Body-Scan und interozeptive Bewusstheit: Neuropsychologische Perspektive auf Resilienz in Hochbelastungskontexten
Body-Scan and Interoceptive Awareness:
A Neuropsychological Perspective on Resilience in High-Demand Environments
Anastassiya Höra
a Fachbereich Bundeswehrverwaltung, Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, Fachbereich Bundeswehrverwaltung, Mannheim
Zusammenfassung
Der Beitrag stellt die neuropsychologischen Grundlagen der Stressreaktion sowie die Bedeutung der interozeptiven Bewusstheit für die Resilienzförderung in militärischen Hochbelastungskontexten dar. Stress entsteht primär durch schnelle autonome Prozesse, bevor kognitive Bewertungen einsetzen, und wird durch kortiko-limbische Netzwerke reguliert. Während akuter Stress mit Hyperarousal einhergeht, kann chronische Belastung zu Hypoarousal und zu einer verminderten Körperwahrnehmung führen.
Interozeptive Bewusstheit ermöglicht die frühzeitige Wahrnehmung körperlicher Stresssignale und die Einleitung adaptiver Regulationsprozesse. Der Body-Scan stellt eine achtsamkeitsbasierte Methode zur gezielten Förderung dar. Regelmäßige Praxis kann Körperwahrnehmung, Emotionsregulation, Entscheidungsverhalten und autonome Regulation verbessern. Damit kann die Schulung interozeptiver Bewusstheit einen Beitrag zum Erhalt der individuellen Leistungsfähigkeit und Einsatzbereitschaft leisten. Bei vulnerablen Personen sowie zu Beginn der Praxis ist eine angeleitete Durchführung zu empfehlen.
Schlüsselwörter: Resilienz, Achtsamkeit, Body-Scan, Interozeption, Neuropsychologie
Summary
This article outlines the neuropsychological foundations of stress response and the role of interoceptive awareness in enhancing resilience in high-stress military contexts. Stress responses are initiated by rapid autonomic processes before cognitive appraisal and are regulated by cortico-limbic networks. While acute stress is associated with hyperarousal, chronic exposure may lead to hypoarousal and reduced body awareness.
Interoceptive awareness enables early detection of physiological stress signals and the initiation of adaptive regulatory processes. The body-scan exercise is a mindfulness-based practice designed to enhance this capacity. Regular practice may improve body awareness, emotion regulation, decision-making, and autonomic regulation. Training in interoceptive awareness may therefore help maintain individual performance and operational readiness. Guided practice is recommended for vulnerable individuals and during the initial stages of training.
Keywords: resilience; mindfulness; body-scan exercise; interoception; neuropsychology
Einleitung
Stressreaktionen entstehen nicht primär auf der Ebene bewusster kognitiver Bewertung, denn autonome Regulationssysteme reagieren häufig schneller auf potenziell stressauslösende Reize als bewusste kognitive Bewertungsprozesse. In der neurowissenschaftlichen Forschung zur Selbstregulation wird Stress häufig als Produkt des dynamischen Zusammenspiels kortiko-limbischer Netzwerke beschrieben [4][12][15].
Akute Stressreaktionen folgen im Regelfall einem zweiphasigen Muster: Auf eine initiale sympathische Aktivierung mit Kampf- oder Fluchtreaktionen kann bei subjektiv ausweglos erlebter oder chronischer Belastung eine Immobilisationsreaktion im Sinne eines „Shutdowns“ folgen [4]. Insbesondere unter chronischer Belastung ist eine solche dynamische Anpassung an Anforderungen oder allostatische Regulation zunächst neurobiologisch als Anpassungsmuster zu verstehen [12]. In Hochbelastungskontexten schaltet das System von Hyperarousal in eine Form funktioneller Dämpfung um: Während die erste Phase durch erhöhte Vigilanz, motorische Aktivierung und kardiovaskuläre Beschleunigung gekennzeichnet ist, geht die zweite Phase häufig mit emotionaler Dämpfung sowie einer klaren Einschränkung der Interozeption einher [6][12][15][20]. Bei chronischem oder überwältigendem Stress kann auch Depersonalisation als extreme oder dysfunktionale Form allostatischer Regulationsmuster beobachtet werden [6][15][20].
