiten und Rechtsgrundlagen müssen dabei berücksichtigt werden. Vertrauen entsteht nicht erst im Ereignisfall, sondern durch kontinuierliche Zusammenarbeit, transparente Kommunikation und die nachweisbare Fähigkeit staatlicher Institutionen, Herausforderungen wirksam und verhältnismäßig zu bewältigen.
Resilienz ist deshalb keine isolierte Eigenschaft einzelner Organisationen, sondern ein emergentes Ergebnis koordinierter Teilsysteme. Systemübergreifende Kooperation, Kommunikation und Integration werden damit zu zentralen Voraussetzungen einer wirksamen Gesamtverteidigung. Eine resiliente Bundeswehr ist Teil eines resilienten gesamtstaatlichen und gesellschaftlichen Systems.
Abbildung 1 fasst die Ansatzpunkte einer mehrdimensionalen Resilienzförderung zusammen.
Abb. 1: Ansatzpunkte mehrdimensionaler Resilienzförderung (Bildrechte: A. Krick)
Kritische Reflexion des Resilienzbegriffs
Der Resilienzbegriff bedarf einer kritischen Einordnung. Eine einseitige Fokussierung auf individuelle Anpassungs- und Bewältigungsfähigkeit greift zu kurz, wenn dadurch strukturelle Defizite, organisationale Verwundbarkeiten und institutionelle Verantwortung aus dem Blick geraten. Erforderlich ist ein ausgewogener, adaptiver und dynamischer Ansatz, der individuelle Kompetenzen stärkt und zugleich die systemischen Rahmenbedingungen weiterentwickelt. Verhaltens- und Verhältnisprävention müssen miteinander verbunden werden. Resilienz darf nicht als individuelle Pflicht verstanden werden, sondern ist eine gemeinsame Aufgabe von Individuen, Teams, Führung, Organisation, Staat und Gesellschaft.
Fazit
Für die Bundeswehr besteht zwischen Einsatzanforderungen und Systemstress die Herausforderung, Resilienz integrativ, mehrdimensional und systemübergreifend operationalisieren zu können. Erforderlich sind interdisziplinäre Ansätze, die medizinische, psychologische, organisationale, gesellschaftliche und technologische Perspektiven kohärent miteinander verbinden. Ergänzend zur klassischen Prävention bedarf es von Maßnahmen zur Stärkung mentaler Ressourcen und sozialer Unterstützung sowie von resilienten Führungs-, Team- und Organisationsstrukturen. Moderne Technologien können die Vorbereitung auf Belastungssituationen zusätzlich unterstützen [41]. Nur eine solche Gesamtperspektive kann die Funktions- und Einsatzfähigkeit der Bundeswehr in komplexen, dynamischen und langandauernden Krisenbedingungen sichern.
Je komplexer die Krise, desto integrativer muss Resilienz gedacht und verstanden werden.
Kernbotschaft
- Resilienz ist eine adaptive und dynamische Systemfähigkeit, kein statischer Zustand.
- Sie entsteht durch das Zusammenwirken individueller, situativer, teambezogener, organisationaler und gesellschaftlicher Faktoren.
- Führung, Teamkohäsion und adaptive Organisationsstrukturen sind zentrale Voraussetzungen resilienter Einsatzfähigkeit.
- Die Bewältigung von Polykrisen erfordert einen multidimensionalen, integrativen und systemübergreifenden Resilienzansatz.
- Eine integrative Resilienzstrategie stärkt die langfristige Einsatzbereitschaft und Durchhaltefähigkeit der Bundeswehr.
