Wie lässt sich Resilienz in der Bundeswehr trainieren?
Vom Modellprojekt zum skalierbaren Ausbildungssystem im betrieblichen Gesundheitsmanagement1
How Can Resilience Be Trained in the Bundeswehr?
From a Pilot Project to a Scalable Training System for Occupational Health Management
Patrick Scheidta, Steffen Huppmannb, Martin Sanderc, Thomas Emserd
a Sanitätszentrum, Idar-Oberstein
b Bundeswehr-Dienstleistungszentrum, Veitshöchheim
c Bildungszentrum der Bundeswehr, Mannheim
d Sanitätsunterstützungszentrum, Stetten a.k.M.
1 Die in diesem Beitrag verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich immer gleichermaßen auf Personen jeden Geschlechts (m/w/d). Auf eine Doppelnennung und gegenderte Bezeichnungen wird zugunsten einer besseren Lesbarkeit verzichtet.
Zusammenfassung
Vor dem Hintergrund der sicherheitspolitischen Neuausrichtung Deutschlands gewinnt die personelle Einsatzbereitschaft der Bundeswehr zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig bringen steigende Fehlzeiten, insbesondere infolge psychischer Erkrankungen sowie Anforderungen an die Arbeitgeberattraktivität neue Herausforderungen mit sich. Resilienz erweist sich hierbei als zentraler Faktor für die Sicherstellung der individuellen Leistungsfähigkeit und der organisationalen Durchhaltefähigkeit.
Bestehende Ansätze des betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) weisen jedoch Defizite in Bezug auf Systematik und praktische Umsetzung auf. Im Sanitätsunterstützungszentrum Cochem (SUZ COC) wurde gemeinsam mit dem Bildungszentrum der Bundeswehr (BiZBw) in Mannheim und dem Bundeswehr-Dienstleistungszentrum Veitshöchheim (BwDLZ VHH) ein integrativer Präventionsansatz entwickelt, der Verhaltens- und Verhältnisprävention mit der Qualifizierung interner Multiplikatoren kombiniert. Das modular aufgebaute, dreistufige Ausbildungssystem ist praxisorientiert und skalierbar. Erste Implementierungen zeigen eine hohe Akzeptanz sowie den Aufbau eines belastbaren Ausbilder-Netzwerks.
Schlüsselwörter: Resilienz, Betriebliches Gesundheitsmanagement, Ausbildungssystem, Einsatzbereitschaft, Multiplikatoren, Bundeswehr
Summary
Against the backdrop of Germany’s realigned security and defence policy, the personnel operational readiness of the Bundeswehr is becoming increasingly crucial. At the same time, rising absenteeism – particularly due to mental illnesses – and changing expectations regarding employer attractiveness pose new challenges. In this context, resilience is a key factor in ensuring both individual performance and organisational endurance.
However, existing corporate health management approaches lack systematic structure and practical implementation. At the Medical Support Centre Cochem (SUZ COC), in cooperation with the Bundeswehr Education Centre and the Bundeswehr Service Centre Veitshöchheim, an integrative preventive approach was developed. This approach combines behavioural and structural prevention with the qualification of internal multipliers. The modular, three-tiered training system is practically oriented and scalable. Initial implementations demonstrate high acceptance and the successful establishment of a resilient instructor network.