Nach Sierra und Berrios resultiert der bei Depersonalisation beobachtete Zustand erhöhter Wachsamkeit aus einer Aktivierung präfrontaler Aufmerksamkeits-Systeme (Präfrontaler Cortex – PFC) sowie einer reziproken Hemmung des anterioren cingulären Cortex (ACC) [6][20][23]. Dies führt zu den bei Depersonalisation häufig berichteten Erfahrungen von „Gedankenleere“ oder „Schmerzunempfindlichkeit“. Zudem ergänzen die Autoren, dass linkspräfrontale Mechanismen die Aktivität der Amygdala hemmen, wodurch autonome und emotionale Reaktionen abgeschwächt werden und subjektive Gefühle von Unwirklichkeit oder Distanz zum eigenen Handeln entstehen können: „neben sich stehen“; oder „funktionieren müssen“ [6][20].
Im militärischen Einsatzkontext, in dem eine hohe Entscheidungsdichte auf situative Unvorhersehbarkeit trifft, ist das Verständnis dieser neurobiologischen Lernmechanismen eine wesentliche Voraussetzung für den Erhalt von Leistungsfähigkeit und Gesundheit. Während sympathische Kampf- oder Fluchtreaktionen meist wahrnehmbar sind, kann funktionale Dämpfung als sozial akzeptierte Bewältigungsstrategie erscheinen und schleichend zur allostatischen Last, also zur kumulativen anforderungsbedingten physiologischen Belastung, beitragen. Dabei wirken autonome, endokrine und neuronale Regulationsprozesse zusammen. Autonome Reaktionen setzen bereits ein, bevor eine Situation bewusst bewertet wird [4][12][25].
Vor diesem Hintergrund kommt der interozeptiven Bewusstheit (interoceptive awareness) eine Schlüsselrolle zu. Während Interozeption den grundlegenden physiologischen Prozess der Erfassung innerer Körpersignale bezeichnet, umfasst interozeptive Bewusstheit deren bewusste Wahrnehmung, Bewertung und Regulation. Sie bildet damit einen zentralen Ansatzpunkt präventiver Selbstregulation [8][12][13][14][16][17]. Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, die zugrunde liegenden neurobiologischen Mechanismen näher zu erläutern.
Neurobiologisches Netzwerk der Stressreaktion:
HPA-Achse, mPFC und anteriore Insula
Die Stressreaktion beruht auf einem dynamischen Zusammenspiel kortiko-limbischer Netzwerke. Im Hintergrund initiiert die Amygdala die Aktivierung der HPA-Achse und damit die physiologischen Stressreaktionen des Körpers, deren chronische Aktivierung zur allostatischen Last beitragen kann (Abbildung 1). Die HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse) ist das zentrale Stresshormonsystem des Körpers.
Abb. 1: Neuropsychologische Mechanismen der interozeptiven Bewusstheit (Bildrechte: A. Hör).
Der mediale präfrontale Cortex (mPFC) ist zentral für die Balance zwischen emotionaler Reaktivität und kognitiver Kontrolle. Unter moderatem Stress ermöglicht er eine adaptive top-down-Regulation, während bei hoher Belastung eine relative Enthemmung der limbischen Aktivität auftreten kann. In der Folge sind exekutive Funktionen wie Arbeitsgedächtnis, Impulskontrolle und flexible Entscheidungsfindung beeinträchtigt. Chronischer Stress führt nicht nur zu strukturellem Abbau im mPFC, sondern verändert auch gezielt die Organisation eingehender Synapsen aus verschiedenen Hirnregionen. In einem Tiermodell zeigte chronischer Stress bei sich bei besonders stressanfälligen Mäusen eine afferenten- und schichtspezifische Reorganisation synaptischer Eingänge in den mPFC [24].
Chronischer Stress geht mit einer anhaltenden Hyperaktivität der Amygdala sowie einer verminderten Neuroplastizität des medialen präfrontalen Cortex (mPFC) einher [15][20]. In dissoziativen Zuständen zeigt sich hingegen häufig ein gegenteiliges Muster im Sinne eines Hypoarousals, gekennzeichnet durch eine verstärkte top-down-Hemmung limbischer Aktivität und eine emotionale Abflachung [6][23].
