Der Einfluss von Hüft-Totalendoprothesen und
funktioneller Hüftgelenksbandage auf die posturale Stabilität1
The Impact of Total Hip Replacements and Functional Hip Joint Braces on Postural Stability
Patricia Langa, Stefanie Geigerb, Nils Kasselmannb, Kevin Dallacker-Losenskyb, Hans-Georg Palmc, Hans-Joachim Riesnerb
1 Bei Personenbezeichnung wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit ganz überwiegend die maskuline Form (Patient, Proband usw.) benutzt. Angesprochen sind immer alle Geschlechter
a Klinik für Rehabilitationsmedizin, Universitätsklinikum Ulm
b Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Bundeswehrkrankenhaus Ulm
c Zentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie, Klinikum Ingolstadt
Zusammenfassung
Die Hüft-Totalendoprothese (Hüft-TEP) ist bei Koxarthrose die Methode der Wahl zur Behandlung chronischer Hüftschmerzen. Bekannt ist, dass bei Patienten mit chronischen Hüftschmerzen die posturale Stabilität im aufrechten Gang und im Stand schmerzbedingt vermindert ist. Ziel dieser Studie war es, mithilfe computergestützter dynamischer Posturografie (CDP) herauszufinden, ob die Implantation einer Hüft-TEP zur Verbesserung der posturalen Kontrolle führt und ob das Tragen einer funktionellen Hüftgelenksbandage die posturale Stabilität beeinflusst.
30 Patienten zur geplanten Hüft-TEP wurden in die Studie eingeschlossen. Die CDP erfolgte jeweils vor der Operation und zu definierten Zeitpunkten danach. Hauptzielgröße war der Gesamtstabilitätsindex (OSI) im prä- und postoperativen Vergleich.
Es zeigte sich, dass nach einer Hüft-TEP eine Verbesserung der posturalen Kontrolle in der Dynamik eintrat. Das Tragen einer funktionellen Hüftgelenksbandage hatte keinen Einfluss auf die posturale Kontrolle.
Schlüsselwörter: Koxarthrose, Hüft-TEP, posturale Kontrolle, Posturografie, funktionelle Hüftgelenksbandagen
Summary
Total hip replacement (THR) is the treatment of preference for patients with chronic hip pain caused by coxarthrosis. Patients with chronic hip pain experience reduced postural stability during walking and while standing upright due to pain. The aim of this study was to use computer-assisted dynamic posturography (CDP) to determine whether hip TEP implantation improves postural control and whether wearing a functional hip joint brace affects postural stability.
Thirty patients scheduled for hip TEP were included in the study. CDP was performed before and at defined intervals after surgery. The main outcome measure was the overall stability index (OSI) in a pre- and postoperative comparison. It was found that hip TEP improved dynamic postural control. Wearing a functional hip joint brace did not affect postural control.
Keywords: coxarthrosis; total-hip-replacement; postural control; posturography; functional hip joint bandage;
Einleitung und Hintergrund
Arthrose ist weltweit die häufigste Gelenkerkrankung; der Anteil Betroffener wird weiter zunehmen [18]. Sie führt im Verlauf der Erkrankung zu Einschränkungen der körperlichen Funktionsfähigkeit und damit zu einem Verlust an Lebensqualität [13]. Bei ausgereizter konservativer Therapie einer fortgeschrittenen Koxarthrose ist die Implantation einer Hüft-TEP das chirurgische Standardverfahren und die in Deutschland am häufigsten durchgeführte endoprothetische Operation [3][4].
Die posturale Kontrolle ist ein übergeordneter dynamischer Regelkreis zur Aufrechterhaltung des Körperschwerpunktes und der Balance. Dieser verarbeitet visuelle, vestibuläre und propriozeptive Afferenzen, um anschließend mit adäquaten motorischen Antworten den stabilen Stand zu erhalten [8]. In den Studien von Beaupré und Wareńczak [1][19] wurde gezeigt, dass chronischer Schmerz die posturale Stabilität beeinträchtigt.