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Manuskriptdaten
Zitierweise
Krick A, Hör A, Milbrodt A, Becker HP, Küsel C. Die Polykrise als Dauerlage – Mehrdimensionale Resilienz als adaptive Systemfähigkeit. WMM 2026;70(10):446-454.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-981
Für die Verfasser:
Priv.-Doz. Dr. Annika Krick
Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg
Holstenhofweg 85, 22043 Hamburg
E-Mail: krick@hsu-hh.de
Manuscript Data
Citation
Krick A, Hör A, Milbrodt A, Becker HP, Küsel C. [Polycrisis as a Persistent State: Multidimensional Resilience as an Adaptive System Capability]. WMM 2026;70(10):446-454.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-981
For the Authors
PD Dr. Annika Krick
Helmut-Schmidt-University/University of the Bundeswehr Hamburg
Holstenhofweg 85, D-22043 Hamburg
E-Mail: krick@hsu-hh.de
Body-Scan und interozeptive Bewusstheit: Neuropsychologische Perspektive auf Resilienz in Hochbelastungskontexten
Body-Scan and Interoceptive Awareness:
A Neuropsychological Perspective on Resilience in High-Demand Environments
Anastassiya Höra
a Fachbereich Bundeswehrverwaltung, Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, Fachbereich Bundeswehrverwaltung, Mannheim
Zusammenfassung
Der Beitrag stellt die neuropsychologischen Grundlagen der Stressreaktion sowie die Bedeutung der interozeptiven Bewusstheit für die Resilienzförderung in militärischen Hochbelastungskontexten dar. Stress entsteht primär durch schnelle autonome Prozesse, bevor kognitive Bewertungen einsetzen, und wird durch kortiko-limbische Netzwerke reguliert. Während akuter Stress mit Hyperarousal einhergeht, kann chronische Belastung zu Hypoarousal und zu einer verminderten Körperwahrnehmung führen.
Interozeptive Bewusstheit ermöglicht die frühzeitige Wahrnehmung körperlicher Stresssignale und die Einleitung adaptiver Regulationsprozesse. Der Body-Scan stellt eine achtsamkeitsbasierte Methode zur gezielten Förderung dar. Regelmäßige Praxis kann Körperwahrnehmung, Emotionsregulation, Entscheidungsverhalten und autonome Regulation verbessern. Damit kann die Schulung interozeptiver Bewusstheit einen Beitrag zum Erhalt der individuellen Leistungsfähigkeit und Einsatzbereitschaft leisten. Bei vulnerablen Personen sowie zu Beginn der Praxis ist eine angeleitete Durchführung zu empfehlen.
Schlüsselwörter: Resilienz, Achtsamkeit, Body-Scan, Interozeption, Neuropsychologie
Summary
This article outlines the neuropsychological foundations of stress response and the role of interoceptive awareness in enhancing resilience in high-stress military contexts. Stress responses are initiated by rapid autonomic processes before cognitive appraisal and are regulated by cortico-limbic networks. While acute stress is associated with hyperarousal, chronic exposure may lead to hypoarousal and reduced body awareness.
Interoceptive awareness enables early detection of physiological stress signals and the initiation of adaptive regulatory processes. The body-scan exercise is a mindfulness-based practice designed to enhance this capacity. Regular practice may improve body awareness, emotion regulation, decision-making, and autonomic regulation. Training in interoceptive awareness may therefore help maintain individual performance and operational readiness. Guided practice is recommended for vulnerable individuals and during the initial stages of training.
Keywords: resilience; mindfulness; body-scan exercise; interoception; neuropsychology
Einleitung
Stressreaktionen entstehen nicht primär auf der Ebene bewusster kognitiver Bewertung, denn autonome Regulationssysteme reagieren häufig schneller auf potenziell stressauslösende Reize als bewusste kognitive Bewertungsprozesse. In der neurowissenschaftlichen Forschung zur Selbstregulation wird Stress häufig als Produkt des dynamischen Zusammenspiels kortiko-limbischer Netzwerke beschrieben [4][12][15].
