Vom Gesundheitsarchiv zur Prävention:
BMI-Entwicklung in der Bundeswehr über sechs Jahrzehnte
From Health Records to Prevention: Six Decades of BMI Trends in the Bundeswehr
David Willemsa, Ralf Jaekela, Thomas Emserb, Manuela Andrea Hoffmanna,c,d
a Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr, Andernach und ASt Koblenz
b Sanitätsunterstützungszentrum Stetten am kalten Markt
c Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
d Medizincampus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Zusammenfassung
Der Soldatenberuf ist mit besonderen physischen und psychischen Anforderungen verbunden. Um die Einsatz- und Dienstfähigkeit aufrechtzuerhalten, sind kontinuierliche präventivmedizinische Maßnahmen erforderlich. Das Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr (InstPrävMedBw) archiviert seit 1956 die Gesundheitsunterlagen (G-Karten) ausgeschiedener Soldatinnen und Soldaten und verfügt damit über einen außergewöhnlich umfangreichen Datenbestand, der mehrere Jahrzehnte umfasst. In einer retrospektiven, register- und dokumentenbasierten Studie mit wiederholten Querschnitten wurden medizinische Daten aus den militärärztlichen Entlassungsuntersuchungen der Jahre 1960, 1970, 1980, 1990, 2000, 2010 und2020 analysiert. Für jeden Entlassungsjahrgang wurde eine Zufallsstichprobe von rund 1 % gezogen. Insgesamt wurden die G-Kartenumschläge von n = 12 014 Soldatinnen und Soldaten ausgewertet.
Das mittlere Körpergewicht bei Entlassung stieg im Zeitraum von 1960 bis 2020 von 71,7 kg auf 83,2 kg, der mittlere Body-Mass-Index (BMI) im selben Zeitraum von 23,5 auf 26,1 kg/m². Gleichzeitig erhöhte sich der Anteil übergewichtiger Personen von 25,2 % auf 49,4 % und der Anteil adipöser Personen von 2,4 % auf 19,0 %. Dieser zeitliche Verlauf war dabei nicht durchgehend monoton und wurde vermutlich auch durch strukturelle Veränderungen innerhalb der Bundeswehr beeinflusst. Gesellschaftliche Trends hin zu einer zunehmenden Körpermasse werden somit auch innerhalb der Bundeswehr sichtbar und bringen eine wachsende Herausforderung für die Präventivmedizin mit sich. Basierend auf unseren Studienergebnissen können langfristige gesundheitliche Entwicklungen frühzeitig erkannt, zielgerichtete Präventionsmaßnahmen entwickelt und die gesundheitliche Einsatzbereitschaft sowie die personelle Resilienz der Streitkräfte gestärkt werden.
Schlüsselwörter: Präventivmedizin, Wehrmedizin, Body-Mass-Index, Übergewicht, Adipositas, retrospektive Querschnittsstudie
Summary
Military service entails particular physical and psychological demands. Maintaining operational readiness and fitness for duty therefore requires continuous preventive medical measures. Since 1956, the Bundeswehr Institute of Preventive Medicine has archived the health records of discharged service members, providing an exceptionally large data resource spanning several decades. In a retrospective, register- and document-based repeated cross-sectional study, medical data from military medical discharge examinations conducted in 1960, 1970, 1980, 1990, 2000, 2010 and 2020 were analysed. For each discharge cohort, a random sample of approximately 1 % was drawn. Overall, we evaluated records for n = 12,014 service members.
Mean body weight at discharge increased from 71.7 kg in 1960 to 83.2 kg in 2020, while mean body mass index (BMI) rose from 23.5 to 26.1 kg/m² over the same period. At the same time, the prevalence of overweight increased from 25.2 % to 49.4 %, and the prevalence of obesity from 2.4 % to 19.0 %. This temporal trend was not consistently monotonic and was likely also influenced by structural changes within the Bundeswehr. Societal trends toward increasing body weight are therefore also becoming apparent within the Bundeswehr and represent a growing challenge for preventive medicine. Based on our findings, long-term health trends can be identified at an early stage, targeted preventive measures can be developed, and both the operational readiness and personnel resilience of the armed forces can be strengthened.
