Wehrmedizinische Monatsschrift

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Editorial
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Mehrdimensionalität der ­Resilienz
Die Polykrise als Dauerlage – Mehrdimensionale Resilienz als adaptive Systemfähigkeit








Individuelle Resilienz
Body-Scan und interozeptive Bewusstheit:​ Neuropsychologische ­Perspektive auf Resilienz in Hochbelastungskontexten




Individuelle Resilienz
Pausen als Waffe gegen Stress:​ Warum bewusste Pausen den Raum für gute Entscheidungen schaffen




Individuelle Resilienz
Human Performance am Beispiel des kognitiv-körperlichen Trainings und dessen Bedeutung zur Leistungssteigerung und Verletzungsprävention





Resilienztraining
Resilienz,​ Führung und Achtsamkeit:​ Betriebliche Gesundheitsförderung als zentrales Element der kollektiven Verteidigungsfähigkeit





Resilienztraining
Psychologische Einsatzbereitschaft stärken:​ Implementierung eines Operativen Resilienztrainings in die Einsatzausbildung der Deutschen Marine




Organisationale Resilienz
Netzwerke der Hilfe stärken die Resilienz


Resilienztraining
Wie lässt sich Resilienz in der Bundeswehr trainieren? Vom Modellprojekt zum skalierbaren Ausbildungssystem im betrieblichen Gesundheitsmanagement




Organisationale Resilienz
Arbeitsgestaltung als Resilienzfaktor – Potenziale eines modernen Arbeitsschutzes


Organisationale Resilienz
Organisationale Resilienz im Sanitätsdienst unter disruptiven ­Bedingungen:​ Erkenntnisse aus dem Military Design Thinking ­Workshop „Resilienzverbund+“

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Das Democratic Resilience Center – gesamtgesellschaftliche und politische Resilienz:​ Eine universitäre Antwort auf die Polykrise



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Organisationale Resilienz PDF

Organisationale Resilienz im Sanitätsdienst unter disruptiven Bedingungen: Erkenntnisse aus dem Military Design Thinking ­Workshop „Resilienzverbund+“

Organisational Resilience in the Medical Service Under Disruptive Conditions: Insights from the Military Design Thinking Workshop ‘Resilienzverbund+’

Miriam Melanie Luckhardta

a Referat SK III 4, Bundesministerium der Verteidigung

Zusammenfassung

Die gegenwärtige sicherheitspolitische Lage erfordert eine konzeptionelle Weiterentwicklung militärischer organisationaler Resilienz. Während klassische Ansätze wie das Internationale Krisenmanagement primär auf die Stabilisierung zielten, verlangen Hochintensitätsszenarien der Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) auf organisationaler Ebene adaptive und potenziell antifragile Systemarchitekturen. Dieser Beitrag zeigt anhand eines Military Design Thinking (MDT) Workshops, wie organisationale Rahmenbedingungen und sanitätsdienstliche Strukturen so gestaltet werden können, dass sie die militärische Handlungsfähigkeit unter disruptiven Bedingungen proaktiv steigern. Aufbauend auf systemtheoretischen, organisationspsychologischen und strategischen Konzepten wird Resilienz als dynamische Systemfähigkeit konzeptualisiert.

Schlüsselwörter: organisationale Resilienz, Military Design Thinking (MDT), Disruption, Antifragilität

Summary

The current security environment requires a conceptual advance in military organisational resilience. While classical approaches, such as international crisis management, primarily focused on stabilisation, high-intensity scenarios in national and collective defence (NCD/CD) require adaptive and potentially antifragile system architectures at the organisational level.

This paper, based on a Military Design Thinking (MDT) workshop, demonstrates how organisational frameworks and military medical service structures can be designed to proactively enhance operational effectiveness under disruptive conditions. Drawing on systems theory, organisational psychology, and strategic studies, resilience is conceptualised as a dynamic system capability.

Keywords: organisational resilience; military design thinking (MDT); disruption; antifragility

Einleitung: Disruption als strukturelle Realität

Disruption ist strukturelle Realität moderner Sicherheitspolitik. Militärische Organisationen stehen vor dem Paradoxon, einerseits Stabilität für die Verlässlichkeit ihrer Prozesse zu benötigen, während andererseits jedoch ständige Adaptivität gefordert ist, um auf hybride Bedrohungen und nichtlineare Krisenentwicklungen reagieren zu können. Eine zukunftsfähige Ausrichtung erfordert eine starke organisationale Dimension, in der die handelnden Menschen sich auswirken können.