An der Verarbeitung interozeptiver Signale sind insbesondere die Insula, der anteriore cinguläre Cortex (ACC) sowie präfrontale Regionen beteiligt. Gemeinsam bilden diese Strukturen ein funktionelles Netzwerk zur Integration und Vorhersage innerer Körpersignale. Eine Schlüsselrolle kommt der anterioren Insula zu. Sie integriert interozeptive Signale – Herzfrequenz, Atmung, Muskeltonus, viszerale Aktivität – und verknüpft diese mit affektiver Bewertung. In enger Verbindung mit dem anterioren cingulären Cortex (ACC) entsteht daraus die Grundlage für die Handlungssteuerung bzw. für das Monitoring bei sozialen Konflikten. Interozeption stellt somit das Bindeglied zwischen autonomer Regulation, emotionaler Bewertung und präfrontaler Kontrolle dar. Gezielte Schulung interozeptiver Bewusstheit kann die funktionelle Integration kortikaler und subkortikaler Regulationsprozesse unterstützen [4][5][12][16].
Ist diese Integration gestört, etwa bei chronischer Belastung, destruktiven oder traumaassoziierten Mustern, kann es zu einer funktionellen Entkopplung zwischen Körperwahrnehmung und emotionaler Verarbeitung kommen [4][23]. Die Folgen umfassen Hyperarousal-Zustände, dissoziative Reaktionen mit verminderter Körperanbindung sowie die Manifestation somatischer Beschwerden. Diese Konsequenzen sind in Abbildung 1 durch die große orangefarbene Hantel symbolisiert. Eine stabile interozeptive Rückkopplung wirkt protektiv, da sie frühe Stressmarker – subtile Muskelanspannung, flachere Atmung, Herzfrequenzanstieg – erkennbar macht und eine rechtzeitige Regulation ermöglicht. Interozeptive Bewusstheit ist eine trainierbare Kompetenz, deren gezielte Förderung die frühzeitige Wahrnehmung physiologischer Stresssignale unterstützen kann. Der Body-Scan ist hierbei eine niederschwellige, evidenzbasierte Methode zur Förderung dieser Kompetenz.
Body-Scan – Vorbeugung statt Eskalationsmanagement
Der Body-Scan (u. a. als Kernkomponente von Mindfulness-Based Stress Reduction MBSR, einem Achtsamkeitsbildungsprogramm) ist eine angeleitete strukturierte Aufmerksamkeitslenkung auf definierte Körperregionen mit dem Ziel, interozeptive Bewusstheit, Differenzierung und eine nichtwertende Wahrnehmung zu fördern [17]. Die Body-Scan-Übung ist ein integraler Bestandteil einschlägiger ziviler und militärischer Resilienzprogramme [10][13]. Im Unterschied zu rein kognitiven Coping-Strategien adressiert Body-Scan primär die Körper- und autonome Regulation und wirkt damit plausibel auf die mPFC – Amygdala-Achse sowie auf insuläre Integrationsprozesse.
Da der Body-Scan häufig in Kombination mit anderen Maßnahmen angewendet wird, weist die Literatur eine hohe Heterogenität hinsichtlich der Ausführungsdauer auf, die von etwa 5 bis über 40 Minuten reicht, sowohl mit als auch ohne musikalische Begleitung. In den meisten Fällen wird zu Beginn der Sequenzen die Aufmerksamkeit durch eine positive, einladende Anleitung auf den Atemprozess gelenkt:
Wir machen es uns bequem und erlauben den Augen einen Punkt auf dem Boden zu fixieren, um uns etwas Ruhe und Entspannung zu gönnen. Beide Füße stehen fest auf dem Boden. Die Hände sind locker und entspannt. Wir machen einen ganz tiefen Atemzug und atmen langsam aus…
[Pause] …und vielleicht noch einen tiefen Atemzug,
[Pause] …und vielleicht noch etwas langsamer ausatmen.
Die Aufmerksamkeit wird schrittweise auf einzelne Körperregionen gelenkt und wiederholt zur Atmung zurückgeführt. Geübte Teilnehmende berichten bereits nach kurzen Übungssequenzen (13–18 min) von einer erholsamen und regulierenden Wirkung.
Insbesondere im betrieblichen Gesundheitsmanagement ist der Body-Scan ein zentraler Bestandteil niedrigschwelliger, gruppenbasierter Trainingsinstrumente zur Förderung der Selbstregulation [3][14].