Eine retrospektive Datenanalyse aus dem „European Project on OsteoArthritis“ (EPOSA) zeigte kein erhöhtes Sturzrisiko bei Patientinnen mit Koxarthrose [18]. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2018 mit 5 407 eingeschlossenen Artikeln stellt den Zusammenhang zwischen Koxarthrose und erhöhtem Sturzrisiko ebenfalls in Frage [11].
Nach einer Hüft-TEP ist die Muskelkraft der operierten Seite vermindert [7] und es bestehen sensomotorische Veränderungen [12]. In einer Messung mittels CDP konnten Wareńczak und Lisiński zeigen, dass sich die posturale statische Kontrolle nach Hüft-TEP verschlechterte [19]. In einer kleinen Studienpopulation von 16 Patienten zeigte Truszcynska allerdings eine verbesserte posturale Kontrolle nach Hüft-TEP mittels postero-lateralem Zugang [17]. In der Pilotstudie von Nallegowoda et al. fanden sich zwar messbare Veränderungen wie eine verspätete Muskelantwort nach Hüft-TEP, die Autoren sehen jedoch keine signifikanten Unterschiede in der Propriozeption [8]. In der Literatur bietet sich somit ein uneinheitliches Bild davon, wie sich eine Hüft-TEP auf die posturale Kontrolle auswirkt.
Eine verminderte posturale Kontrolle ist nicht gleichbedeutend mit einer erhöhten Fallneigung. In den zitierten Studien unterscheidet sich die Ergebniserfassung der posturalen Kontrolle deutlich – von Einbeinstand, Timed-up-and-go-Test, bis hin zur CDP –, was die unterschiedlichen Studienergebnisse erklären könnte.
Jedoch wurde bislang nicht untersucht, ob die durch eine Hüft-TEP induzierte Linderung der Beschwerden auch mit einer Verbesserung der posturalen Kontrolle, gemessen mittels der computergestützten dynamischen Posturografie (CIDP), einhergeht. Eine Verbesserung der posturalen Kontrolle nach Hüft-TEP würde dafür sprechen, dass durch die operative Versorgung neben der reinen Schmerztherapie auch positive Veränderungen der motorischen Verarbeitung, der Muskelrekrutierung und der Standstabilisierung herbeigeführt werden können. Dies ist wiederum für die physiotherapeutische Mitbehandlung von großer Bedeutung.
Weiterhin stellt sich die Frage, inwieweit funktionelle Hüftgelenksbandagen die posturale Stabilität verbessern. Das Tragen einer funktionellen Hüftgelenksbandage (Coxahit-Bandage, Firma Sporlastic) soll durch Kompression die postoperative Hämatombildung reduzieren, das Hüftgelenk stabilisieren und die Koordination und Wahrnehmung der Hüftmuskulatur (Propriozeption) verbessern [14]. Der Nutzen dieser Bandage hinsichtlich ihres Einflusses auf die posturale Kontrolle wird als Nebenzielgröße untersucht.
Unklar ist somit, wie sich die Implantation einer Hüft-TEP sowie das Tragen einer funktionellen Hüftgelenksbandage auf die posturale Stabilität der Patientin mit chronischen Hüftschmerzen auswirken. Ziel dieser prospektiven klinischen Studie war es daher, zu untersuchen, ob die Schmerzlinderung durch die Implantation einer Hüft-TEP ebenfalls zu einer Verbesserung der posturalen Stabilität führt. Hierfür wurden die Stabilitätsindices im zeitlichen Verlauf prä- und postoperativ verglichen und darüber hinaus der POMA- und Harris-HIP-Score als Nebenzielgrößen erhoben.