In der Resilienzforschung wird zwischen statischer Stabilität (der Rückkehr in einen Ausgangszustand bzw. Equilibrium) und transformativer Resilienz unterschieden, der Fähigkeit zur strukturellen Transformation von Systemen unter Stress. Wie Weick und Sutcliffe betonen, zeichnen sich resiliente Organisationen durch dezentrale Entscheidungsfähigkeit sowie durch kontinuierliche, strukturell verankerte Lernprozesse aus [9].

Im militärischen Sinne bedeutet dies Handlungsfähigkeit trotz Friktion und Ungewissheit – Konzepte, die Clausewitz bereits als prägend für das Wesen des Krieges beschrieb [3]. Moderne Konflikte verstärken diese Charakteristika durch digitale Vernetzung, hybride Bedrohungen und Beschleunigungseffekte.

Um diesen Herausforderungen der strategischen Gleichzeitigkeit zu begegnen, muss das militärische System von einer rein resilienten sogar zu einer antifragilen Architektur übergehen [7]. Antifragile Systeme nutzen Volatilität als Innovationsimpuls; sie sind modular und redundant aufgebaut. Ein wesentlicher Baustein ist die Schaffung psychologischer Sicherheit, die adaptive Entscheidungslogiken unter Unsicherheit ermöglicht und Experimente zulässt [4].

Im sicherheitspolitischen Kontext eröffnet dieses Konzept eine strategische Perspektive: Statt Disruption primär als Bedrohung zu betrachten, kann sie als Innovationsimpuls verstanden werden. Voraussetzung hierfür ist eine Kultur, die Experimente zulässt, Fehlschläge nicht ausschließlich sanktioniert und systematische Feedbackmecha­nismen integriert. Die Implementierung einer Expe­rimentalkultur erfordert allerdings mehr als bloße Absichtserklärungen und umfasst u. a. Personalentwicklung, Organisationsstrukturen und Beförderungsgrundlagen. Es bedeutet die Überwindung von strukturellem Disempowerment.

Ziel des Beitrages ist es, am Beispiel des psychosozialen Unterstützungssystems aufzuzeigen, wie organisatio­nale Rahmenbedingungen und sanitätsdienstliche Strukturen durch Military Design Thinking resilienter und anpassungsfähiger gestaltet werden können, um die militärische Handlungsfähigkeit unter disruptiven Bedingungen proaktiv zu steigern.

Strategischer Kontext

Resilienz ist laut NATO ein integraler Bestandteil kollektiver Verteidigungsfähigkeit und die Basis für glaubwürdige Abschreckung. Bereits 2016 wurde dort Resilienz als nationale Verpflichtung definiert; ihr Strategic Concept 2022 bekräftigt dies als Fundament für die Durchhaltefähigkeit in Hochintensitätsszenarien [6].

National betonen die Verteidigungspolitischen Richtlinien des BMVg sowie die Gesamtkonzeption militärische Verteidigung die Notwendigkeit von Robustheit und Adaptivität, um auch unter widrigen Bedingungen führungs- und einsatzfähig zu bleiben [1][2]. Resilienz umfasst dabei strukturelle, logistische und infrastrukturelle Aspekte ebenso wie personelle und psychosoziale Stabilität.

Das aktuelle Strategieverständnis definiert Resilienz als integralen Bestandteil kollektiver Verteidigungsfähigkeit. Resiliente Gesellschaften, Institutionen und Streitkräfte gelten als Voraussetzung für Abschreckung und Durchhaltefähigkeit in Hochintensitätsszenarien. Unter multiplen Disruptionsbedingungen verschiebt sich der Resilienzbegriff allerdings von einer Schutzfunktion hin zu einer lernfähigen Leistungsarchitektur.

Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Zahl von Disruptionen stellt sich die zentrale Frage: Wie können militärische und sicherheitspolitische Systeme Resilienz nicht nur als Stabilitätsfaktor, sondern auch als lernfähige und potenziell antifragile Kompetenz gestalten?

Military Design Thinking als Katalysator organisationaler Resilienz

Krieg ist eine Disruption, und militärisches Denken muss darauf vorbereitet sein. Hier setzt Military Design Thinking (MDT) an. MDT ist kein klassisches Planungsformat, sondern eine erkenntnisorientierte Praxis, die darauf abzielt, komplexe Problemstrukturen systemisch zu durchdringen und eine hohe Ambiguitätstoleranz in der Organisation aufzubauen.