Keywords: preventive medicine; military medicine; body mass index; overweight; obesity; retrospective cross-sectional study
Einleitung und Hintergrund
Wehrmedizinische Begutachtungen bilden eine zentrale Grundlage für die Beurteilung der militärischen Dienst- und Verwendungsfähigkeit. Seit der Gründung der Bundeswehr werden Einstellungs- und Entlassungsuntersuchungen standardisiert auf der Gesundheitskarte (G-Karte) dokumentiert. Dabei werden Körpermesswerte (u. a. Größe, Gewicht, Blutdruck, Puls), der körperliche Untersuchungsbefund und die hieraus resultierenden kodierten „Gesundheitsziffern“ erfasst, die schließlich in den Tauglichkeitsgrad münden. Aufgrund gesetzlicher Archivierungspflichten hält das Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr (InstPrävMedBw) seit 1956 Gesundheitsakten von aus der Bundeswehr ausgeschiedenen Soldatinnen und Soldaten vor. Auf diese Weise entstand eine über Jahrzehnte reichende Datenbasis, die bei geeigneter Aufbereitung und Datenschutzkonzeption bevölkerungsbezogene Aussagen zum Gesundheitszustand der Truppe im Zeitverlauf ermöglicht.
Übergewicht und Adipositas sind zentrale Risikofaktoren für kardiovaskuläre, muskuloskelettale und metabolische Erkrankungen und können zu einer reduzierten körperlichen Leistungsfähigkeit führen [10]. Im militärischen Kontext gewinnen diese Faktoren besondere Bedeutung, da die Einsatz- und Verwendungsfähigkeit maßgeblich von Belastbarkeit, Ausdauer und Verletzungsresistenz abhängt. Die langfristige Erhaltung dieser Fähigkeiten ist zugleich ein wesentlicher Bestandteil der gesundheitlichen und personellen Resilienz. Ein erhöhter Körperfettanteil bzw. eine ungünstige Körperzusammensetzung können unter dienstlichen Belastungen, beispielsweise bei Märschen mit Zusatzlast oder unter Extremklimabedingungen, das Verletzungsrisiko und die Wahrscheinlichkeit belastungsabhängiger Einschränkungen erhöhen. Sie können zudem mit vorzeitiger Dienstunfähigkeit bzw. Einschränkungen der individuellen Verwendungsfähigkeit assoziiert werden [2][5][9]. Die Prävention solcher gesundheitlichen Einschränkungen trägt damit nicht nur zur individuellen Gesunderhaltung, sondern auch zur Resilienz der Streitkräfte bei.
Auch für die Bundeswehr liegen inzwischen aktuelle epidemiologische Befunde zur Entwicklung von Übergewicht und Adipositas vor. In einer Analyse gepaarter Einstellungs- und Entlassungsuntersuchungen aus den Jahren 2010 bis 2022 zeigte sich eine mit zunehmender Dienstzeit stärker ausgeprägte Zunahme des BMI sowie der Prävalenz von Übergewicht und Adipositas [6]. Eine weitere Analyse der Pflichtuntersuchungen von 2018 bis 2022 ergab eine Adipositasquote von 18,0 % und identifizierte anhand der Kombination aus BMI und Taillenumfang wichtige kardiovaskuläre und metabolische Risikokonstellationen [7]. Die vorliegende Untersuchung ergänzt diese aktuellen Studienergebnisse um eine langfristige historische Perspektive.
Studiendesign und Methodik
Es handelt sich um eine retrospektive, register- und dokumentenbasierte Beobachtungsstudie mit wiederholten Querschnitten. Ausgewertet wurden die Entlassungsuntersuchungen der Jahrgänge 1960, 1970, 1980, 1990, 2000, 2010 und 2020. Die Datenquelle war der G-Kartenumschlag, eine seit Jahrzehnten nahezu unveränderte, strukturierte Übersichtsseite, die sich besonders für langfristige, retrospektive Analysen eignet. Für die vorliegende Auswertung wurde ausschließlich der BMI aus der Entlassungsuntersuchung berücksichtigt. Dieser wurde aus dokumentierter Körpermasse und Körperhöhe berechnet und in die Kategorien BMI <25 kg/m², Übergewicht (25,0–29,9 kg/m²) und Adipositas (≥ 30,0 kg/m²) eingeteilt [10]. Berücksichtigt wurden nur plausible Wertekombinationen.