Material und Methodik
Patienten
An dieser prospektiven Studie nahmen zunächst insgesamt 30 Patienten teil; 14 Patienten brachen aus unterschiedlichsten Gründen die Studie ab und mussten ausgeschlossen werden. Die entsprechenden Ein- und Ausschlusskriterien zeigt Tabelle 1.
Tab. 1: Ein- und Ausschulsskriterien der Studie
Abk.: H-TEP = Hüfttotalendoprothese
Schließlich wurden die Ergebnisse von 16 Patienten ausgewertet: 8 Männer, 8 Frauen, durchschnittliches Lebensalter 72 Jahre (Range 55–81 Jahre), Körperlänge 1,69 m (Range 1,62–1,92 m), Gewicht 79 kg (Range 50–105 kg) und ein BMI von 26,09 kg/m² (Range 18,4–32,5 kg/m²). Die funktionellen Einschränkungen des Hüftgelenks sowie die beklagten Schmerzen wurden mittels des Harris-Hip-Scores erfasst.
Computergestützte dynamische Posturografie (CDP)
Zur Messung der posturalen Stabilität der Patienten wurde die computerunterstützte dynamische Posturografie angewendet. Die CDP-Messungen erfolgten zu 3 verschiedenen Zeitpunkten:
- ein Tag präoperativ,
- sieben Tage postoperativ und
- sechs Wochen postoperativ.
Für die posturografischen Messungen wurde das Biodex Balance System® (Biodex, Shirley, New York), ein etabliertes Instrument zur Messung der posturalen Stabilität, verwendet [19]. Es wurden folgende Messwerte ermittelt:
- Der mediolaterale Stabilitätsindex (MLSI),
- der anterior-posteriore Stabilitätsindex (APSI) sowie
- der gesamte Stabilitätsindex (Overall Stability Index, OSI).
Je höher der jeweilige Stabilitätsindex ist, desto instabiler ist der Stand des Probanden auf der Balance-Plattform.
An der Plattform lassen sich 12 dynamische und ein statisches Level einstellen. Die Messungen in diesem Versuch wurden alle im statischen und im dynamischen Level 8 durchgeführt, da sich dieses Level in Vorstudien als reliabel erwiesen hat, reproduzierbar ist und eine Vergleichbarkeit mit anderen Studien ermöglicht [6][18][19].
Um den Einfluss einer funktionellen Hüftgelenksbandage auf die posturale Kontrolle zu untersuchen, wurden die Probanden im Rahmen einer zeitlichen Randomisierung in zwei Gruppen aufgeteilt.
Die verwendete Bandage war das Modell „Coxa-Hit“ der Firma Sporlastic® (Nürtingen, Deutschland). Diese sollte ab dem zweiten postoperativen Tag durchgehend getragen werden. Die Probanden mussten die Bandage mittels visueller Analogskala bewerten und wurden zu den Kriterien Tragekomfort, Handhabbarkeit und Optik befragt.
Um den Einfluss der CoxaHit-Bandage zu untersuchen, teilten wir die Probanden in zwei Gruppen auf:
- Reguläre Probanden: Diese erhielten nach der Operation keine CoxaHit-Bandage und wurden mit herkömmlichem Verbandsmaterial versorgt. Diese Gruppe umfasste 20 Probanden, davon elf weibliche und neun männliche. Der Altersmedian der Gruppe betrug 70,5 ± 8,3 Jahre, der Median der Größe 1,67 ± 0,10 m, der des Gewichtes 83 ± 17,15 kg und der BMI-Median 26,10 ± 5,89 kg/m².
- CoxaHit-Probanden: Diese Gruppe erhielt ab dem ersten postoperativen Tag statt eines Kompressionsverbandes eine CoxaHit-Bandage. Es waren zehn Teilnehmer in dieser Gruppe enthalten, die sich aus vier weiblichen und sechs männlichen Probanden zusammensetzten. Das Alter betrug im Median 72 ± 7,75 Jahre, die Größe 1,75 ± 0,10 m, das Gewicht 86 ± 11,30 kg und der BMI 26,92 ± 2,84 kg/m².
