Wehrmedizinische Monatsschrift

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Editorial
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Effizienz beim Marschieren:​ Studie zu Beanspruchung,​ Ermüdung und Leistungserhalt bei militärischen Fußmärschen







Präventivmedizin
Präventivmedizinische Unterstützung im Einsatz gegen ­Hitze und Kälte – Entwicklung einer Klimaweste am Institut für ­Präventivmedizin der Bundeswehr






Präventivmedizin
Operational Resilience Training – Ein für die Ukraine entwickeltes operatives Resilienztraining als Option für die Bundeswehr?





Präventivmedizin
Impedanzkardiografie zur Erfassung individueller physiologischer ­Beanspruchung – Vergleich mit spiroergometrischen Messgrößen




Präventivmedizin
Grundausbildung als präventivmedizinisches Untersuchungsmodell:​ Entwicklung eines standardisierten Studiendesigns zur ­Erfassung von Prädiktoren für militärische Leistung,​ Stressempfinden und ­Gesundheitserleben




Präventivmedizin
Suchtprävention im Kontext der Kriegstüchtigkeit – pathogenetische,​ präventive und therapeutische Aspekte

Präventivmedizin
Vom Gesundheitsarchiv zur Prävention:​ BMI-Entwicklung in der Bundeswehr über sechs Jahrzehnte


Präventivmedizin
AIM:​ Das Andernacher Inventar zur militärischen Leistungsbeurteilung – Konzeption eines neuen Messinstruments für die präventivmedizinische Forschung in der Bundeswehr



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Untersuchungen zur Gebrauchstauglichkeit einer bundeswehreigenen Autoinjektor-Plattform:​ Ergebnisse der zweiten formativen Studie





Tagungen und Kongresse
Das “5th Symposium on Tropical Medicine and Infectious Diseases in the International Military Medical Context 2026” – wie immer ein guter Grund für einen Besuch in Hamburg

Tagungen und Kongresse
Jahrestagung 2026 der Österreichischen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie
Tagungen und Kongresse
Bericht über die Internationale Tagung der Schweizerischen ­Gesellschaft der Sanitätsoffiziere 2026
Aus dem Sanitätsdienst
Zum 60.​ Geburtstag Oberstapotheker Dr.​ Bernd Klaubert
Aus dem Sanitätsdienst
In Memoriam Flottenarzt a.​ D.​ Dr.​ Harald Brünn
Mitteilungen der DGWMP e.​ V.​
Geburtstage Dezember 2026
Präventivmedizin PDF

Operational Resilience Training – Ein für die Ukraine entwickeltes operatives Resilienztraining als Option für die Bundeswehr?

Operational Resilience Training – A Training Developed for Ukraine as an Option for the Bundeswehr?

Kristina Küpera, Alexander Witzkia, Ralf Jaekela, Silke Graßb, Manuela Andrea Hoffmanna,c,d

a Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr, Andernach und ASt ­Koblenz

b Sanitätsakademie der Bundeswehr, München

c Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

d Medizincampus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Die in diesem Beitrag verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich immer gleichermaßen auf weibliche und männliche Personen. Auf eine Doppelnennung und gegenderte Bezeichnungen wird zugunsten einer besseren Lesbarkeit verzichtet. Um der notwendigen wissenschaftlichen Eindeutigkeit Rechnung zu tragen, wird in diesem Artikel, abweichend von den umgangssprachlichen Gepflogenheiten, die weibliche Form immer dann verwendet, wenn sich die Aussage auf beide Geschlechter bezieht und die männliche Form dann, wenn es sich ausschließlich um männliche Personen handelt.

Zusammenfassung

Der militärische Einsatz ist mit enormen psychischen Belastungen verbunden, denen Soldatinnen und Soldaten widerstehen müssen, um einsatzfähig und gesund zu bleiben. Bei Erhalt und Stärkung dieser individuellen Resilienz kann operativ eingesetztes Sanitätspersonal eine Schlüsselrolle einnehmen, indem es – analog zur taktischen Notfallmedizin – psychologische Erste Hilfe leistet. Voraussetzung dafür ist eine entsprechende Ausbildung.