Keywords: resilience; corporate health management; training system; operational readiness; multipliers; Bundeswehr
Einleitung
Vor dem Hintergrund der verstärkten sicherheitspolitischen Ausrichtung Deutschlands auf die Landes- und Bündnisverteidigung, die sich unter anderem in der erhöhten Präsenz an der NATO-Ostflanke, der Stationierung einer Brigade in Litauen sowie der signifikanten Stärkung der NATO-Response Force manifestiert, nimmt die Bundeswehr eine zentrale Rolle innerhalb der kollektiven Verteidigungsarchitektur ein [13]. Daraus ergibt sich eine gesteigerte Bedeutung der personellen Einsatzbereitschaft als entscheidende Determinante der militärischen Leistungsfähigkeit. Parallel dazu rückt die gesundheitsfördernde Ausgestaltung im Kontext der Arbeitgeberattraktivität von Führungspraktiken verstärkt in den Fokus, da diese seit 2013 zunehmend von potenziellen Bewerberinnen und Bewerbern eingefordert wird [6]. Aktuell liegen die krankheitsbedingten Ausfallzeiten bei etwa 15 bis 22 Tagen pro Kopf und Jahr [2]. Ein differenzierter Blick zeigt, dass Beamtinnen und Beamte mit durchschnittlich 21,6 Tagen Fehlzeiten rund 2,3 Tage weniger aufweisen als Tarifbeschäftigte (24 Tage) [5]. Die Unterschiede lassen sich vor allem durch die Tätigkeitsstruktur erklären: Tarifbeschäftigte arbeiten häufiger in körperlich anstrengenden Bereichen. Ein noch stärkerer Einflussfaktor ist die Laufbahngruppe, da die Krankheitstage mit zunehmendem Qualifikationsniveau deutlich sinken. Beschäftigte des einfachen Dienstes weisen nahezu dreimal so viele Fehltage auf wie jene des höheren Dienstes. Dieses Gefälle korreliert in der Regel mit einer höheren Gesundheitskompetenz und einer intensiveren Nutzung präventiver Maßnahmen. Als Treiber steigender Fehlzeiten kommt psychischen Erkrankungen hierbei eine zentrale Rolle zu. Denn seit mehreren Jahren steigen diese stetig an und sind derzeit mit 12,5 % der AU-Tage auf Platz drei der Verursacher von Fehlzeiten, mit der Tendenz, bald einen noch höheren Stellenwert einzunehmen [1].
Um dem entgegenzuwirken, muss die individuelle bzw. die organisationale Resilienz deutlich gestärkt werden. Resilienz, verstanden als psychische, physische und organisationale Einsatzbereitschaft, beschreibt die Kompetenz, flexibel auf Belastungen und Krisen zu reagieren und die Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Bisherige Systeme innerhalb der Bw, insbesondere das BGM, das sich mit Prävention befasst, weisen hier ein mehr als deutliches Verbesserungspotential auf. Darum ist es das Ziel dieses Projekts, ein erprobtes, praxisorientiertes Ausbildungssystem vorzustellen, das Resilienz und Durchhaltefähigkeit systematisch, skalierbar und nachhaltig in der Truppe und bei den zivilen Beschäftigten verankert, um den bestehenden personellen Herausforderungen sowie den Belastungen in der Landes- und Bündnisverteidigung wirksam zu begegnen.
HintergrundundProblemstellung
Die Evidenz für die Notwendigkeit robuster organisationaler Strukturen für gesundheitsfördernde Maßnahmen wird wiederholt berichtet [7][8]; diese werden vom Sanitätsdienst ausdrücklich eingefordert. Insbesondere im Verteidigungsfall entscheidet die resiliente Leistungsfähigkeit über Durchhaltefähigkeit und operative Wirksamkeit.
Die bisherige Praxis der Bundeswehr zeigt heterogene Ergebnisse. Während einzelne Dienststellen eine kontinuierliche Gesundheitsförderungskultur etablieren konnten, ist in anderen Bereichen eine nachhaltige Implementierung bislang nicht verlässlich erfolgt. Dies unterstreicht auch die gesundheitsökonomische Begleitstudie des Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr in Kooperation mit der Charité Berlin, die den sozialen und ökonomischen Nutzen von BGM-Strukturen systematisch evaluiert [11]. Eine zentrale Herausforderung besteht darin, dass BGM-Koordinierende (BGM-K) häufig auf externe Anbieter angewiesen sind, deren Angebote nur eingeschränkt auf den militärischen Kontext übertragbar sind. Des Weiteren ist die fehlende Qualifikation des Personalkörpers die häufigste Herausforderung bei militärischen sowie zivilen Dienststellen, um eigenständige, nachhaltige Maßnahmen zu verstetigen.
Vor diesem Hintergrund wurde in einem Modellprojekt des Sanitätsunterstützungszentrums Cochem (SUZ COC) ein integrativer Präventionsansatz entwickelt.
Modellprojekt „Gesunde Lebensführung“
Im SUZ COC wurde ein Ansatz implementiert, der Bewegung, Ernährung, Sucht- und Stressprävention mit Maßnahmen der Verhaltens- und Verhältnisprävention der klassischen betrieblichen Gesundheitsförderung verknüpft. Die Qualifizierung interner Multiplikatoren in den jeweiligen Teilbereichen der Säule Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) aus dem BGM der Bw soll der Fragmentierung durch Insellösungen entgegenwirken. Dieser Ansatz wurde zwischen 2023 und 2025 sowohl im Taktischen Luftwaffengeschwader 33 (TaktLwG 33) in Büchel als auch beim Zentrum Operative Kommunikation (ZOpKomBw) in Mayen getestet. Die erste Säule des von Oberstarzt Dr. Thomas Emser entwickelten Modells spielte hierbei eine zentrale Rolle.