Von diesen konnten in der Gruppe ohne Bandage sieben und in der Gruppe mit Bandage neun Teilnehmer nach sechs Wochen nachuntersucht werden. Der Studienplan umfasst 13 verschiedene Einheiten und ist in Tabelle 2 dargestellt.
Statistik
Die zuvor berechnete Anzahl der benötigten Fälle wurde auf Grundlage unserer Vorstudien zur posturalen Kontrolle festgelegt. Da die hier vorliegende Studie als Pilotstudie mit explorativem Charakter zu verstehen ist, wurde auf die Berechnung von Signifikanzwerten verzichtet; die Darstellung der Ergebnisse erfolgt rein deskriptiv. Für die statistische Auswertung wurde der Median verwendet. Zum Erstellen der Boxplots und Streudiagramme wurde Matplotlib Version 3.1.2 (Fa. Matplotlib Development Team, USA) genutzt, alle anderen Diagramme wurden mit Microsoft Office Excel 2007 (Microsoft Corporation, USA) erstellt. Die Studie wurde der Ethikkommission der Universität Ulm zur Prüfung vorgelegt und bewilligt (Antragsnummer: 344/16).
Ergebnisse
Unser „typischer“ Hüftpatient war 71,5 Jahre alt, 1,69 m groß, 84 kg schwer und hatte somit einen BMI von 26,45 kg/m². Die Bewegung im betroffenen Hüftgelenk, gemessen nach der Neutral-Null-Methode, betrug präoperativ im Median in Extension/Flexion 0°–0–82,5°, in Abduktion/Adduktion 20°–0–20° und in Außen-/Innenrotation 20°–0–0°.
Postoperativ verfügten unsere Probanden im Median über folgenden Bewegungsumfang: Extension/Flexion der betroffenen Hüfte 5°–0–90°, Abduktion/Adduktion 30°–0–20° und Außen–/Innenrotation 30°–0–20°. Die Selbsteinschätzung der Balancefähigkeit auf der visuellen Analogskala (10 cm, 1 = ganz schlecht, 10 = sehr gut) lag präoperativ bei 8,1 und postoperativ bei 8,4.
Auswertung der computergestützten statischen und dynamischen Posturografie (CDP)
Statische Messung
Der Median des Overall Stability Index lag präoperativ beim statischen Test mit geöffneten Augen bei 1,8° ± 0,62° Standardabweichung. Postoperativ betrug der Wert auch 1,8° ± 0,59°. Somit gab es keine Veränderung. Die statische Messung mit geschlossenen Augen ergab präoperativ einen Median von 2,9° ± 0,81° und postoperativ einen Median von 2,5° ± 0,68°. Hieraus ergab sich eine Abnahme des postoperativen Medians um 13,79 % im Vergleich zum Ausgangswert. Das Gleichgewicht schien sich folglich leicht zu verbessern. Die Werte sind in Abbildung 1 nachzuvollziehen.
Abb. 1: OSI statisch mit offenen und geschlossenen Augen
Dynamische Messung
Des Weiteren wurden dynamische Werte bei geöffneten und geschlossenen Augen erhoben. Der Median betrug hierbei präoperativ mit geöffneten Augen 3,8° ± 1,58° und sechs Wochen postoperativ 2,5° ± 1,06°. Die Messung mit geschlossenen Augen ergab vor der Operation einen Wert von 5,3° ± 2,75° und sechs Wochen später waren es 4,1° ± 1,99°. Hieraus ergab sich mit geöffneten Augen eine Abnahme des Wertes um 34,23 % und mit geschlossenen Augen um 22,64 %, was einer deutlichen Verbesserung entsprach. Die Werte wurden in Abbildung 2 dargestellt.