Akute Stressreaktionen folgen im Regelfall einem zweiphasigen Muster: Auf eine initiale sympathische Aktivierung mit Kampf- oder Fluchtreaktionen kann bei subjektiv ausweglos erlebter oder chronischer Belastung eine Immobilisationsreaktion im Sinne eines „Shutdowns“ folgen [4]. Insbesondere unter chronischer Belastung ist eine solche dynamische Anpassung an Anforderungen oder allostatische Regulation zunächst neurobiologisch als Anpassungsmuster zu verstehen [12]. In Hochbelastungskontexten schaltet das System von Hyperarousal in eine Form funktioneller Dämpfung um: Während die erste Phase durch erhöhte Vigilanz, motorische Aktivierung und kardiovaskuläre Beschleunigung gekennzeichnet ist, geht die zweite Phase häufig mit emotionaler Dämpfung sowie einer klaren Einschränkung der Interozeption einher [6][12][15][20]. Bei chronischem oder überwältigendem Stress kann auch Depersonalisation als extreme oder dysfunktionale Form allostatischer Regulationsmuster beobachtet werden [6][15][20].
Nach Sierra und Berrios resultiert der bei Depersonalisation beobachtete Zustand erhöhter Wachsamkeit aus einer Aktivierung präfrontaler Aufmerksamkeits-Systeme (Präfrontaler Cortex – PFC) sowie einer reziproken Hemmung des anterioren cingulären Cortex (ACC) [6][20][23]. Dies führt zu den bei Depersonalisation häufig berichteten Erfahrungen von „Gedankenleere“ oder „Schmerzunempfindlichkeit“. Zudem ergänzen die Autoren, dass linkspräfrontale Mechanismen die Aktivität der Amygdala hemmen, wodurch autonome und emotionale Reaktionen abgeschwächt werden und subjektive Gefühle von Unwirklichkeit oder Distanz zum eigenen Handeln entstehen können: „neben sich stehen“; oder „funktionieren müssen“ [6][20].
Im militärischen Einsatzkontext, in dem eine hohe Entscheidungsdichte auf situative Unvorhersehbarkeit trifft, ist das Verständnis dieser neurobiologischen Lernmechanismen eine wesentliche Voraussetzung für den Erhalt von Leistungsfähigkeit und Gesundheit. Während sympathische Kampf- oder Fluchtreaktionen meist wahrnehmbar sind, kann funktionale Dämpfung als sozial akzeptierte Bewältigungsstrategie erscheinen und schleichend zur allostatischen Last, also zur kumulativen anforderungsbedingten physiologischen Belastung, beitragen. Dabei wirken autonome, endokrine und neuronale Regulationsprozesse zusammen. Autonome Reaktionen setzen bereits ein, bevor eine Situation bewusst bewertet wird [4][12][25].
Vor diesem Hintergrund kommt der interozeptiven Bewusstheit (interoceptive awareness) eine Schlüsselrolle zu. Während Interozeption den grundlegenden physiologischen Prozess der Erfassung innerer Körpersignale bezeichnet, umfasst interozeptive Bewusstheit deren bewusste Wahrnehmung, Bewertung und Regulation. Sie bildet damit einen zentralen Ansatzpunkt präventiver Selbstregulation [8][12][13][14][16][17]. Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, die zugrunde liegenden neurobiologischen Mechanismen näher zu erläutern.
Neurobiologisches Netzwerk der Stressreaktion:
HPA-Achse, mPFC und anteriore Insula
Die Stressreaktion beruht auf einem dynamischen Zusammenspiel kortiko-limbischer Netzwerke. Im Hintergrund initiiert die Amygdala die Aktivierung der HPA-Achse und damit die physiologischen Stressreaktionen des Körpers, deren chronische Aktivierung zur allostatischen Last beitragen kann (Abbildung 1). Die HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse) ist das zentrale Stresshormonsystem des Körpers.
Abb. 1: Neuropsychologische Mechanismen der interozeptiven Bewusstheit (Bildrechte: A. Hör).