Interozeptive Bewusstheit als Trainingsziel
Body-Scan-Training verbessert nicht nur die interozeptive Bewusstheit, sondern auch die Aufmerksamkeitsregulation, die Emotionsverarbeitung und die kognitive Einsicht, was wiederum Reflexivität und weniger impulsive Entscheidungen begünstigen kann [7][8][16][18][21]. Ein erhöhtes Verständnis für innere Zustände ermöglicht, körperliche Signale in Stresssituationen als relevante Informationsquelle für Entscheidungen zu nutzen, anstatt sie zu ignorieren [1][7]. Wie in Abbildung 1 dargestellt, können regelmäßige achtsamkeitsbasierte Übungen über die Förderung interozeptiver Bewusstheit zu einer günstigeren physiologischen Stressregulation beitragen und der Entwicklung allostatischer Last entgegenwirken (symbolisiert durch die kleinere grüne Hantel) und dadurch die Stressregulation im Alltag verbessern [1][7][11]. Darüber hinaus sind im Rahmen eines achtwöchigen MBSR-Programms signifikante Verbesserungen der interozeptiven Bewusstheit zu erwarten [7].
Neuere Arbeiten zeigten, dass bereits ein zweiwöchiges, tägliches auditives Body-Scan-Training interozeptionsbezogene Variablen im Vergleich zu Kontrollbedingungen beeinflussen kann [22]. Insbesondere ist in diesem Kontext hervorzuheben, dass bereits kurze tägliche Body-Scan-Übungen die interozeptive Bewusstheit im Vergleich zu einer Kontrollgruppe beeinflussen können. Da interozeptive Genauigkeit in komplexen Entscheidungsmodellen als Informationsquelle genutzt wird, legen solche Befunde nahe, dass der Body-Scan die „körperlichen Signale“ verlässlich zugänglich macht, die bei schwierigen Entscheidungen herangezogen werden [21][22][26].
Eine Metaanalyse von 29 randomisierten Studien mit insgesamt 2 191 Teilnehmenden weist darauf hin, dass achtsamkeitsbasierte Interventionen, einschließlich körperorientierter Elemente wie dem Body-Scan, im Mittel positive Effekte auf selbstberichtete interozeptive Maße zeigen, mit kleinen bis moderaten Effektstärken [26]. Diese Befunde stützen die Annahme, dass eine regelmäßige Übung der gezielten nicht-wertenden Aufmerksamkeit auf körperliche Empfindungen die Interozeption messbar verbessern kann und somit ein geeignetes Instrument zur Prävention und Intervention darstellt [26].
Autonome Regulation (z. B. Herzratenvariabilität – HRV) als Präventionsmarker
Autonome Regulation, insbesondere die vagale Kontrolle des Herzens (Herzratenvariabilität, HRV), ist eng mit präfrontaler Emotionsregulation und adaptivem Verhalten (Aktivität im anterioren cingulären Cortex sowie in der Insula) verbunden [25].
Auf dieser Grundlage wird angenommen, dass die Standardreaktion auf Unsicherheit eine Bedrohungsreaktion ist und möglicherweise mit dem bekannten Negativitätsbias zusammenhängt. Die Herzratenvariabilität kann dabei als Maß dafür verstanden werden, in welchem Ausmaß „Top-down“-Bewertungen, vermittelt über kortiko-subkortikale Verschaltungen, die Aktivität des Hirnstamms sowie die autonomen Reaktionen des Körpers beeinflussen [25].
In den Fällen, in denen die Bedrohungsreaktion tatsächlich eine Standardreaktion auf Unsicherheit darstellt, könnten kontextuelle Informationen, die in Bewertungssystemen repräsentiert sind, erforderlich sein, um diese Verzerrung im Alltag zu überwinden. In diesem Zusammenhang kann die Herzratenvariabilität als Hinweis auf eine „vertikale Integration“ neuronaler Mechanismen verstanden werden, die die Verhaltenssteuerung und die periphere Physiologie verbinden und so zur Regulation von Stressreaktionen beitragen.
Für Prävention im militärischen Kontext ist besonders die autonome Flexibilität relevant. Randomisierte Untersuchungen zeigen, dass kurze achtsamkeitsbasierte Interventionen die HRV während der Praxis steigern können – interpretiert als Hinweis auf eine veränderte autonome Regulation [11].
Stärkung des adaptiven Entscheidungsprozesses
Ein adaptiver Entscheidungsprozess bezeichnet die Fähigkeit, Handlungsentscheidungen flexibel, kontextsensitiv und unter Einbezug sowohl kognitiver als auch körperlicher Signale zu treffen, sodass das Verhalten an wechselnde Anforderungen angepasst werden kann. Neuere Arbeiten heben hervor, dass Interozeption selbst ein zentraler Baustein adaptiver Entscheidungsprozesse ist [16]. Personen mit höherer interozeptiver Bewusstheit nutzen körperliche Signale stärker als „somatische Marker“, die ihnen helfen, Risiken besser einzuschätzen und Handlungsoptionen differenzierter zu gewichten. Dies gilt nicht nur für einfache Wahrnehmungsentscheidungen, sondern auch für affektiv beeinflusste Entscheidungsaufgaben, bei denen Körper-Feedback als Informationsquelle dient.