Abb. 2: OSI mit offenen und geschlossenen Augen
Auswertung der computergestützten dynamischen Posturografie (CDP) mit Bandage (Subgruppe)
Die Gruppe der Probanden, die postoperativ die CoxaHit-Bandage getragen hat, umfasste präoperativ zehn Teilnehmer, von denen neun postoperativ nachuntersucht wurden. Die Kontrollgruppe, die postoperativ mit regulärem Verbandsmaterial versorgt wurde, umfasste präoperativ 20 Probanden, von denen sieben nachuntersucht werden konnten.
Statische Messung
Die Probanden, die die CoxaHit-Bandage postoperativ getragen haben, erreichten präoperativ mit geöffneten Augen einen OSI von 1,6° ± 0,67° und postoperativ von 1,7° ± 0,62°. Hieraus ergab sich eine minimale Zunahme um 6,25 %. Ohne CoxaHit-Bandage lag der Median präoperativ bei 1,8° ± 0,59° und postoperativ bei 2,1° ± 0,54°, wodurch eine Zunahme um 16,67 % festzustellen war. Diese Veränderungen wurden in Abbildung 3 grafisch dargestellt.
Abb. 3: Statischer OSI mit und ohne CoxaHit-Bandage, Augen geöffnet
In der statischen Messung mit geschlossenen Augen ergab sich präoperativ in der CoxaHit-Gruppe ein Wert von 2,15° ± 0,94°, dieser stieg postoperativ auf 3,3° ± 0,94°, entsprechend einer Steigerung von 53,49 %. Die Gruppe ohne CoxaHit-Bandage hatte präoperativ einen OSI von 2,6° ± 0,74° und postoperativ von 2,3° ± 0,52°. Hieraus ergab sich eine Abnahme des OSI um 11,54 %. Eine grafische Darstellung dieser Ergebnisse findet sich in Abbildung 4.
Abb. 4: Statischer OSI mit und ohne CoxaHit-Bandage, Augen geschlossen
Mit geöffneten Augen zeigte sich in beiden Gruppen eine leichte Verschlechterung. Ohne Bandage zeigte sich mit geöffneten Augen eine deutliche Zunahme, mit geschlossenen Augen eine Abnahme des OSI.
Dynamische Messung
Die dynamische Messung mit geöffneten Augen lieferte für die CoxaHit-Gruppe präoperativ den Wert von 4° ± 1,82° und postoperativ 2,7° ± 1,21°, was einer Verbesserung um 32,5 % entsprach. Die Gruppe ohne CoxaHit-Bandage erreichte präoperativ einen OSI-Wert von 3,5° ± 1,38° und postoperativ einen von 1,5° ± 0,82°. Hieraus ergab sich eine Verbesserung des OSI um 57,14 % (grafische Darstellung in Abbildung 5.
Abb. 5: Dynamischer OSI mit und ohne CoxaHit-Bandage, Augen geöffnet
Für die CoxaHit-Gruppe ließ sich in der dynamischen Messung mit geschlossenen Augen präoperativ für den OSI ein Wert von 6,15° ± 2,8° ermitteln. Postoperativ lag der OSI bei 4,1° ± 2,18°, was einer Veränderung um 33,33 % entsprach. Ohne CoxaHit-Bandage wurden präoperativ 5,1° ± 2,75° und postoperativ 3,85° ± 1,82° errechnet. Dies bedeutete eine Abnahme des OSI um 24,51 %. Zur Verdeutlichung wurden diese Werte in Abbildung 6 grafisch dargestellt. In beiden Gruppen konnte sowohl mit offenen als auch mit geschlossenen Augen eine Verbesserung des OSI gemessen werden.
Abb. 6: Dynamischer OSI mit und ohne CoxaHit-Bandage, Augen geschlossen
Diskussion
Ziel dieser prospektiven Studie mit 30 Probanden war es, zu untersuchen, ob sich die Implantation einer Hüft-Totalendoprothese auf die posturale Stabilität auswirkt und ob dieser Einfluss mittels computergestützter dynamischer Posturografie messbar ist. In einer explorativen Subgruppenanalyse sollte weiterhin geprüft werden, ob sich Unterschiede beim Tragen einer funktionellen Hüftgelenksbandage feststellen lassen.