Der mediale präfrontale Cortex (mPFC) ist zentral für die Balance zwischen emotionaler Reaktivität und kognitiver Kontrolle. Unter moderatem Stress ermöglicht er eine adaptive top-down-Regulation, während bei hoher Belastung eine relative Enthemmung der limbischen Aktivität auftreten kann. In der Folge sind exekutive Funktionen wie Arbeitsgedächtnis, Impulskontrolle und flexible Entscheidungsfindung beeinträchtigt. Chronischer Stress führt nicht nur zu strukturellem Abbau im mPFC, sondern verändert auch gezielt die Organisation eingehender Synapsen aus verschiedenen Hirnregionen. In einem Tiermodell zeigte chronischer Stress bei sich bei besonders stressanfälligen Mäusen eine afferenten- und schichtspezifische Reorganisation synaptischer Eingänge in den mPFC [24].
Chronischer Stress geht mit einer anhaltenden Hyperaktivität der Amygdala sowie einer verminderten Neuroplastizität des medialen präfrontalen Cortex (mPFC) einher [15][20]. In dissoziativen Zuständen zeigt sich hingegen häufig ein gegenteiliges Muster im Sinne eines Hypoarousals, gekennzeichnet durch eine verstärkte top-down-Hemmung limbischer Aktivität und eine emotionale Abflachung [6][23].
An der Verarbeitung interozeptiver Signale sind insbesondere die Insula, der anteriore cinguläre Cortex (ACC) sowie präfrontale Regionen beteiligt. Gemeinsam bilden diese Strukturen ein funktionelles Netzwerk zur Integration und Vorhersage innerer Körpersignale. Eine Schlüsselrolle kommt der anterioren Insula zu. Sie integriert interozeptive Signale – Herzfrequenz, Atmung, Muskeltonus, viszerale Aktivität – und verknüpft diese mit affektiver Bewertung. In enger Verbindung mit dem anterioren cingulären Cortex (ACC) entsteht daraus die Grundlage für die Handlungssteuerung bzw. für das Monitoring bei sozialen Konflikten. Interozeption stellt somit das Bindeglied zwischen autonomer Regulation, emotionaler Bewertung und präfrontaler Kontrolle dar. Gezielte Schulung interozeptiver Bewusstheit kann die funktionelle Integration kortikaler und subkortikaler Regulationsprozesse unterstützen [4][5][12][16].
Ist diese Integration gestört, etwa bei chronischer Belastung, destruktiven oder traumaassoziierten Mustern, kann es zu einer funktionellen Entkopplung zwischen Körperwahrnehmung und emotionaler Verarbeitung kommen [4][23]. Die Folgen umfassen Hyperarousal-Zustände, dissoziative Reaktionen mit verminderter Körperanbindung sowie die Manifestation somatischer Beschwerden. Diese Konsequenzen sind in Abbildung 1 durch die große orangefarbene Hantel symbolisiert. Eine stabile interozeptive Rückkopplung wirkt protektiv, da sie frühe Stressmarker – subtile Muskelanspannung, flachere Atmung, Herzfrequenzanstieg – erkennbar macht und eine rechtzeitige Regulation ermöglicht. Interozeptive Bewusstheit ist eine trainierbare Kompetenz, deren gezielte Förderung die frühzeitige Wahrnehmung physiologischer Stresssignale unterstützen kann. Der Body-Scan ist hierbei eine niederschwellige, evidenzbasierte Methode zur Förderung dieser Kompetenz.
Body-Scan – Vorbeugung statt Eskalationsmanagement
Der Body-Scan (u. a. als Kernkomponente von Mindfulness-Based Stress Reduction MBSR, einem Achtsamkeitsbildungsprogramm) ist eine angeleitete strukturierte Aufmerksamkeitslenkung auf definierte Körperregionen mit dem Ziel, interozeptive Bewusstheit, Differenzierung und eine nichtwertende Wahrnehmung zu fördern [17]. Die Body-Scan-Übung ist ein integraler Bestandteil einschlägiger ziviler und militärischer Resilienzprogramme [10][13]. Im Unterschied zu rein kognitiven Coping-Strategien adressiert Body-Scan primär die Körper- und autonome Regulation und wirkt damit plausibel auf die mPFC – Amygdala-Achse sowie auf insuläre Integrationsprozesse.