Aus den betrachteten Entlassungsjahrgängen wurde jeweils rund ein Prozent zufällig ausgewählt. Insgesamt umfasste die Stichprobe 12 014 Soldatinnen und Soldaten, deren G-Kartenumschläge ausgewertet wurden. Da jeweils separate Entlassungsjahrgänge im Abstand von zehn Jahren untersucht wurden, handelt es sich um eine Abfolge unabhängiger Querschnittsuntersuchungen.
Ergebnisse
Entwicklung von Adipositas im Zeitverlauf
Über den Untersuchungszeitraum zeigt sich eine deutliche Zunahme des Körpergewichts und des BMI. Das mittlere Entlassungsgewicht stieg von 71,7 kg (Jahrgang 1960) auf 83,2 kg (2020), der mittlere BMI von 23,5 auf 26,1 kg/m² und überschritt damit in den späteren Jahrgängen den Grenzwert für Übergewicht. Der Anteil Übergewichtiger nahm von 25,2 % auf 49,4 %, jener Adipöser von 2,4 % auf 19,0 % zu. Der Verlauf ist nicht monoton: Nach einem Anstieg bis 1990 folgte ein Rückgang bis 2000–2010, bevor die Prävalenzen bis 2020 sprunghaft anstiegen – eine Entwicklung, die weitgehend dem gesamtgesellschaftlichen Trend entspricht [4][8] (Abbildungen 1 und 2)
Abb. 1: Entwicklung des mittleren BMI bei Entlassung. Über die Jahrzehnte hinweg ist eine deutliche Verschiebung hin zu höheren BMI-Werten im Mittel der betrachteten Entlassungsjahrgänge erkennbar. (Bildrechte: Bundeswehr/B- Willems)
Abb. 2: Relative Anteile übergewichtiger bzw. adipöser Soldatinnen und Soldaten nach Entlassungsjahrgang. Erkennbar ist die langfristige Verschiebung der BMI-Verteilung in höhere Wertebereiche. (Bildrechte: Bundeswehr/B- Willems)
Diskussion
Die beobachteten anthropometrischen Trends spiegeln die gesamtgesellschaftliche Entwicklung wider und zeigen, dass sich diese trotz strukturierter Auswahl- und Tauglichkeitskriterien auch innerhalb der Bundeswehr bemerkbar macht. Der zwischenzeitliche Rückgang könnte zumindest teilweise durch strukturelle Veränderungen der Bundeswehr sowie durch Änderungen der Auswahl- und Begutachtungspraxis beeinflusst worden sein. Durch das geänderte Einberufungsverfahren und die deutliche Reduktion der Truppenstärke (von rund 460 000 Soldatinnen und Soldaten im Jahr 1990 auf etwa 246 000 im Jahr 2010 [3]) wurden faktisch nur noch Wehrpflichtige mit hohem Tauglichkeitsgrad und damit mit weniger gesundheitlichen Einschränkungen herangezogen. Mit dem Aussetzen der Wehrpflicht im Jahr 2011 und der Anpassung der Begutachtungskriterien (Änderung der Vorschriften ZDv 46/1 bzw. A1–831/0–4000) wurden die zugelassenen Tauglichkeitsgrade wieder erweitert, sodass auch übergewichtige Bewerberinnen und Bewerber eingestellt wurden. Der beobachtete Verlauf dürfte somit sowohl durch gesamtgesellschaftliche Entwicklungen als auch durch strukturelle Veränderungen innerhalb der Bundeswehr beeinflusst worden sein.
Darüber hinaus weisen aktuelle Bundeswehrdaten darauf hin, dass auch dienstzeitbezogene Faktoren mit der Entwicklung des BMI assoziiert sein können. Scheit et al. zeigten für den Zeitraum von 2010 bis 2022 einen positiven Zusammenhang zwischen Dienstzeit und BMI-Zunahme, wobei die stärksten Anstiege bei längerer Dienstzeit beobachtet wurden [6].
Vor diesem Hintergrund ist die über die betrachteten Jahrzehnte beobachtete Zunahme des BMI und der Adipositas auch hinsichtlich der gesundheitlichen Einsatzbereitschaft von Bedeutung. Ein erhöhter BMI und insbesondere ein erhöhter Körperfettanteil sind mit verminderter Leistungsfähigkeit, erhöhter muskuloskelettaler Belastung und erhöhtem kardiometabolischem Risiko assoziiert [2][5]. Unter Einsatzbedingungen können sie die Verwendungs- und Einsatzfähigkeit daher relevant beeinträchtigen.