Ein geeignetes Programm dafür ist das Operational Resilience Training (ORT), das im Rahmen der NATO-Unterstützung für die Ukraine entwickelt wurde. Das ORT vermittelt Stressmanagementtechniken für die Selbst- und Kameradenhilfe und ist an mehreren europäischen Standorten, darunter auch in Deutschland, fester Bestandteil der Ausbildung ukrainischer Platoon Combat Medics. Länderübergreifende Evaluationsergebnisse und Berichte von ukrainischen Frontrückkehrern zeigen, dass das Training nicht nur effektiv und gefechtstauglich ist, sondern auch von den Trainingsteilnehmenden so gut angenommen wird, dass sie innerhalb ihrer Einheiten die Rolle von Multiplikatoren für die gelernten Resilienztechniken übernehmen.

Im eigens dafür konzipierten Sonderforschungsprojekt ORT-Bw untersucht das Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr (InstPrävMedBw) ab Ende 2026, wie dieses Training auch in die bundeswehreigene Ausbildung von Combat Medics integriert werden kann. Der vorliegende Beitrag beschreibt das für die Adaptation, Erprobung und Evaluation des ORT-Bw geplante Studiendesign sowie die Forschungsmethoden. Ziel des Forschungsprojekts ist es, den Ausbildungskatalog der Bundeswehr um ein einsatzerprobtes Trainingskonzept zur Resilienzsteigerung für die Landes- und Bündnisverteidigung zu ergänzen.

Schlüsselworte: Individuelle Resilienz, Mentale Gesundheit, Mentale Leistungsfähigkeit, einsatzassoziierte Stressoren, gefechtsassoziierte Stressoren, Ausbildung, Sanitätspersonal

Summary

Deployed soldiers are exposed to numerous mental stressors which can substantially impair their combat readiness and health. If properly trained, operative medical personnel can play a key role in preserving and strengthening individual resilience against these stressors by providing first aid for mental and physical health issues.

Operational Resilience Training (ORT) is a training programme designed to prepare medical personnel for helping themselves and their fellow soldiers manage deployment-related stress. It was developed as part of NATO support for Ukraine and is a key part of Platoon Combat Medic training for Ukrainian soldiers at several European sites, including Germany. Training evaluations across countries as well as anecdotal reports from Ukrainian frontline returnees indicate that ORT is effective and meets combat requirements. In addition, trainees’ attitudes about the training are so positive that they serve as force multipliers and disseminate training content within their units.

In a dedicated research project (ORT-Bw) beginning in late 2026, the Bundeswehr Institute of Preventive Medicine will examine how ORT can be implemented into Combat Medic training within the Bundeswehr. This paper describes the study design and methods planned to adapt, pilot, and evaluate ORT-Bw. The aim of the study is to provide the Bundeswehr with an effective, combat-tested method to strengthen resilience for national and alliance defence.

Keywords: individual resilience; mental health; mental performance; deployment-related stressors; combat-related stressors; training; medical personnel

Einleitung und Hintergrund

Der militärische Einsatz1 ist nicht nur mit extremen körperlichen Anforderungen, sondern auch mit enormen psychischen Belastungen verbunden (Abbildung 1). Dazu gehören u. a. die ständige Gefahr für Leib und Leben, die Konfrontation mit Gewalt, Leid und Tod und die Notwendigkeit im Rahmen der Auftragserfüllung möglicherweise so zu handeln, wie es sich nur schwer mit den eigenen Wertvorstellungen vereinbaren lässt [27]. Die unmittelbare Folge können akute Belastungsreaktionen, wie das Einfrieren sein, die die Durchsetzungsfähigkeit, aber v. a. auch die Überlebensfähigkeit, massiv beeinträchtigen [5]. Längerfristig können sich moralische Verletzungen und psychische Erkrankungen, wie z. B. post-traumatische Belastungsstörungen oder andere Traumafolgeerkrankungen (Depressionen, Angststörungen etc.), ergeben, die die Gesundheit und Einsatzfähigkeit von Soldatinnen und Soldaten2 dauerhaft einschränken [18][38]. Dementsprechend sind Trainingsmaßnahmen, die Soldatinnen resilienter gegenüber einsatzbedingten Belastungen machen, für Ausbildung und Einsatzvorbereitung unerlässlich [35].