Da der Body-Scan häufig in Kombination mit anderen Maßnahmen angewendet wird, weist die Literatur eine hohe Heterogenität hinsichtlich der Ausführungsdauer auf, die von etwa 5 bis über 40 Minuten reicht, sowohl mit als auch ohne musikalische Begleitung. In den meisten Fällen wird zu Beginn der Sequenzen die Aufmerksamkeit durch eine positive, einladende Anleitung auf den Atemprozess gelenkt:
Wir machen es uns bequem und erlauben den Augen einen Punkt auf dem Boden zu fixieren, um uns etwas Ruhe und Entspannung zu gönnen. Beide Füße stehen fest auf dem Boden. Die Hände sind locker und entspannt. Wir machen einen ganz tiefen Atemzug und atmen langsam aus…
[Pause] …und vielleicht noch einen tiefen Atemzug,
[Pause] …und vielleicht noch etwas langsamer ausatmen.
Die Aufmerksamkeit wird schrittweise auf einzelne Körperregionen gelenkt und wiederholt zur Atmung zurückgeführt. Geübte Teilnehmende berichten bereits nach kurzen Übungssequenzen (13–18 min) von einer erholsamen und regulierenden Wirkung.
Insbesondere im betrieblichen Gesundheitsmanagement ist der Body-Scan ein zentraler Bestandteil niedrigschwelliger, gruppenbasierter Trainingsinstrumente zur Förderung der Selbstregulation [3][14].
Interozeptive Bewusstheit als Trainingsziel
Body-Scan-Training verbessert nicht nur die interozeptive Bewusstheit, sondern auch die Aufmerksamkeitsregulation, die Emotionsverarbeitung und die kognitive Einsicht, was wiederum Reflexivität und weniger impulsive Entscheidungen begünstigen kann [7][8][16][18][21]. Ein erhöhtes Verständnis für innere Zustände ermöglicht, körperliche Signale in Stresssituationen als relevante Informationsquelle für Entscheidungen zu nutzen, anstatt sie zu ignorieren [1][7]. Wie in Abbildung 1 dargestellt, können regelmäßige achtsamkeitsbasierte Übungen über die Förderung interozeptiver Bewusstheit zu einer günstigeren physiologischen Stressregulation beitragen und der Entwicklung allostatischer Last entgegenwirken (symbolisiert durch die kleinere grüne Hantel) und dadurch die Stressregulation im Alltag verbessern [1][7][11]. Darüber hinaus sind im Rahmen eines achtwöchigen MBSR-Programms signifikante Verbesserungen der interozeptiven Bewusstheit zu erwarten [7].
Neuere Arbeiten zeigten, dass bereits ein zweiwöchiges, tägliches auditives Body-Scan-Training interozeptionsbezogene Variablen im Vergleich zu Kontrollbedingungen beeinflussen kann [22]. Insbesondere ist in diesem Kontext hervorzuheben, dass bereits kurze tägliche Body-Scan-Übungen die interozeptive Bewusstheit im Vergleich zu einer Kontrollgruppe beeinflussen können. Da interozeptive Genauigkeit in komplexen Entscheidungsmodellen als Informationsquelle genutzt wird, legen solche Befunde nahe, dass der Body-Scan die „körperlichen Signale“ verlässlich zugänglich macht, die bei schwierigen Entscheidungen herangezogen werden [21][22][26].