Bereits eine kurze Body-Scan-Meditation führte zu einer präziseren somatosensorischen Entscheidungsleistung, die sich in einer erhöhten Sensitivität für körperliche Reize und weniger Fehlwahrnehmungen gegenüber der Kontrollgruppe zeigte [18].
Unter anderem sprechen mechanistische Erklärungsansätze (z. B. Predictive Processing) dafür, dass Body-Scan-Übungen dabei helfen, ein optimiertes internes Modell des Körpers zu entwickeln [5]. Dadurch verbessert sich nicht nur die Genauigkeit der Selbstwahrnehmung, sondern auch die Fähigkeit, Vorhersagefehler zwischen erwarteten und tatsächlichen interozeptiven Signalen aufzulösen. In Entscheidungskontexten kann dies dazu führen, dass körperliche Rückmeldungen als zuverlässigere Informationsquelle genutzt werden, weil sie weniger durch Unsicherheit verzerrt sind [5].
Einschränkungen
Eine präzise Wahrnehmung von Körpersignalen führt unter sozialem Stress nicht per se zu günstigeren Reaktionen; entscheidend ist deren Regulation. Rapp et al. zeigen, dass interozeptive Genauigkeit in Verbindung mit kognitiver Neubewertung die Stressreaktion modulieren kann und mit einem geringeren Anstieg der Herzfrequenz einhergeht [21].
Sowohl Präsenz- als auch Online-Formate des Body-Scan-Trainings sind mit Verbesserungen bei Angst-, Stress- und depressiven Symptomen sowie bei der Emotionsregulation assoziiert [9]. Bei dissoziationsnaher Symptomatik oder erhöhter traumaassoziierter Vulnerabilität ist zunächst eine angeleitete Präsenzdurchführung zu empfehlen. Diese ermöglicht die unmittelbare Regulation intensiver interozeptiver Reaktionen, eine Anpassung der Übungsintensität und den Einsatz exterozeptiver Anker. Zudem lassen sich nonverbale Stressindikatoren erfassen und die Instruktion situativ anpassen.
Die Entwicklung interozeptiver Bewusstheit erfordert regelmäßige und qualitativ hochwertige Praxis. Bei professionellen Basketballspielerinnen führte eine einmalige videobasierte Body-Scan-Übung weder zu einer Verbesserung der Herzratenvariabilität noch der kognitiven Leistung nach akuter Belastung [2]. Entscheidend scheint weniger die Übungsdauer oder die Wiederholungszahl als die Qualität der Praxis zu sein [19]. Insbesondere in frühen Trainingsphasen ist daher eine fachlich fundierte Anleitung zu empfehlen [14]. Ein weiterer zentraler Wirkfaktor ist die aktive und eigenverantwortliche Mitwirkung der Teilnehmenden (Adhärenz) [19].
Diskussion
Stressreaktionen entstehen aus dem Zusammenspiel autonomer Regulationsmechanismen und kognitiver Bewertungsprozesse. Kortiko-limbische Netzwerke – insbesondere der mediale präfrontale Cortex (mPFC), die anteriore Insula und der anteriore cinguläre Cortex (ACC) – koordinieren diese Prozesse. Akuter Stress aktiviert zunächst sympathische Reaktionen mit erhöhter Vigilanz und Handlungsbereitschaft. Bei anhaltender Belastung kann das System jedoch in eine funktionelle Dämpfung übergehen, die mit reduzierter emotionaler Reaktivität, eingeschränkter Interozeption und langfristig erhöhter allostatischer Last einhergeht.
Vor diesem Hintergrund ist die interozeptive Bewusstheit von zentraler Bedeutung. Eine geschulte Wahrnehmung innerer Körpersignale ermöglicht das frühzeitige Erkennen von Stressindikatoren und die rechtzeitige Einleitung adaptiver Regulationsstrategien, bevor dysregulative Zustände entstehen.
Der Body-Scan bietet sich hierfür als eine evidenzbasierte Trainingsmethode an. Studien zeigen Verbesserungen der interozeptiven Bewusstheit, der autonomen Regulation (z. B. der Herzratenvariabilität) sowie der Entscheidungsfähigkeit. Damit adressiert die Methode zentrale neurobiologische Mechanismen der Stressregulation und kann zur Prävention sowie zum Erhalt der Leistungsfähigkeit in Hochbelastungskontexten beitragen.