Parallel dazu wurde am Standort Idar-Oberstein durch die mehrjährige Kampferfahrung ukrainischer Soldaten, die an der Artillerieschule Idar-Oberstein ausgebildet wurden, verdeutlicht, dass die Notwendigkeit verlässlicher Präventionsprogramme besteht. Aus dem Modellprojekt sind die ersten Ansätze entstanden, um ein skalierbares Ausbildungssystem zu entwickeln. Viele Nationen hatten bereits vor Beginn der Kampfhandlungen in der Ukraine die Relevanz des Resilienztrainings erkannt. Das internationale Präventions- und Trainingsprogramm U.S. Army Comprehensive Soldier Fitness Program (CSF) [4] belegt die Bedeutung protektiver Faktoren für eine positive Entwicklung. Innerhalb der Bundeswehr gibt es bereits Programme wie das Stärken- und Ressourcentraining [10], deren flächendeckende Implementierung jedoch bislang ausblieb. Ergänzend bestehen spezifische Trainingskonzepte im Bereich der psychologischen Einsatzfähigkeit (PEF) [12], insbesondere für Spezialkräfte, zur Förderung von Hardiness und Teamorientierung.
Die Erfahrungen aus dem Modellprojekt zeigten, dass die nachhaltige Umsetzung von Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) vor allem durch unzureichende Gesundheitskompetenz auf allen Ebenen, fehlende Qualifikation des Durchführungspersonals sowie unterschiedliche Akzeptanz auf der Führungsebene erschwert wird. Vor diesem Hintergrund entwickelten das SUZ COC, das Bildungszentrum der Bundeswehr (BiZBw) und das Bundeswehr-Dienstleistungszentrum Veitshöchheim (BwDLZ VHH) gemeinsam ein multiplikatorgestütztes Ausbildungssystem. Hierbei wurden bisherige Informationen und neue Ideen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Die Konzeption erfolgte interdisziplinär unter Einbindung von Dienststellenleitern, Truppenärzten, Psychologen, Sportwissenschaftlern sowie Beauftragten BGM (Bea BGM) und BGM-K.
Konzeption des Ausbildungssystems
Das Qualifizierungskonzept ist modular und dreistufig aufgebaut (Abbildung 1).
Abb. 1: Das dreistufige BGM-Basis-Multiplikatoren-Ausbildungssystem der Bundeswehr
(Bildrechte: P. Scheidt, S. Huppmann, M. Sander, T. Emser, 2026)
Stets praxisorientiert und ohne PowerPoint-Frontalunterricht ausgerichtet, ist es erlebnisorientiert konzipiert. Daher ist es hochkomplex und bedarf geisteswacher, agiler Ausbilder.
BGM-Basis-Multiplikator (16 UE)
Die erste Ebene, der „BGM-Basis-Multiplikator“ (BBM) mit integriertem Resilienz-Training, umfasst 16 Unterrichtseinheiten (UE). Dieser wird vorzugsweise als Blockveranstaltung, alternativ modular durchgeführt. Die Ausbildung erfolgt im Tandem-Prinzip durch mindestens zwei qualifizierte Ausbilder und ist konsequent praxisorientiert ausgerichtet. Inhaltlich gliedert sie sich in vier Themenfelder mit jeweils theoretischen und praktischen Anteilen: BGM (inkl. betrieblicher Gesundheitsförderung, Arbeits- und Gesundheitsschutz (AGS), Führung und Organisation (FuO) sowie Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM), Resilienz (individuell, Team, Führung, Organisation), agiles und wertschätzendes Führen sowie Fehlzeitenmanagement.
Die Ausbildung ist zielgruppenadaptiv und richtet sich an alle Dienstgradgruppen. Sie vermittelt anwendungsorientiertes Grundlagenwissen, fördert Gesundheitskompetenz sowie soziale Fähigkeiten und reduziert die Umsetzungshürden im Dienstalltag. Der erfolgreiche Abschluss wird durch ein Zertifikat bestätigt, das sich inhaltlich am Leitfaden Prävention der gesetzlichen Krankenversicherung (§ 20 SGB V) sowie an den Vorgaben des BGM der Bundeswehr (Zentrale Regelung A-849/1, nicht öffentlich zugänglich) orientiert [3].