Eine Metaanalyse von 29 randomisierten Studien mit insgesamt 2 191 Teilnehmenden weist darauf hin, dass achtsamkeitsbasierte Interventionen, einschließlich körperorientierter Elemente wie dem Body-Scan, im Mittel positive Effekte auf selbstberichtete interozeptive Maße zeigen, mit kleinen bis moderaten Effektstärken [26]. Diese Befunde stützen die Annahme, dass eine regelmäßige Übung der gezielten nicht-wertenden Aufmerksamkeit auf körperliche Empfindungen die Interozeption messbar verbessern kann und somit ein geeignetes Instrument zur Prävention und Intervention darstellt [26].
Autonome Regulation (z. B. Herzratenvariabilität – HRV) als Präventionsmarker
Autonome Regulation, insbesondere die vagale Kontrolle des Herzens (Herzratenvariabilität, HRV), ist eng mit präfrontaler Emotionsregulation und adaptivem Verhalten (Aktivität im anterioren cingulären Cortex sowie in der Insula) verbunden [25].
Auf dieser Grundlage wird angenommen, dass die Standardreaktion auf Unsicherheit eine Bedrohungsreaktion ist und möglicherweise mit dem bekannten Negativitätsbias zusammenhängt. Die Herzratenvariabilität kann dabei als Maß dafür verstanden werden, in welchem Ausmaß „Top-down“-Bewertungen, vermittelt über kortiko-subkortikale Verschaltungen, die Aktivität des Hirnstamms sowie die autonomen Reaktionen des Körpers beeinflussen [25].
In den Fällen, in denen die Bedrohungsreaktion tatsächlich eine Standardreaktion auf Unsicherheit darstellt, könnten kontextuelle Informationen, die in Bewertungssystemen repräsentiert sind, erforderlich sein, um diese Verzerrung im Alltag zu überwinden. In diesem Zusammenhang kann die Herzratenvariabilität als Hinweis auf eine „vertikale Integration“ neuronaler Mechanismen verstanden werden, die die Verhaltenssteuerung und die periphere Physiologie verbinden und so zur Regulation von Stressreaktionen beitragen.
Für Prävention im militärischen Kontext ist besonders die autonome Flexibilität relevant. Randomisierte Untersuchungen zeigen, dass kurze achtsamkeitsbasierte Interventionen die HRV während der Praxis steigern können – interpretiert als Hinweis auf eine veränderte autonome Regulation [11].
Stärkung des adaptiven Entscheidungsprozesses
Ein adaptiver Entscheidungsprozess bezeichnet die Fähigkeit, Handlungsentscheidungen flexibel, kontextsensitiv und unter Einbezug sowohl kognitiver als auch körperlicher Signale zu treffen, sodass das Verhalten an wechselnde Anforderungen angepasst werden kann. Neuere Arbeiten heben hervor, dass Interozeption selbst ein zentraler Baustein adaptiver Entscheidungsprozesse ist [16]. Personen mit höherer interozeptiver Bewusstheit nutzen körperliche Signale stärker als „somatische Marker“, die ihnen helfen, Risiken besser einzuschätzen und Handlungsoptionen differenzierter zu gewichten. Dies gilt nicht nur für einfache Wahrnehmungsentscheidungen, sondern auch für affektiv beeinflusste Entscheidungsaufgaben, bei denen Körper-Feedback als Informationsquelle dient.
Bereits eine kurze Body-Scan-Meditation führte zu einer präziseren somatosensorischen Entscheidungsleistung, die sich in einer erhöhten Sensitivität für körperliche Reize und weniger Fehlwahrnehmungen gegenüber der Kontrollgruppe zeigte [18].
Unter anderem sprechen mechanistische Erklärungsansätze (z. B. Predictive Processing) dafür, dass Body-Scan-Übungen dabei helfen, ein optimiertes internes Modell des Körpers zu entwickeln [5]. Dadurch verbessert sich nicht nur die Genauigkeit der Selbstwahrnehmung, sondern auch die Fähigkeit, Vorhersagefehler zwischen erwarteten und tatsächlichen interozeptiven Signalen aufzulösen. In Entscheidungskontexten kann dies dazu führen, dass körperliche Rückmeldungen als zuverlässigere Informationsquelle genutzt werden, weil sie weniger durch Unsicherheit verzerrt sind [5].