Bei der Interpretation der Ergebnisse ist zu berücksichtigen, dass der BMI nur eine eingeschränkte Aussage über die individuelle Körperzusammensetzung erlaubt. Insbesondere kann er nicht zwischen Fett- und Muskelmasse unterscheiden, was bei körperlich trainierten Personengruppen von besonderer Bedeutung sein kann. Maße der abdominalen Fettverteilung, insbesondere die Waist-to-Height-Ratio (WtHR), ermöglichen eine differenziertere Abschätzung des kardiometabolischen Risikos und sind dem BMI hierfür teilweise überlegen [1]. Auch aktuelle Untersuchungen an militärischen Bundeswehrangehörigen zeigen, dass die kombinierte Betrachtung von BMI und Taillenumfang eine differenziertere Identifikation kardiovaskulärer und metabolischer Risikokonstellationen ermöglicht [7]. Für unsere Studie standen aufgrund der historischen Datenbasis über den gesamten Untersuchungszeitraum keine Werte zum Taillenumfang zur Verfügung.
Der BMI hat gegenüber der WtHR zwar den Nachteil, gesundheitliche Risiken zu unterschätzen, durch die über mehrere Jahrzehnte hinweg standardisierte Dokumentation von Körperhöhe und Körpermasse werden jedoch langfristige Vergleiche ermöglicht. Die vorliegenden Ergebnisse sind daher primär als Beschreibung populationsbezogener anthropometrischer Entwicklungen und nicht als individuelle Beurteilung der Körperzusammensetzung zu interpretieren.
Fazit
Die hier dargestellte BMI-Entwicklung stellt lediglich eine erste Datenauswertung dar. Weitere Analysen werden insbesondere die Entwicklung zusätzlicher Körpermesswerte und kodierter Gesundheitsmerkmale im Zeitverlauf untersuchen.
Unsere Studie zielt darauf ab, gesundheitliche Risiken frühzeitig zu erkennen und Präventionsmaßnahmen gezielt auszurichten. Damit unterstützt sie die individuelle und organisationale Resilienz der Streitkräfte sowohl im Einsatz als auch im dienstlichen Alltag.
Kernaussagen
- Gesundheitsdaten des InstPrävMedBw ermöglichen epidemiologische Analysen gesundheitlicher Entwicklungen über mehrere Jahrzehnte hinweg.
- Der mittlere BMI bei der Entlassung stieg zwischen 1960 und 2020 von 23,5 kg/m² auf 26,1 kg/m².
- Der Anteil Übergewichtiger stieg im betrachteten Zeitraum von 25,2 % auf 49,4 %.
- Die Adipositasprävalenz erhöhte sich im betrachteten Zeitraum von 2,4 % auf 19,0 %.
- Historische Gesundheitsdaten können zur Entwicklung zielgerichteter Präventionsstrategien und zur Stärkung der gesundheitlichen Resilienz der Bundeswehr beitragen.
Literatur
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Manuskriptdaten
Zitierweise
Willems D, Jaekel R, Emser T, Hoffmann MA. Vom Gesundheitsarchiv zur Prävention: BMI-Entwicklung in der Bundeswehr über sechs Jahrzehnte. WMM 2026;70(11):549-552.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-999
Für die Verfasser
Regierungsdirektor Dr. David Willems
Fachbereich A5 – Forschungsdatenmanagement und -infrastruktur
Abteilung A – Gesundheits- und Leistungsförderung, Koblenz
Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr, Andernach
Andernacher Straße 100, 56070 Koblenz
E-Mail: InstPraevMedBwA5@bundeswehr.org
Manuscript Data
Citation
Willems D, Jaekel R, Emser T, Hoffmann MA. [From Health Records to Prevention: Six Decades of BMI Trends in the Bundeswehr]. WMM 2026;70(11):549-552.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-999
For the Authors
Dr. David Willems
Division 5 – Research data management and infrastructure
Department A – Health- and Fitness Promotion, Koblenz
Bundeswehr Institute of Preventive Medicine, Andernach
Andernacher Straße 100, D-56070 Koblenz
E-Mail: InstPraevMedBwA5@bundeswehr.org