Anstatt vorschnell in den Lösungsraum zu springen, zwingt MDT die Teilnehmenden dazu, bestehende Narrative durch gezieltes „Reframing“ zu dekonstruieren. Die Nutzung von MDT in Streitkräften wie der Bundeswehr erfordert eine grundlegende Auseinandersetzung mit tief verwurzelten militärischen Denkmustern, die primär von einem technisch-rationalen Weltbild und einer linearen Logik geprägt sind. Diese traditionelle Sozialisation, die für frühere Kriege und Gefechte sehr geeignet war, begünstigt einen Reduktionismus sowie die Suche nach vordefinierten „Musterlösungen“. Das führt in komplexen, dynamischen Umgebungen häufig zu einem sogenannten „Frame-Entrapment“: Dabei halten die Akteure an institutionellen Deutungsrahmen fest, selbst wenn diese nicht mehr zur Lage passen. MDT fördert hingegen abduktives Denken und systemisches Reframing. Ziel ist es, bestehende organisationale Narrative durch gezieltes „Reframing“ zu dekonstruieren und eine höhere Ambiguitätstoleranz zu entwickeln, um Ungewissheit nicht als Defizit, sondern als produktive Ressource für die strategische Problembearbeitung nutzbar zu machen [5].

Im militärischen Kontext kann ein solcher Ansatz dazu beitragen, mentale Modelle zu überprüfen, Annahmen unter Unsicherheit zu testen, systemische Schwachstellen frühzeitig zu identifizieren und adaptive Entscheidungslogiken zu entwickeln.

Dies schafft eine „epistemische Infrastruktur“, die es militärischen Systemen ermöglicht, strategische Anpassungsfähigkeit (Sensing & Seizing) zu trainieren und die Organisation für den Störbetrieb widerstandsfähig zu machen [8].

Design-basierte Ansätze bieten eine operative Möglichkeit, Resilienz und Antifragilität zu adressieren. Iterative Prototypisierung, Perspektivwechsel und kontrollierte Irritation erlauben es, Unsicherheit in explorative Lernprozesse zu überführen. Design schafft damit Simulationsräume für Disruption, ohne reale Systemschäden zu riskieren.

Im militärischen Kontext kann ein solcher Ansatz dazu beitragen,

  • mentale Modelle zu überprüfen,
  • Annahmen unter Unsicherheit zu testen,
  • systemische Schwachstellen frühzeitig zu identifizieren
  • und adaptive Entscheidungslogiken zu entwickeln, und vor allem
  • Designs zu entwerfen, die für die aktuellen und zukünftigen Kriege wirksam sind.

Methodik und Erkenntnisse:
Der Workshop „Resilienzverbund+“

Um das Potenzial von MDT für die organisationale Resilienz zu erproben, wurde im Januar 2026 am iLab der Führungsakademie der Bundeswehr ein Workshop durchgeführt. Ziel war ein „Stresstest“ des psychosozialen Unterstützungssystems unter LV/BV-Bedingungen, mit Fokus auf strategische und organisationale Anpassungsfähigkeit. Die Arbeit erfolgte in drei interdisziplinären Teams mit insgesamt 18 Experten (Psychiatrie, Sanitätsdienst, Operationsplanung, Innovation u. a.), um durch maximale Diversität strukturelle Offenheit zu erzeugen.

Es kristallisierten sich sehr viele organisationale Gestaltungsansätze (Optionen) heraus. Beispielhaft gehörten folgende zwei Denkansätze dazu:

  • „Return to Duty“-Logik:
    Auf organisationaler Ebene muss die Logik umgestellt werden. Im Zentrum steht nicht mehr primär die klinische Diagnose des Einzelnen, sondern die rasche Wiederherstellung der funktionalen Handlungsfähigkeit innerhalb der Truppe. Diese systemische Umfokussierung stützt die Durchhaltefähigkeit der Gesamtorganisation unmittelbar.
  • Modulare Versorgungslogik als strukturelle Resilienz:
    Die Architektur des Resilienzverbunds muss in skalierbare Funktionsmodule gegliedert werden. Diese Module sollen befähigt werden, autonom zu operieren. Indem diese dezentralen Prozesse bereits im Grundbetrieb kontinuierlich eingeübt werden, entwickelt die Organisation die notwendige Reaktionsschnelligkeit und Anpassungsfähigkeit für den Ernstfall.

Diskussion: Führung und Kultur als Fundament

Die im Workshop entwickelten Optionen zeigen, dass organisationale Resilienz direkt mit der militärischen Operationsplanung verknüpft werden muss.