Abb. 1: Stressoren im Einsatz (Bildrechte Silhouette: Pixabay.com)

Die Bundeswehr setzt solche resilienzfördernden Maßnahmen bisher nicht systematisch ein. Zwar gibt es eine Reihe vielversprechender Ansätze und Projekte [16][25][22][24]; diese beziehen sich jedoch häufig nur auf Teilbereiche der Resilienz bzw. sind nur selten bereits fester Bestandteil der Ausbildung oder der Einsatzvorbereitung, wie es bei der Kameradenhilfe-Methode B.E.S.S.E.R.2 der Fall ist [40]. Bestehende Programme sind zudem häufig noch auf das Auslandseinsatzszenario des internationalen Krisenmanagements ausgerichtet.

Der Krieg in der Ukraine zeigt allerdings eindrücklich, dass ein Einsatz im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) verschärfte Herausforderungen an die soldatische Resilienz stellt [13]: Anders als in zeitlich begrenzten Auslandseinsätzen sind Soldatinnen im Rahmen der LV/BV dauerhaft extremen Belastungen ausgesetzt, ohne dass notwendige Erholungszeiten gewährleistet werden können [23]. Angesichts der aktuellen geopolitischen Lage muss auch die Resilienzförderung der Bundeswehr diesen veränderten Rahmenbedingungen Rechnung tragen. Eine Neuentwicklung, Erprobung, Optimierung und flächendeckende Umsetzung geeigneter Verfahren wären allerdings mit einem erheblichen Ressourcen- und Zeitaufwand verbunden.

Die Schlüsselrolle von Sanitätspersonal bei der Resilienzstärkung

Ein Lösungsansatz für diese Problematik kann die gezielte und systematische Ausbildung von Sanitätspersonal bzw. sanitätsdienstlich ausgebildetem Personal hinsichtlich Resilienztechniken sein, die für den Einsatz relevant sind. Analog zur taktischen notfallmedizinischen Versorgung könnten die so ausgebildeten Soldatinnen Kameradenhilfe bei psychischen Notfällen leisten und gleichzeitig innerhalb ihrer Einheiten als Multiplikatoren für die gelernten Resilienztechniken fungieren [21].

Innerhalb der US-amerikanischen Streitkräfte kommt dem Sanitätspersonal bereits jetzt eine solche Schlüsselrolle hinsichtlich der Erstversorgung und Prävention im Bereich psychischer Gesundheit zu [19][20]. So zeigt eine Befragung US-amerikanischer Combat Medics aus dem Jahr 2024, dass die Mehrheit der Befragten Tätigkeiten in der psychologischen Diagnostik und Intervention übernimmt und diese auch als Teil ihres Aufgabenspektrums versteht [26]. Allerdings fühlen sich deutlich weniger Befragte auch bei der Bewältigung dieser Aufgaben sicher und kompetent, woraus die Autoren einen hohen Bedarf an entsprechenden formellen Ausbildungsprogrammen ableiten.

Operational Resilience Training –
Effektive Resilienzförderung für die Ukraine

Infolge der russischen Invasion der Ukraine im Februar 2022 haben auch die ukrainischen Streitkräfte den Bedarf an effektiver Resilienzförderung erkannt und ein entsprechendes Trainingsprogramm im Rahmen der Ausbildungsunterstützung durch die NATO angefragt. Daraufhin entwickelte das norwegische Militär gemeinsam mit dem Walter Reed Army Institute of Research (WRAIR) das Operational Resilience Training (ORT, [2]).

Im Frühjahr 2023 wurde das ORT zunächst in Norwegen als fester Bestandteil der im Rahmen von Operation Gugne durchgeführten Platoon Combat Medic-Ausbildung für ukrainische Soldatinnen eingeführt. Seit November 2023 werden auch die von der Bundeswehr in Deutschland zum Platoon Combat Medic ausgebildeten ukrainischen EUMAM UA-Kontingente im ORT geschult. Im Frühjahr 2024 und im Sommer 2025 folgten ORT-Ausbildungen im Vereinigten Königreich und in Polen.