BGM-Basis-Multiplikatoren-Ausbilder(40UE)
Die zweite Ebene, der „BGM-Basis-Multiplikatoren-Ausbilder“ (BBMA), umfasst 40 Unterrichtseinheiten (UE), die im Rahmen des Trainings „Gesundheitsprävention“ (Trainingsnummer 904770) am BiZBw zu erwerben sind. Sie baut inhaltlich auf der ersten Stufe auf, ohne dass diese zeitlich angerechnet wird. Auch hier erfolgt die Durchführung im Tandem-Prinzip mit mindestens einem Ausbilder und einem Master-Ausbilder. Die Ausbildung vertieft die vier definierten Themenfelder und lässt sich hinsichtlich des Umfangs und der Schwerpunktsetzung flexibel gestalten. Sie richtet sich an besonders geeignete Multiplikatoren und schließt mit einer Lehrprobe im Rahmen einer BGM-Basis-Multiplikatoren-Schulung ab. Mit dem erfolgreichen Abschluss wird die Befähigung zur eigenständigen Durchführung der Basisausbildung in den jeweiligen Fachbereichen (einzelnen Modulen) oder im Gesamtkonzept zertifiziert.
BGM-Basis-Multiplikatoren-Master-Ausbilder(80UE)
Die höchste Qualifikationsstufe bildet der „BGM-Basis-Multiplikatoren-Master-Ausbilder“ (BBMMA) mit insgesamt 80 UE, die teilweise über bestehende Formate, wie das Training „Stressprophylaxe“ (Trainingsnummer 905250) am BiZBw, abgebildet werden können. Zwingende Voraussetzung für diese Stufe ist die vorherige Qualifikation als Ausbilder. Die ebenfalls praxisorientierte Ausbildung vertieft die Inhalte der vier Themenfelder auf konzeptioneller und didaktischer Ebene. Sie richtet sich an besonders qualifiziertes Personal und schließt mit einer Lehrprobe sowie einer schriftlichen Ausarbeitung ab. Der erfolgreiche Abschluss berechtigt zur Durchführung sowohl der Basis- als auch der Ausbilderqualifikation in allen Themenfeldern. Ergänzend wird empfohlen, die Qualifikation durch das Stärken- und Ressourcentraining [10] oder entsprechende Programme des BiZBw zu erweitern, um die Qualität und Standardisierung der Maßnahmen weiter zu erhöhen.
ErgänzendeAusbildung(24UE)
Um der Rolle des Master-Ausbilders vollumfänglich gerecht zu werden, benötigen Teilnehmende eine Qualifikation zum Resilienz-Trainer. Diese nach § 20 SGB V zertifizierte Ausbildung wird derzeit noch extern auf dem zivilen Markt eingekauft, einheitlich bei einem Anbieter sowie unter kontinuierlicher Absprache und Anpassung der Ausbildungsinhalte. Dabei wurde das LOOVANZ-Modell ausgewählt, das auf den klassischen sieben Resilienzfaktoren (Lösungsorientierung, Optimismus, Opferrolle verlassen, Verantwortungsübernahme, Akzeptanz, Netzwerkorientierung, Zukunftsplanung) basiert und vom Entwickler Dr. Henry Kauffeldt wissenschaftlich evaluiert wurde [9].
Künftig soll dieser externe Einkauf nach Möglichkeit durch eine von zwei Optionen ersetzt werden: Option 1 sieht die Nutzung des Stärken- und Ressourcentrainings von Frau Dr. Krick an der Helmut-Schmidt-Universität (HSU) vor, während Option 2 die Implementierung eines eigenen, adäquaten Trainings direkt am BiZBw umfasst.
Qualitätssicherung
Zur nachhaltigen Sicherung des Qualitätsstandards ist eine regelmäßige Fortbildung für alle Ausbilder sowie Master-Ausbilder im Umfang von 30 UE innerhalb eines Zeitraums von drei Jahren vorgesehen. Hierzu können weiterführende Trainings des BiZBw besucht oder die seit 2026 etablierte, erstmals vom SUZ COC ausgerichtete und nun einmal jährlich stattfindende Arbeitstagung Resilienz genutzt werden, die nachhaltig am BiZBw fest verortet ist.