Einschränkungen
Eine präzise Wahrnehmung von Körpersignalen führt unter sozialem Stress nicht per se zu günstigeren Reaktionen; entscheidend ist deren Regulation. Rapp et al. zeigen, dass interozeptive Genauigkeit in Verbindung mit kognitiver Neubewertung die Stressreaktion modulieren kann und mit einem geringeren Anstieg der Herzfrequenz einhergeht [21].
Sowohl Präsenz- als auch Online-Formate des Body-Scan-Trainings sind mit Verbesserungen bei Angst-, Stress- und depressiven Symptomen sowie bei der Emotionsregulation assoziiert [9]. Bei dissoziationsnaher Symptomatik oder erhöhter traumaassoziierter Vulnerabilität ist zunächst eine angeleitete Präsenzdurchführung zu empfehlen. Diese ermöglicht die unmittelbare Regulation intensiver interozeptiver Reaktionen, eine Anpassung der Übungsintensität und den Einsatz exterozeptiver Anker. Zudem lassen sich nonverbale Stressindikatoren erfassen und die Instruktion situativ anpassen.
Die Entwicklung interozeptiver Bewusstheit erfordert regelmäßige und qualitativ hochwertige Praxis. Bei professionellen Basketballspielerinnen führte eine einmalige videobasierte Body-Scan-Übung weder zu einer Verbesserung der Herzratenvariabilität noch der kognitiven Leistung nach akuter Belastung [2]. Entscheidend scheint weniger die Übungsdauer oder die Wiederholungszahl als die Qualität der Praxis zu sein [19]. Insbesondere in frühen Trainingsphasen ist daher eine fachlich fundierte Anleitung zu empfehlen [14]. Ein weiterer zentraler Wirkfaktor ist die aktive und eigenverantwortliche Mitwirkung der Teilnehmenden (Adhärenz) [19].
Diskussion
Stressreaktionen entstehen aus dem Zusammenspiel autonomer Regulationsmechanismen und kognitiver Bewertungsprozesse. Kortiko-limbische Netzwerke – insbesondere der mediale präfrontale Cortex (mPFC), die anteriore Insula und der anteriore cinguläre Cortex (ACC) – koordinieren diese Prozesse. Akuter Stress aktiviert zunächst sympathische Reaktionen mit erhöhter Vigilanz und Handlungsbereitschaft. Bei anhaltender Belastung kann das System jedoch in eine funktionelle Dämpfung übergehen, die mit reduzierter emotionaler Reaktivität, eingeschränkter Interozeption und langfristig erhöhter allostatischer Last einhergeht.
Vor diesem Hintergrund ist die interozeptive Bewusstheit von zentraler Bedeutung. Eine geschulte Wahrnehmung innerer Körpersignale ermöglicht das frühzeitige Erkennen von Stressindikatoren und die rechtzeitige Einleitung adaptiver Regulationsstrategien, bevor dysregulative Zustände entstehen.
Der Body-Scan bietet sich hierfür als eine evidenzbasierte Trainingsmethode an. Studien zeigen Verbesserungen der interozeptiven Bewusstheit, der autonomen Regulation (z. B. der Herzratenvariabilität) sowie der Entscheidungsfähigkeit. Damit adressiert die Methode zentrale neurobiologische Mechanismen der Stressregulation und kann zur Prävention sowie zum Erhalt der Leistungsfähigkeit in Hochbelastungskontexten beitragen.
Gerade im militärischen Einsatz sind hohe Entscheidungsdichte, operative Komplexität und Unvorhersehbarkeit ohne stabile Selbstregulation kaum zu bewältigen. Neurobiologisch fundierte Trainingsansätze können daher die individuelle Leistungsfähigkeit sowie die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte unterstützen.