Das ORT umfasst derzeit sieben Ausbildungsmodule (Abbildung 2) zu unterschiedlichen einsatzrelevanten Themen [29], die auf Forschungs- und Entwicklungsarbeiten des WRAIR basieren [3][4][5][12][14][26][30]: Im ersten Modul werden die Trainingsteilnehmenden zunächst mit den (1) Grundkonzepten von Stress und Resilienz vertraut gemacht. Dies geschieht anhand von zwei leicht verständlichen Modellen der Stressverarbeitung, die grundlegend für die in den nachfolgenden Modulen vermittelten Inhalte sind [7]. Eines dieser Modelle ist das Konzept des „Stress-Eimers“, der sich nach und nach füllt und schließlich überläuft, wenn sich kein geeignetes „Ventil“ findet. Dieses Bild soll verdeutlichen, dass Menschen auch unter starker Stressbelastung handlungsfähig bleiben können, sofern sie über effektive Techniken zur Stressreduktion verfügen. Andererseits soll es verdeutlichen, dass anhaltender Stress ohne Kompensationsmechanismen („Ventile“) den „Eimer“ zwangsläufig zum Überlaufen bringt. Ergänzend dazu wird die Idee eines Kontinuums mentaler Gesundheit vermittelt, das die aktivierende Wirkung von Stress verdeutlichen soll.

Anhand des Kontinuums lernen Trainingsteilnehmende Aktivierungsniveaus, die für die Einsatzsituation hilfreich sind, von solchen zu unterscheiden, die überlastend – und damit schädlich – sind. Positive und negative Auswirkungen dieser unterschiedlichen Aktivierungszustände werden für verschiedene einsatzrelevante Parameter (z. B. Stimmung, Kognition, körperliche Verfassung, Handlungsfähigkeit) dargestellt und entsprechende Handlungsoptionen aufgezeigt. Auf Grundlage dieser beiden Konzepte vermitteln die anschließenden Module konkrete Stressmanagementtechniken, die sowohl in der Selbst- als auch in der Kameradenhilfe angewendet werden können. Diese beinhalten Methoden zum Stabilisieren der (2) Mentalen Gesundheit im Einsatz[30] und zum (3) Operativen Stressmanagement [4] sowie das (4) iCOVER-Protokollfür die Kameradenhilfe bei akuten Stressreaktionen (analog zum Programm B.E.S.S.E.R. der Bundeswehr, [40]). Im Anschluss werden Techniken zur Verbesserung der (5) Einheitskohäsion [12][14] vermittelt. Zwei Zusatzmodule gehen schließlich auf mentale Fähigkeiten für den (6) Umgang mit menschlichen Überresten und den Umgang mit (7) Trauer an der Front ein.

Abb. 2: Trainingsinhalte des Operational Resilience Trainings

ORT-Ausbildung ukrainischer Soldaten

Bei der ORT-Ausbildung ukrainischer Soldatinnen durch die Bundeswehr werden grundlegende ORT-Modul­inhalte zunächst im Rahmen einer zweitägigen Lehrveranstaltung theoretisch vermittelt und anschließend innerhalb von sanitätsdienstlichen Trainingsszenarien der Platoon Combat Medic-Ausbildung praktisch geübt. Die Effektivität und Akzeptanz dieser Ausbildung werden seit 2023 vom Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr (InstPrävMedBw) mittels einer Teilnehmendenbefragung mit drei Messzeitpunkten und einer Kontrollgruppe evaluiert. Die Trainingseffektivität wird dabei mittels standardisierter Befragungsinstrumente zu individueller Resilienz (Resilienzskala RS-11: [33][36], Selbstwirksamkeit (Allgemeine Selbstwirksamkeits-Kurzskala, ASKU: 10], Skala zur Generalisierten Selbstwirksamkeitserwartung, GSES: [34]) und mentaler Gesundheit (General Health Questionnaire 12, GHQ12: 15) erfasst. Zusätzlich werden Einstellungen und Wissen zu Resilienztechniken sowie die subjektive Sicherheit im Umgang damit erhoben. Zur Einschätzung der Akzeptanz werden subjektive Bewertungen des Gesamttrainings sowie der einzelnen Module herangezogen.