Nachhaltigkeit
In der Vergangenheit zeigte sich insbesondere bei der Qualifizierung von BGM-K und Bea BGM häufig die Problematik, dass Trainings stark personengebunden waren.
Nach dem Ausscheiden der entsprechenden Akteure konnten die Maßnahmen trotz institutioneller Verankerung aus verschiedenen Gründen häufig nicht fortgeführt werden. Um diesem strukturellen Defizit entgegenzuwirken, wurde das vorliegende Multiplikatoren-System zwar fest an das BiZBw geknüpft, jedoch bewusst von einzelnen Akteuren entkoppelt. Das System trägt sich durch seine Konzeption selbst und sorgt für einen stetigen Nachschub an Ausbildern sowie Master-Ausbildern. Eine verpflichtende Einführung dieser Ausbildung für BGM-K (als Master-Ausbilder) und Bea BGM (als Ausbilder) würde diesen Effekt weiter verstärken. Damit wäre für diesen Personenkreis eine hochwertige Qualifizierung mit direktem, nachhaltigem Mehrwert für die Truppe sichergestellt. Des Weiteren sollte darüber nachgedacht werden, zumindest das Basis-Modul in der allgemeinen Grundausbildung sowie die Ausbilderschulung an den Unteroffizier- und Offiziersschulen verpflichtend in die Ausbildung zu integrieren.
Ergebnisse und Erfahrungen
Die in den Jahren 2025 und 2026 durchgeführte Pilotphase verzeichnete bei den Teilnehmenden, die querschnittlich aus allen Bereichen und Ebenen der Bundeswehr ausgewählt wurden, eine hohe Akzeptanz sowie eine verbesserte Gesundheitskompetenz. Das Konzept wurde bereits erfolgreich unter anderem am SUZ COC, dem BwDLZ VHH, dem BiZBw, dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw), dem Zentrum Operative Kommunikation der Bundeswehr (ZOpKomBw) sowie dem Sanitätsunterstützungszentrum Kümmersbruck erprobt. Des Weiteren wurden bereits mehrere Durchgänge für den Sozialdienst der Bundeswehr realisiert, bei denen die Resonanz durchweg positiv ausfiel und vermehrt die Forderung nach einer festen Implementierung als reguläres Training in der Bundeswehr aufgestellt wurde. Aktuell stehen dem Netzwerk drei Master-Ausbilder und zwölf Ausbilder zur Verfügung. Weitere Schulungen sind bereits geplant, und die Nachfrage ist hoch. Die Integration des Konzepts in die bestehenden Ausbildungsstrukturen für Bea BGM und BGM-K wird derzeit geprüft. Die bisherigen Aktivitäten führten zu einer erweiterten institutionellen Vernetzung; eine erste Arbeitstagung „Resilienz“ im April 2026 bündelte die bestehenden Ansätze und brachte weitere relevante Akteure zusammen. Eine Veröffentlichung der detaillierten Ergebnisse wird in Bezug auf den (Aus-)Bildungskongress 2026 angestrebt.
Diskussion
Die Ergebnisse der ersten Pilotierungsphasen verdeutlichten den akuten Bedarf an strukturell verankerten Resilienzkonzepten innerhalb der Streitkräfte, werfen jedoch zugleich kritische Fragen zur langfristigen Implementierung auf. Während das dreistufige Ausbildungssystem methodisch die Abhängigkeit von externen zivilen Anbietern reduziert, bleibt der tatsächliche Hebel im stark fordernden Dienstalltag der Truppe von grundlegenden internen Faktoren abhängig: dem Skalierungsdruck, der realen Führungskultur und dem kollektiven Leistungswillen. Mit derzeit lediglich drei Master-Ausbildern steht das System vor einem personellen Engpass, der eine schnelle und flächendeckende Multiplikation behindert. Um den nachgewiesenen, positiven Trend der gesteigerten Gesundheitskompetenz dauerhaft abzusichern, ist eine Abkehr von freiwilligen Teilnahmen unvermeidlich. Eine verpflichtende und systemische Verankerung des Basis-Moduls in den Laufbahnlehrgängen kann ein homogenes Resilienzniveau im gesamten Personalkörper sicherstellen. Darüber hinaus greift eine rein methodische oder strukturelle Betrachtung zu kurz.