Resilienz ist eine zentrale Führungsaufgabe. Führungskräfte müssen sich trainieren, um Räume für Ungewissheit zu schützen, Irritationen zuzulassen und Hypothesenarbeit zu ermöglichen. Führungsarbeit ist im organisationalen Designkontext eine strategische Ermöglichung. Nur wenn Verantwortung in komplexen Lagen nicht bloß individuell zugewiesen, sondern als kollektive Erkenntnisarbeit geteilt wird, kann das System im Schockmoment antifragil reagieren. Die Überwindung des strukturellen Disempowerments ist eine Grundlage für organisatorische Resilienz oder sogar für Antifragilität.

Fazit

Ein moderner Resilienzverbund im Sanitätsdienst darf nicht nur ein Auffangnetz für individuelle Belastungen sein. Er muss als lernfähige, adaptive Systemarchitektur konzipiert werden. Der Einsatz von Military Design ­Thinking hat gezeigt, dass die Überwindung linearer Denkmuster und die Einführung dezentral-modularer Versorgungslogiken entscheidende Hebel sind, um die Handlungsfähigkeit der Bundeswehr auch unter disruptiven LV/BV-Bedingungen nachhaltig zu sichern.


Kernbotschaften

  • Disruption in der LV/BV erfordert vom Sanitätsdienst mehr als individuelle Resilienz: Es braucht adaptive organisationale Systemarchitekturen.
  • Das Ziel ist Antifragilität: Organisationen müssen lernen, Ungewissheit und systemische Schocks produktiv für strategische Problemlösungen zu nutzen.
  • Military Design Thinking bricht starre militärische Denkmuster auf und trainiert die kollektive Anpassungsfähigkeit für komplexe, nicht-lineare Krisen.
  • Mit Design-Thinking-Ansätzen können Denkansätze und Prototypen für die modernen Kriege erarbeitet werden.
  • Organisationale Resilienz ist Kernaufgabe der Führung: Sie muss gezielt Räume für Erkenntnisarbeit und Fehlerakzeptanz unter Unsicherheit schützen.

Literatur

  1. Bundesministerium der Verteidigung (BMVg). Gesamtkonzeption militärische Verteidigung: Militärstrategie und Plan für die Streitkräfte. Bonn: BMVg; 2026. mehr lesen
  2. Bundesministerium der Verteidigung (BMVg). Verteidigungspolitische Richtlinien 2023. Berlin: BMVg; 2023. mehr lesen
  3. Clausewitz C v. Vom Kriege. Berlin: Ullstein; 1832. mehr lesen
  4. Edmondson AC. The fearless organization. Hoboken: Wiley; 2018. mehr lesen
  5. Koller HA. Military Design Thinking in der Bundeswehr – Konzept zur Integration und Ausbildung (Abschlussbericht Arbeitspaket 3). Hamburg/Frankfurt: Helmut-Schmidt-Universität & PwC Strategy&; 2025.
  6. NATO. NATO 2022 Strategic Concept. [Internet]. NATO 2022.[letzter Zugriff 2. Mai 2026]; verfügbar unter: https://www.nato.int/content/dam/nato/webready/documents/publications-and-reports/strategic-concepts/2022/290622-strategic-concept.pdf. mehr lesen
  7. Taleb NN. Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen. München: Knaus; 2013.
  8. Teece DJ. Explicating dynamic capabilities: the nature and microfoundations of (sustainable) enterprise performance. Strategic Management Journal. 2007;28(13):1319-1350. mehr lesen
  9. Weick KE, Sutcliffe KM. Managing the unexpected. Hoboken: Wiley; 2001.

Manuskriptdaten

Zitierweise

Luckhardt MM. Organisationale Resilienz im Sanitätsdienst unter disruptiven Bedingungen: Erkenntnisse aus dem Military Design Thinking Workshop „Resilienzverbund+“. WMM 2026;70(10):490-492.

DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-982

Verfasserin

Regierungsdirektorin Miriam Melanie Luckhardt

Referat SK III 4

Bundesministerium der Verteidigung

Stauffenbergstraße 18, 10785 Berlin

E-Mail: miriamluckhardt@bmvg.bund.de

Manuscript data

Citation

Luckhardt MM. [Organisational Resilience in the Medical Service Under Disruptive Conditions: Insights from the Military Design Thinking Workshop ‘Resilienzverbund+‘].WMM 2026;70(10):490-492.

DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-982

Author

Senior Government Official Director Miriam Melanie Luckhardt

Division SK III 4

Federal Ministry of Defense

Stauffenbergstraße 18, D-10785 Berlin

E-Mail: miriamluckhardt@bmvg.bund.de

 

 

 

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