Wir konnten zeigen, dass sich die posturale Stabilität – objektiviert mittels des Overall-Stability-Index aus der computergestützten dynamischen Posturografie – durch die Implantation einer Hüft-Totalendoprothese tendenziell verbessert. Das Tragen einer funktionellen Hüftbandage vermittelte den Trägern zwar subjektiv das Gefühl von Stabilität, jedoch war dies im Vergleich zur Gruppe, die mit konventionellem Verbandsmaterial versorgt wurde, nicht mittels dynamischer Posturografie objektivierbar.
Calò et al. [2] untersuchten 2009 bereits den Einfluss einer Hüft-Totalendoprothese auf das Gleichgewicht mittels dynamischer Posturografie. Sie nutzten hierzu das Equi-Test Dynamic Posturography System der amerikanischen Firma NeuroCom (Int. Inc., Clackamas, OR, USA). Hierbei wurden keine Veränderungen des Gleichgewichts durch den vollständigen Hüftgelenksersatz festgestellt. Auch Nallegowda et al. [8] verwendeten für die dynamische Posturografie ein Gerät der Firma NeuroCom, nämlich das Modell Smart Balance Master (Version 7, NeuroCom International, Clackamas, OR). Hierbei wurden ebenfalls keine Unterschiede im Gleichgewicht vor und nach der Implantation einer Hüft-Totalendoprothese festgestellt.
Warenczak et al. [19] nutzten 2019 das Good Balance System der Firma Metitur (Good Balance System, Metitur Oy, Jyvaskyla, Finland). Sie fanden in ihrer Pilotstudie Hinweise darauf, dass Patienten auch noch Jahre nach der Implantation einer Hüft-Totalendoprothese Einschränkungen der Stabilität aufweisen.
Allgemein lässt sich sagen, dass in unserer Studie bei geschlossenen Augen generell höhere OSI-Werte ermittelt wurden. Dies erscheint schlüssig, da das visuelle Feedback ein wesentlicher Bestandteil der posturalen Kontrolle ist und durch die Ergebnisse der „Reliabilitätsstudie des Biodex Balance Systems“ von Strobel et al. gestützt wird [10]. Die Werte des OSI-Modells verbesserten sich postoperativ in den Messungen bei geöffneten und geschlossenen Augen. Somit konnten wir die Ergebnisse von Nallegowda et al. [8] sowie Caló et al. [2] nicht bestätigen, die keine Veränderungen fanden, sondern konnten feststellen, dass mittels computergestützter dynamischer Posturografie Hinweise auf einen positiven Einfluss der Implantation einer Hüft-Totalendoprothese auf das Gleichgewicht zu finden sind.
Nallegowda et al. [8]. führten die postoperative Messung im Mittel nach 271 Tagen durch, bei Calò et al. [2] waren es vier Monate. Beide konnten keine signifikanten Unterschiede beim Gleichgewicht feststellen. Warenczak et al. [19] untersuchten ihre Patienten im Mittel fünf Jahre nach der Operation und verglichen die Daten mit hüftgesunden Probanden. Sie konnten auch Jahre nach der Operation Hinweise auf ein verschlechtertes Gleichgewicht finden.
Wir konnten nun mit dem von uns verwendeten Gerät in der CDP bereits sechs Wochen nach der Operation Hinweise auf eine Verbesserung des Gleichgewichts in den dynamischen Messungen feststellen. Das Biodex Balance-System ist ein sensitives Werkzeug, das Verbesserungen der Stabilitätswerte zuverlässig erkennt. Palm et al. [9] konnten 2010 in einer Studie zur Frage „Verbessern Kniebandagen die posturale Standfähigkeit bei Meniskusverletzungen?“ feststellen, dass das Tragen einer funktionellen Kniebandage zu einer signifikanten Steigerung der posturalen Stabilität bei Patienten mit Meniskusläsion führt.