Schlüsselrolle: Führungskultur
Der Erfolg dieses Ausbildungssystems steht und fällt mit der gelebten Führungskultur auf allen Hierarchieebenen. Solange gesundheitserhaltende Maßnahmen und das Einfordern mentaler wie physischer Robustheit seitens der Vorgesetzten nicht aktiv vorgelebt, sondern als bürokratische Zusatzaufgabe missverstanden werden, verpufft die Wirkung der Module im Dienstalltag. Ein resilienter Personalkörper, der den extremen Belastungen der Landes- und Bündnisverteidigung standhalten soll, erwächst nicht allein aus theoretischen Lehrinhalten, sondern erfordert ein kompromissloses Bekenntnis zum militärischen Leistungswillen. Wenn in Teilen der Organisation die Bereitschaft nachlässt, die eigene Komfortzone zugunsten einer durchgängigen, harten Einsatzbereitschaft zu verlassen, gerät die strategische Abschreckungs- und Durchhaltefähigkeit der Streitkräfte in Gefahr. Resilienztraining darf daher nicht als passive „Wohlfühl-Intervention“ missverstanden werden, sondern muss als aktives Führungswerkzeug dienen, um den Leistungswillen gezielt einzufordern und zu härten. Zukünftige Evaluationen müssen zudem über eine gesundheitsökonomische Betrachtung hinausgehen und die direkte Korrelation zwischen den Trainingsstufen und der tatsächlichen, robusten Durchhaltefähigkeit unter einsatznahen Belastungsbedingungen empirisch überprüfen.
Fazit
Resilienz ist als strategischer Faktor für militärische Leistungsfähigkeit und organisatorische Durchhaltefähigkeit zu betrachten. Den Führungskräften kommt hierbei eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung und Förderung gesundheitsförderlicher Maßnahmen zu. Das vorgestellte Modell adressiert bestehende strukturelle Defizite durch einen konsequent skalierbaren Ansatz sowie durch standardisierte und zertifizierte Ausbildungsformate im Sinne des § 20 SGB V [3][9][14].
„(Prävention)Machenistwiewollen,
nureineStufeweitergedacht!“
Danksagung
Für die Unterstützung auf dem Weg von der Idee bis zur fertigen Schulung bedanken wir uns für die stetige Unterstützung bei:
Generalarzt a. D. Prof. Dr. Horst-Peter Becker, Oberstarzt Dr. Norbert Hanhart, Oberstarzt d. R. Dr. Markus Müller, Regierungsdirektorin Dr. rer. soc. Anastassiya Hör, Oberfeldarzt Dr. Mareike Schinke, Oberstleutnant Dr. phil. Jürgen Löffler, Oberfeldarzt Simone Schaffstein, Oberstabsarzt Tina Cucchiara, Dipl.-Wirtsch.-Ing. Thomas Fleischer, Burkhard Tuchert M. A., Dipl.-Sportpäd. Sven Mlejnek, Michael Bruhn-Hollien, Christian Brüder, Hauptmann d. R. Dipl.-Sportwiss. Thomas Bach, Hauptmann Dipl.-Sportl. Andreas Maltsev, Oberleutnant Alexander Biegel, Oberfeldwebel Sarina Löh, Stabsunteroffizier Lisa-Marie Wiegner und Lars Pommerening.
Kernbotschaft
- Die personelle Einsatzbereitschaft erfordert robuste, interne und strukturierte Präventionsmaßnahmen im betrieblichen Gesundheitsmanagement.
- Das dreistufige Ausbildungssystem bietet eine praxisorientierte Qualifizierung vom Basis-Multiplikator bis zum Master-Ausbilder.
- Interne Multiplikatoren reduzieren die Abhängigkeit von externen Anbietern, senken damit die Kosten und sichern die Praxisnähe.
- Systematisches Resilienz-Training steigert nachweislich die individuelle Leistungsfähigkeit und die organisationale Durchhaltefähigkeit.
- Der Erfolg des Netzwerks basiert maßgeblich auf der Akzeptanz und der Vorbildfunktion der Führungskräfte.