Im Rahmen dieses Evaluationsprojekts, das sich zurzeit in der Datenerhebungsphase befindet, kooperiert das InstPrävMedBw mit dem WRAIR und dem Norwegian Armed Forces Joint Medical Service, die ein analoges Projekt in Norwegen durchführen3. Erste Ergebnisse dieses norwegischen Evaluationsprojekts liegen bereits vor und zeigen, dass das ORT auf große Akzeptanz bei den ukrainischen Trainingsteilnehmenden stößt und das Vertrauen in die eigenen Resilienzfähigkeiten signifikant stärkt [7][28][29]. Diese und weitere positive Trainingseffekte finden sich auch in den vorläufigen Ergebnissen der deutschen ORT-Evaluation. Anekdotische Berichte von ukrainischen Frontrückkehrern zeigen darüber hinaus, dass ORT-Trainingsinhalte wie aktives Zuhören, Atemtechniken und iCOVER im Einsatz tatsächlich ­angewendet werden und positive Effekte auf mentale Gesundheit und kameradschaftliche Fürsorge haben [7][28].

Das Projekt ORT-Bw – Ein Operatives ­Resilienztraining für die Bundeswehr

Wie bereits erwähnt, wäre die Neuentwicklung, Erprobung und Optimierung von resilienzfördernden Trainingsmaßnahmen mit einem erheblichen personellen und zeitlichen Aufwand für die Bundeswehr verbunden. Die Adaptation bereits bestehender und erwiesenermaßen effektiver Maßnahmen ist dagegen deutlich weniger ressourcenfordernd. Mit dem ORT liegt ein von NATO-Partnern entwickeltes Trainingskonzept zur individuellen Resilienzsteigerung vor, das nicht nur länderübergreifend positiv evaluiert wurde, sondern sich für die ukrainischen Streitkräfte bereits im Einsatz bewährt hat. Im Rahmen des Sonderforschungsprojekts ORT-Bw plant das InstPrävMedBw deshalb zu untersuchen, wie ein vergleichbares operatives Resilienztraining auch in die Ausbildung des Sanitätspersonals der Bundeswehr integriert werden kann.

Das ORT-Modul iCOVER ist das beste Beispiel dafür, dass bestehende militärische Ausbildungskonzepte einer Nation auch für deren verbündete Partner nutzbar gemacht werden können: Ursprünglich von der israelischen Armee unter dem Namen YaHaLOM entwickelt, wurde dieses Trainingskonzept zur Kameradenhilfe bei akuten Stressreaktionen wie dem „Einfrieren“ nicht nur von den USA, Kanada, Norwegen und dem Vereinigten Königreich, sondern auch von der Bundeswehr adaptiert und als B.E.S.S.E.R. eingeführt [6][8].

Im Rahmen des Projekts ORT-Bw sollen auch die restlichen ORT-Module für die Bundeswehr nutzbar gemacht werden. Dabei kooperiert das InstPrävMedBw mit der Leitenden Psychologin in der Gesundheitsversorgung an der Sanitätsakademie der Bundeswehr, dem Ausbildungs- und Simulationszentrum Sanitätsregiment 2 sowie perspektivisch mit einem der zivilen Kooperationspartner des InstPrävMedBw, dem Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz. Ziel des auf drei Jahre angelegten Sonderforschungsprojekts ist es, das ORT zunächst für die Nutzung innerhalb der Bundeswehr zu adaptieren und es anschließend im Rahmen der bundeswehreigenen Combat-Medic-Ausbildung zu erproben. Anhand von Befragungen und physiologischen Messungen der Trainingsteilnehmenden und einer Vergleichsgruppe sollen die Akzeptanz des Trainings sowie die Trainingseffekte auf die psychische Gesundheit, Resilienz und soldatische Leistung evaluiert werden. Ziel des vorliegenden Beitrags ist die Darstellung der für die Adaption, Erprobung und Evaluation von ORT-Bw geplanten Forschungsmethoden.