Jedoch ist bislang nicht bekannt, ob dies auch bei Patienten mit Koxarthrose der Fall ist und ob die Nutzung einer funktionellen Hüftgelenksbandage einen – mittels computergestützter dynamischer Posturografie messbaren – Einfluss auf das Gleichgewicht von Hüftendoprothesen-Patienten hat.
Limitationen
Die Anzahl der von uns untersuchten 16 Patienten fiel geringer aus als in anderen Studien. Zudem ergab sich bei der Interpretation der OSI-Werte die Schwierigkeit, dass in der Literatur kein Normwert für Patienten mit Koxarthrose vorliegt. Es wurde daher auf die von Strobel et al. [16], sowie Palm et al. [15] erhobenen Werte zurückgegriffen, die aber jeweils an gesunden Probanden erhoben wurden. Einschränkend muss zudem angemerkt werden, dass die postoperative Messung bereits sechs Wochen nach der Implantation erfolgt ist, obwohl laut Literatur die Bandage mindestens drei Monate getragen werden sollte [5].
Fazit
Zusammenfassend konnte in unserer prospektiven klinischen Arbeit nachgewiesen werden, dass sich das Gleichgewicht – gemessen am Overall-Instabilitäts-Index (OSI) der CDP – durch die Implantation der Hüft-Totalendoprothese verbessert hat. Die Verbesserung wurde insbesondere bei den dynamischen Messungen mit geschlossenen Augen sichtbar. Die Ergebnisse der statischen Messungen waren weniger eindeutig. Die Subgruppenanalyse bei Tragen einer funktionellen Hüftgelenksbandage ergab, dass diese eine subjektive Verbesserung der Stabilität verursachte, die sich jedoch nicht mittels computergestützter dynamischer Posturografie objektivieren ließ.
Kernaussagen
- Durch die Implantation einer H-TEP verbessert sich das Gleichgewicht.
- Eine Verbesserung der posturalen Kontrolle kann zu besseren Rehaergebnissen führen.
- Das Biodex Balance-System ist ein empfindliches Tool, mit dem Stabilität gemessen werden kann.
- Eine funktionelle Hüftgelenksbandage hat keinen Einfluss auf die posturale Stabilität nach der Implantation einer Hüft-Totalendoprothese.
- Das Tragen einer funktionellen Hüftbandage vermittelte den Trägern subjektiv ein Gefühl von Stabilität.
Literatur
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Manuskriptdaten
Zitierweise
Lang P, Geiger S, Kasselmann N, Dallacker-Losensky K, Palm HG, Riesner HJ. Der Einfluss von Hüft-Totalendoprothesen und funktioneller Hüftgelenksbandage auf die posturale Stabilität. WMM 2026;70(7–8): 360-366.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-905
Für die Verfasser
Oberstarzt Priv.-Doz. Dr. med. habil. Hans-Joachim Riesner
Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie, Rekonstruktive und Septische Chirurgie, Sporttraumatologie
Bundeswehrkrankenhaus Ulm
Oberer Eselsberg 40, 89081 Ulm
E-Mail: hajo.riesner@gmx.de
Manuscript Data
Citation
Lang P, Geiger S, Kasselmann N, Dallacker-Losensky K, Palm HG, Riesner HJ. [The influence of total hip replacements and functional hip joint braces on postural stability]. WMM 2026;70(7–8): 360-366.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-905
For the Authors
Colonel (MC) Assoc. Prof. Dr. Hans-Joachim Riesner, MD
Department for Trauma Surgery and Orthopedics, Reconstructive and Septic Surgery, Sports Traumatology
Bundeswehr Hospital Ulm
Oberer Eselsberg 40., D-89081 Ulm
E-Mail: hajo.riesner@gmx.de