Literatur
- Badura B, Ducki A, Meyer M, Baumgardt J, Schröder H Fehlzeitenreport 2025. [Internet]. Springer 2026 [letzter Zugriff 10. August 2026];verfügbar unter: https://arbeitsmedizin.umg.eu/fileadmin/Redaktion/Arbeitsmedizin/Daten_Website_UMG/Fehlzeitenreport_2025.pdf
- BMI (Hrsg.). Gesundheitsförderbericht 2023 der unmittelbaren Bundesverwaltung (GFB 2023). Berlin: Bundesministerium des Innern; 2025.[Internet].BMI 2025.[letzter Zugriff 12. August 2026];verfügbar unter: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/oeffentlicher-dienst/BMI25070_gfb-2023.html mehr lesen
- BMVg (Hrsg.). Zentrale Regelung A-849/ 1: Betriebliches Gesundheitsmanagement. Berlin: Bundesministerium der Verteidigung; 2024. (nicht öffentlich zugänglich)
- Cornum R, Matthews MD, Seligman MEP. Comprehensive Soldier Fitness: Building resilience in a challenging institutional context. [Internet]. 2011 [letzter Zugriff 10. August 2026]. Verfügbar unter: https://psycnet.apa.org/doi/10.1037/a0021420 mehr lesen
- DAK-Gesundheit (Hrsg.). Gesundheitsreport 2026. [Internet]. DAK 2026.[letzter Zugriff 10. August 2026];verfügbar unter: https://caas.content.dak.de/caas/v1/media/220630/data/b242a4c60c99dbc954dc93c778636815/260622-download-report-gesundheitsreport-2026.pdf mehr lesen
- Elbe M, Scherzer J, Schuster P. Gesundheit und Wellbeing im Militär: Ein Vergleich anhand der Personalbefragungen in der Bundeswehr der Jahre 2013, 2016 und 2020. WMM 2023; 67(6):251-259. mehr lesen
- Emser T, Schiffer V, Hanhart N, Wesemann U, Muschner P, Dierich A, Willmund G. Lebensqualität als ein Resilienzfaktor bei Sanitätskräften im Katastropheneinsatz. WMM 2024; 68(4):161-169. mehr lesen
- Kauffeldt H., AHAB-Akademie (Hrsg.). LOOVANZ. Das Resilienz-Trainingsprogramm für Erwachsene zur Stressbewältigung: Trainermanual und Kurskonzept nach § 20 SGB V. Berlin: AHAB-Akademie; 2023. mehr lesen
- Krick A, Felfe J. Führung und Gesundheit in der Bundeswehr. Berlin: Springer-Verlag; 2024. mehr lesen
- Krick A, Felfe J. Stärken- und Ressourcentraining (SRT): Konzeption und Evaluation eines evidenzbasierten Resilienzprogramms. Hamburg: Helmut-Schmidt-Universität (Universität der Bundeswehr Hamburg); 2020.
- Ludwig S, Seeland U, Arnold L, et al. Analyse des gesundheitlichen und sozialen Nutzens sowie gesundheitsökonomische Evaluation von Maßnahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements bei der Bundeswehr in Deutschland.Gesundheitswesen 2024;86(S05):S339 mehr lesen
- Mair A, da Silva D, Renner K, Wesemann U. Training der psychologischen Einsatzfähigkeit für Spezialkräfte. WMM 2025;69(4):46–153. mehr lesen
- NATO. Strategic Concept 2023 [Internet].NATO 2026.[letzter Zugriff: 10. August 2026];verfügbar unter:https://www.nato.int/content/dam/nato/webready/documents/publications-and-reports/strategic-concepts/2022/290622-strategic-concept.pdf mehr lesen
- Werner EE, Smith RS. Journeys from childhood to midlife: Risk, resilience, and recovery.Pediatrics 2004;114(2):492. mehr lesen
Manuskriptdaten
Zitierweise
Scheidt P, Huppmann S, Sander M, Emser T. Wie lässt sich Resilienz in der Bundeswehr trainieren? Vom Modellprojekt zum skalierbaren Ausbildungssystem im betrieblichen Gesundheitsmanagement. WMM 2026;70(10):485-489.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-985
Für die Verfasser
Hauptmann Patrick Scheidt, MBA
Sanitätszentrum Idar-Oberstein
Am Rilchenberg 30, 55743 Idar-Oberstein
E-Mail: patrick1scheidt@bundeswehr.org
Manuscript Data
Citation
Scheidt P, Huppmann S, Sander M, Emser T. [How Can Resilience Be Trained in the Bundeswehr? From a Pilot Project to a Scalable Training System for Occupational Health Management]. WMM 2026;70(10):485-489.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-985
For the Authors
Captain Patrick Scheidt, MBA
Medical Centre Idar-Oberstein
Am Rilchenberg 30, D-55743 Idar-Oberstein
E-Mail: patrick1scheidt@bundeswehr.org