Geplante Trainingsadaptation

Eine erfolgreiche Adaptation von Trainingsinterventionen kann sich nicht auf die bloße Übersetzung der Inhalte beschränken, sondern ist ein komplexer evidenzbasierter Prozess [9]. Im Kontext von Ausbildungskonzepten für Soldaten müssen neben bestehenden Unterschieden in der gesellschaftlichen Kultur auch solche in der militärischen berücksichtigt werden, um die Effektivität und Akzeptanz adaptierter Maßnahmen zu gewährleisten. Im Falle von ORT betrifft dies beispielsweise den Umgang mit Gefallenen und Verwundeten sowie Aspekte der Inneren Führung. Zudem ist eine Anpassung der ORT-Unterrichtsmaterialien und Ausbildungsszenarien zwingend erforderlich, da die verwendeten Beispiele, das Bildmaterial und die Akzentsetzung zurzeit auf ukrainische Teilnehmende zugeschnitten sind [29] .

Neben den gesellschaftlichen und militärkulturellen Gegebenheiten in Deutschland und in der Bundeswehr müssen die zeitlichen und kontextuellen Vorgaben des bestehenden Ausbildungskonzepts für den Combat-­Medic-Lehrgang der Bundeswehr ebenfalls berücksichtigt werden. Das zu entwickelnde ORT-Bw kann infolgedessen deutlich von der ukrainischen ORT-Version abweichen – sowohl hinsichtlich der inhaltlichen als auch der zeitlichen Ausgestaltung.

Geplante Stichprobe und Studiendesign

Nach erfolgter Adaptation sieht die Erprobung und ­Evaluation von ORT-Bw die Erhebung zweier Untersuchungsgruppen vor (Abbildung 3), die aus den Teilnehmenden der bundeswehreigenen Combat Medic-­Ausbildung rekrutiert werden. Die Soldatinnen der Trainingsgruppe besuchen dabei einen Lehrgang, in den ORT-Bw integriert wird, während im Lehrgang der Kontrollgruppe keine ORT-Bw-Inhalte vermittelt werden. Jede Gruppe (mit/ohne ORT-Bw) soll mindestens 58 Personen umfassen.

Abb. 3: Geplantes Studiendesign ORT-Bw

Für beide Gruppen sind Messzeitpunkte zu Beginn (t1) und am Ende des Combat-Medic-Lehrgangs (t2) vorgesehen. In Abhängigkeit von der konkreten Ausgestaltung des ORT-Bw-Trainingskonzepts kann sich für die Trainingsgruppe ein zusätzlicher Messzeitpunkt im Anschluss an einen potenziellen theoretischen ORT-Bw-Ausbildungsteil ergeben (t1.2). Für beide Gruppen sind darüber hinaus mehrere Messzeitpunkte innerhalb der sanitätsdienstlichen Trainingsszenarien der Lehrgänge vorgesehen, da solche Szenarien psychische Belastungen mit sich bringen, denen Soldatinnen mithilfe der im ORT vermittelten Resilienztechniken besser gewachsen sein sollten [29].

Geplante Erhebungsmethoden

Die Erhebungsmethoden sollen gegenüber der Evaluation der ukrainischen ORT-Version deutlich erweitert werden. Während in dieser Vorgängerstudie ausschließlich Selbstauskünfte der Teilnehmenden erhoben werden, sollen im Projekt ORT-Bw auch Fremdbeurteilungen sowie physiologische Daten erhoben werden.

Zur Befragung der Teilnehmenden an t1 und t2 (sowie ggf. an t1.2) sollen neben den bereits in der Vorgängerstudie verwendeten Fragebögen zu individueller Resilienz (u. a. [33][36]), Selbstwirksamkeit [10] und militärischen Resilienztechniken [32] auch standardisierte Befragungsinstrumente zu mentaler Stärke [17] sowie zu subjektiver mentaler und körperlicher Gesundheit [37] zum Einsatz kommen. Die Erfassung der Trainingsakzeptanz (t2 und ggf. t1.2) wird in ähnlicher Weise erweitert, da neben einer subjektiven Bewertung der Trainingsinhalte auch Einschätzungen zur Nützlichkeit der gelernten Techniken und zur Wahrscheinlichkeit der Weiterempfehlung von ORT-Bw erfolgen sollen.