Die Wirksamkeit des Body-Scans hängt von der Übungsdauer, dem Kontext und der individuellen Belastungslage ab. Bei erhöhter Stressvulnerabilität oder dissoziationsnaher Symptomatik sollte die Anwendung zunächst unter Anleitung erfolgen. Insgesamt sprechen die vorliegenden Erkenntnisse dafür, den Body-Scan als Bestandteil präventiver Stressregulation zu verstehen.
Ziel ist nicht primär die Bewältigung akuter Krisen, sondern die frühzeitige Stabilisierung autonomer und kognitiver Regulationsprozesse in komplexen Belastungssituationen – im militärischen ebenso wie im zivilen Kontext.
Fazit
Stressreaktionen entstehen aus dem Zusammenspiel autonomer Regulationsmechanismen und nachgelagerter kognitiver Bewertungsprozesse. In Hochbelastungskontexten kann das Stressregulationssystem in einen Zustand funktioneller Dämpfung übergehen. Werden allostatische Anpassungsmechanismen dauerhaft aktiviert, entwickeln sie sich zu einer allostatischen Last mit nachteiligen Folgen für die Stressregulation und die Leistungsfähigkeit.
Vor diesem Hintergrund stellt die interozeptive Bewusstheit einen zentralen Mechanismus präventiver Selbstregulation und des Erhalts der individuellen Leistungsfähigkeit dar. Die geschulte Wahrnehmung körperlicher Stresssignale ermöglicht die frühzeitige Identifikation individueller Belastungsmarker sowie die Einleitung adaptiver Regulationsprozesse. Der Body-Scan ist eine evidenzbasierte Methode zur Förderung interozeptiver Bewusstheit. Studien zeigen, dass regelmäßige Praxis mit einer verbesserten autonomen Regulation (z. B. erhöhter Herzratenvariabilität) und einer verbesserten Entscheidungsleistung assoziiert ist.
Im militärischen Kontext kommt diesen Zusammenhängen besondere Bedeutung zu. Hohe Entscheidungsdichte, operative Komplexität und situative Unvorhersehbarkeit erfordern neben fachlicher Kompetenz eine stabile Selbstregulation. Die systematische Schulung der Selbstregulation kann daher zum Erhalt der individuellen Leistungsfähigkeit und zur nachhaltigen Sicherung der Einsatzbereitschaft der Streitkräfte beitragen.
Kernbotschaft
- Stressreaktionen setzen autonom ein und erfordern eine stabile Selbstregulation.
- Interozeptive Bewusstheit ist eine erlernbare Kompetenz und erleichtert die frühzeitige Wahrnehmung von Stresssignalen.
- Der Body-Scan ist eine etablierte Methode zur Förderung interozeptiver Bewusstheit.
- Der Body-Scan könnte über neurobiologische Mechanismen adaptive Regulationsprozesse unterstützen.
- Bereits kurze, regelmäßig durchgeführte Übungseinheiten können die Selbstregulation sowie das adaptive Entscheidungsverhalten im Alltag fördern.
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Manuskriptdaten
Zitierweise
Hör A. Body-Scan und interozeptive Bewusstheit: Neuropsychologische Perspektive auf Resilienz in Hochbelastungskontexten. WMM 2026;70(10):455-460.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-975
Verfasserin
Regierungsdirektorin Dr. Anastassiya Hör
Fachbereich Bundeswehrverwaltung
Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung
Seckenheimer Landstr. 12, 68163 Mannheim
E-Mail: anastassiya.hoer@hsbund-fbbwv.de
Manuscript Data
Citation
Hör A. Body-Scan and Interoceptive Awareness: A Neuropsychological Perspective on Resilience in High-Demand Environments.
WMM 2026;70(10):455-460.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-975
Author
Senior Government Official Director Dr. Anastassiya Hör
Bundeswehr Administration Department
Federal University of Applied Administrative Sciences
Seckenheimer Landstr. 12, D-68163 Mannheim
E-Mail: anastassiya.hoer@hsbund-fbbwv.de