Gerade im militärischen Einsatz sind hohe Entscheidungsdichte, operative Komplexität und Unvorhersehbarkeit ohne stabile Selbstregulation kaum zu bewältigen. Neurobiologisch fundierte Trainingsansätze können daher die individuelle Leistungsfähigkeit sowie die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte unterstützen.
Die Wirksamkeit des Body-Scans hängt von der Übungsdauer, dem Kontext und der individuellen Belastungslage ab. Bei erhöhter Stressvulnerabilität oder dissoziationsnaher Symptomatik sollte die Anwendung zunächst unter Anleitung erfolgen. Insgesamt sprechen die vorliegenden Erkenntnisse dafür, den Body-Scan als Bestandteil präventiver Stressregulation zu verstehen.
Ziel ist nicht primär die Bewältigung akuter Krisen, sondern die frühzeitige Stabilisierung autonomer und kognitiver Regulationsprozesse in komplexen Belastungssituationen – im militärischen ebenso wie im zivilen Kontext.
Fazit
Stressreaktionen entstehen aus dem Zusammenspiel autonomer Regulationsmechanismen und nachgelagerter kognitiver Bewertungsprozesse. In Hochbelastungskontexten kann das Stressregulationssystem in einen Zustand funktioneller Dämpfung übergehen. Werden allostatische Anpassungsmechanismen dauerhaft aktiviert, entwickeln sie sich zu einer allostatischen Last mit nachteiligen Folgen für die Stressregulation und die Leistungsfähigkeit.
Vor diesem Hintergrund stellt die interozeptive Bewusstheit einen zentralen Mechanismus präventiver Selbstregulation und des Erhalts der individuellen Leistungsfähigkeit dar. Die geschulte Wahrnehmung körperlicher Stresssignale ermöglicht die frühzeitige Identifikation individueller Belastungsmarker sowie die Einleitung adaptiver Regulationsprozesse. Der Body-Scan ist eine evidenzbasierte Methode zur Förderung interozeptiver Bewusstheit. Studien zeigen, dass regelmäßige Praxis mit einer verbesserten autonomen Regulation (z. B. erhöhter Herzratenvariabilität) und einer verbesserten Entscheidungsleistung assoziiert ist.
Im militärischen Kontext kommt diesen Zusammenhängen besondere Bedeutung zu. Hohe Entscheidungsdichte, operative Komplexität und situative Unvorhersehbarkeit erfordern neben fachlicher Kompetenz eine stabile Selbstregulation. Die systematische Schulung der Selbstregulation kann daher zum Erhalt der individuellen Leistungsfähigkeit und zur nachhaltigen Sicherung der Einsatzbereitschaft der Streitkräfte beitragen.
Kernbotschaft
- Stressreaktionen setzen autonom ein und erfordern eine stabile Selbstregulation.
- Interozeptive Bewusstheit ist eine erlernbare Kompetenz und erleichtert die frühzeitige Wahrnehmung von Stresssignalen.
- Der Body-Scan ist eine etablierte Methode zur Förderung interozeptiver Bewusstheit.
- Der Body-Scan könnte über neurobiologische Mechanismen adaptive Regulationsprozesse unterstützen.
- Bereits kurze, regelmäßig durchgeführte Übungseinheiten können die Selbstregulation sowie das adaptive Entscheidungsverhalten im Alltag fördern.
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Manuskriptdaten
Zitierweise
Hör A. Body-Scan und interozeptive Bewusstheit: Neuropsychologische Perspektive auf Resilienz in Hochbelastungskontexten. WMM 2026;70(10):455-460.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-975
Verfasserin
Regierungsdirektorin Dr. Anastassiya Hör
Fachbereich Bundeswehrverwaltung
Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung
Seckenheimer Landstr. 12, 68163 Mannheim
E-Mail: anastassiya.hoer@hsbund-fbbwv.de
Manuscript Data
Citation
Hör A. Body-Scan and Interoceptive Awareness: A Neuropsychological Perspective on Resilience in High-Demand Environments.
WMM 2026;70(10):455-460.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-975
Author
Senior Government Official Director Dr. Anastassiya Hör
Bundeswehr Administration Department
Federal University of Applied Administrative Sciences
Seckenheimer Landstr. 12, D-68163 Mannheim
E-Mail: anastassiya.hoer@hsbund-fbbwv.de