Die geplante Erfassung der militärischen Leistungsfähigkeit (t1 und t2) und des Lehrgangserfolgs der Teilnehmenden (t2) ist ebenfalls eine Erweiterung der Vorgängerstudie , insbesondere da neben Selbsteinschätzungen auch Fremdbeurteilungen durch die Lehrgangsdurchführenden erfolgen sollen. Geplant ist u. a. eine Bewertung anhand des am InstPrävMedBw entwickelten Andernacher Inventars zur Militärischen Leistungsbeurteilung (AIM) [39], das in dieser Ausgabe ausführlicher beschrieben wird WMM 2026;70(11): 553-557.

Eine weitere Neuerung sind die Kurz-Fragebögen zur aktuellen Stressbelastung, die die Teilnehmenden zu verschiedenen Messzeitpunkten innerhalb sanitätsdienstlicher Trainingsszenarien ausfüllen sollen. Da diese Befragungen zwangsläufig zeitlich versetzt erfolgen müssen und den unmittelbaren Beanspruchungsgrad in einem Trainingsszenario daher möglicherweise nur unzureichend erfassen, sollen sie durch physiologische Messungen ergänzt werden. Psychische Belastungen gehen mit Auslenkungen der Herzfrequenz (HF) und der Herzratenvariabilität (HRV) einher, die sich somit als physiologische Indikatoren psychischer Beanspruchung eignen [1]. Die Praxistauglichkeit von HF- und HRV-Messungen konnte im Rahmen von Felduntersuchungen an Arbeitsplätzen und unter physischer Belastung bereits nachgewiesen werden [32], so dass sie auch im geplanten Forschungsprojekt Anwendung finden sollen.

Alter, Geschlecht, Bildungsniveau, militärische Vorerfahrung und Persönlichkeitstyp (Big Five Inventory 10, BFI-10: [31]) der Teilnehmenden sollen einmalig zu t1 erhoben werden und als Kovariaten in die Datenanalysen eingehen.


 

Kernaussagen

  • Der Einsatz ist mit enormen psychischen Belastungen verbunden, denen Soldatinnen und Soldaten widerstehen müssen, um einsatzfähig und gesund zu bleiben.
  • Operativ eingesetztes Sanitätspersonal kann – nach geeigneter Ausbildung – eine Schlüsselrolle bei der Erhaltung und Steigerung der individuellen Resilienz spielen.
  • Das im Rahmen der NATO-Unterstützung für die Ukraine entwickelte Operational Resilience Training (ORT) vermittelt Sanitätspersonal Stressmanagementtechniken für die Selbst- und Kameradenhilfe und hat sich bereits im Einsatz für die ukrainischen Streitkräfte bewährt.
  • Im Sonderforschungsprojekt ORT-Bw untersucht das InstPrävMedBw ab Ende 2026 wie das ORT in die bundeswehreigene Combat-Medic-Ausbildung integriert werden kann.
  • Ziel von ORT-Bw ist es, den Ausbildungskatalog der Bundeswehr um ein einsatzerprobtes Trainingskonzept zur Resilienzsteigerung für die LV/BV in allen Truppenteilen zu ergänzen.

Fazit

„Die Erfahrungen der Ukraine auf dem Gefechtsfeld sind für uns von allerhöchstem Wert“, so Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius im Juli 2026 [11].

Wenn es darum geht, welche Lehren die Bundeswehr aus dem Ukrainekrieg ziehen kann, werden häufig technische Innovationen aus dem Bereich des Drohnenkampfs oder der elektronischen Kriegsführung genannt. Die deutsche Militärhilfe für die Ukraine umfasst aber nicht nur Waffen und Gerät, sondern auch den Bereich der Ausbildung, sodass hier ebenfalls wertvolle Erkenntnisse aus den Erfahrungen der ukrainischen Streitkräfte geschöpft werden können.

Zurzeit durchlaufen alle ukrainischen Militärangehörigen, die in Deutschland zum Platoon Combat Medic ausgebildet werden, ein Operatives Resilienztraining (ORT), das sie widerstandsfähiger gegen die enormen mentalen Belastungen des modernen Abwehrkampfs machen soll. Erste Evaluationsergebnisse sowie Berichte von Frontrückkehrenden zeigen, dass das Training nicht nur effektiv ist, sondern auch so gut von den Trainingsteilnehmenden angenommen wird, dass sie innerhalb ihrer Einheiten die Rolle von Multiplikatoren übernehmen und Trainingsinhalte weiterverbreiten [7][28][29].

Im Sonderforschungsprojekt ORT-Bw untersucht das InstPrävMedBw ab Ende 2026, inwieweit sich dieses operative Resilienztraining auch für die Ausbildung von bundeswehreigenem Sanitätspersonal eignet. Bei erfolgreicher Adaptation und Erprobung von ORT-Bw, könnte der Ausbildungskatalog so um ein einsatzerprobtes Trainingskonzept zur Resilienzsteigerung für die LV/BV ergänzt werden, von dem langfristig nicht nur das Sanitätspersonal der Bundeswehr profitieren würde.

Interessenkonflikt

In Bezug auf die Erstellung dieses Manuskripts liegen keinerlei Interessenkonflikte vor.

Literatur

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  38. Wittchen HU, Schönfeld S, Kirschbaum C, et al. Traumatic experiences and posttraumatic stress disorder in soldiers following deployment abroad:How big is the hidden problem? Dtsch Arztebl Int 2012;109(35-36):559-568. mehr lesen
  39. Witzki A, Küper K, Nagler-Nitzschner U, Hoffmann MA Empirische Untersuchung zu psychischen Einflussfaktoren auf Befinden und Leistung von Rekrutinnen und Rekruten in der Grundausbildung (ReGA). (Unveröffentlichter Bericht);2025.
  40. YNSIDE:Im Gefecht zurück zur Handlungsfähigkeit. 2025 [letzter Zugriff 18. Juli 2025]. Verfügbar unter:https://ynside.extranet-bw.de/de/rund-um-dienst/einsatz/waehrend-des-einsatzes/psychische-ueberlastungsreaktionen.(nicht öffentlich zugänglich)

Manuskriptdaten

Zitierweise

Küper K, Witzki A, Jaekel R, Graß S, Hoffmann MA. Operational Resilience Training – Ein für die Ukraine entwickeltes operatives Resilienztraining als Option für die Bundeswehr? WMM 2026;70(11):527-533.

DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-992

Für die Verfasser

Oberregierungsrätin Dr. Kristina Küper

Fachbereich A3 – Psychische Leistungsfähigkeit

Abteilung A – Gesundheits- und Leistungsförderung, Koblenz

Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr, Andernach

Aktienstrasse 87, 56626 Andernach

E-Mail: InstPraevMedBwA3@bundeswehr.org

Manuscript Data

Citation

Küper K, Witzki A, Jaekel R, Graß S, Hoffmann MA. [Operational Resilience Training – A Training Developed for Ukraine as an Option for the Bundeswehr?] WMM 2026;70(11):527-533.

DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-992

For the Authors

Dr. Kristina Küper

Division A3 – Mental Performance

Department A – Health- and Fitness Promotion, Koblenz

Bundeswehr Institute of Preventive Medicine, Andernach

Aktienstrasse 87, D-56626 Andernach

E-Mail: InstPraevMedBwA3@bundeswehr.org


1 Im Folgenden wird der Begriff „Einsatz“, sofern nicht näher spezifiziert, sowohl für den Auslandseinsatz als auch für den Einsatz in der Landes- und Bündnisverteidigung verwendet.

2 B.E.S.S.E.R steht für Binden, Einstehen, Sprechen, Stabilisieren, Enga­gieren und Rückführen und beschreibt die aufeinanderfolgenden Schritte der ersten psychologischen Hilfe bei extremer Belastung und akuten Belastungsreaktionen, wie sie in der Ausbildung vermittelt werden.

3 Die Verfasser danken Dr. Amy Adler, Dr. Haakon Engen und Dr. Andreas Nordstrand für den kollegialen Austausch und die Unterstützung im Rahmen dieses Forschungsprojekts des InstPrävMedBw.

 

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