Entwicklung der Role 2 als erstes chirurgisches Element der Rettungskette in Deutschland und Frankreich – Eine kurze Geschichte der Gemeinsamkeiten, Unterschiede und ein Blick in die Zukunft
Development of Role 2 as the First Surgical Element of the Rescue Chain in Germany and France – A Brief History of Similarities, Differences, and a Look Into the Future
Evolution du rôle 2 comme premier élément chirurgical en Allemagne et en France – Une brève histoire des similitudes, des différences et un aperçu de l’avenir
Fabian Springerb, Tom Lloyd Boismoreaua, Nicholas Andraeb, Marie-Amelie van Landeghema, Jan Philipp Kluweb, Eline Steygera, Alina Rohrbachb, Vincent Ferrer-Moraa, Blanche Chereil de la rivièrea
a École de Santé des Armées (ESA), Bron, France
b Sanitätsakademie der Bundeswehr, München
Zusammenfassung
Die chirurgische Erstversorgung auf auf dem Gefechtsfeld ist seit jeher ein zentraler Aspekt der Militärmedizin. Im letzten Jahrhundert wurden durch die deutschen und französischen Sanitätsdienste bedeutende Fortschritte erzielt, insbesondere in der Entwicklung der Role 2. Diese dient als erste chirurgische Station der Verwundetenversorgung. Die Entwicklung der Role 2 lässt sich bis zum Deutsch-Französischen Krieg (1870–71) zurückverfolgen. Dieser Urvater der früheren langjährigen deutsch-französischen Rivalität verdeutlichte die Notwendigkeit einer professionellen Militärmedizin und legte den Grundstein für lebensrettende Operationen in Schlachtfeldnähe. Hierbei wurde auf vorausgehende Innovationen wie die Ambulance volante (Larrey) sowie die „Wurst“ (Percy) aufgebaut. Im Ersten Weltkrieg entstanden auf französischer Seite mit den „Autochir“-Einheiten („ambulance chirurgicale automobile“) mobile chirurgische Gruppen, während Deutschland feste Transportpunkte nutzte. Der Zweite Weltkrieg führte zur Verfeinerung dieser Einheiten, etwa durch die „Ambulance chirurgicale“ des französischen Militärs. Die Sanitätsstruktur der deutschen Wehrmacht war der modernen Role 2 bereits sehr ähnlich. Während des Kalten Krieges lag der Fokus der sanitätsdienstlichen Versorgung auf der Reduzierung der Opferzahlen in potenziellen Großkonflikten. Die deutsche Sanitätsstruktur baute auf den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs auf, während die französischen Dienste sich an die Erfordernisse postkolonialer Konflikte anpassten.
Die modernen asymmetrischen Konflikte in Irak, Afghanistan und Mali führten zu einer signifikanten Weiterentwicklung. Die Formalisierung der Role 2 führte zu einer hohen Professionalisierung und ermöglichte umfassende chirurgische Eingriffe im Sinne der Damage Control Surgery. Die NATO-Standardisierung brachte viele Gemeinsamkeiten zwischen deutschen und französischen Role-2-Einrichtungen, obwohl Unterschiede bei Technologie und Einsatzszenarien bestehen. Die aktuelle Diskussion dreht sich um die Balance zwischen Mobilität, Anpassungsfähigkeit und Autarkie bei stationären Role-2-Einrichtungen.
Schlüsselwörter: Geschichte der Wehrmedizin, Role 2, Entwicklung, Notfallchirurgische Erstversorgung
Abstract Francais
Les premiers soins chirurgicaux sur les champs de bataille ont toujours été un aspect central de la médecine militaire. Au cours du siècle dernier, des progrès importants ont été réalisés par les services sanitaires français et allemands, notamment dans le développement du rôle 2, qui fait office de premier poste chirurgical de soins aux blessés. Le développement du rôle 2 peut être retracé jusqu’à la guerre franco-allemande (1870–71). Cette rivalité de longue date entre la France et l’Allemagne a mis en évidence la nécessité d’une médecine de combat professionnelle et a jeté les bases d’opérations de sauvetage plus proches du champ de bataille.
La Première Guerre mondiale a vu naître du côté français les unités « autochir » (ambulance chirurgicale automobile), des groupes chirurgicaux mobiles, tandis que l’Allemagne utilisait des points de transport fixes. La Seconde Guerre mondiale a permis d’affiner ces unités, notamment grâce à l’ambulance chirurgicale de l’armée française. La structure sanitaire de l’armée allemande était déjà très proche du rôle 2 moderne. Pendant la guerre froide, les services de santé se concentraient sur la réduction du nombre de victimes dans les conflits majeurs potentiels. La structure sanitaire allemande s’appuyait sur l’expérience de la Seconde Guerre mondiale, tandis que les services français s’adaptaient aux exigences des conflits postcoloniaux.
Les conflits asymétriques modernes en Irak, en Afghanistan et au Mali ont entraîné une évolution significative. La formalisation du rôle 2 a conduit à une grande professionnalisation et permet de mener des opérations globales de réduction des risques. La standardisation de l’OTAN a apporté de nombreux points communs entre les dispositifs français et allemands du rôle 2, bien qu’il existe des différences en matière de technologie et de scénarios d’intervention. Le débat actuel porte sur l’équilibre entre la mobilité, l’adaptabilité et l’autosuffisance des dispositifs fixes de rôle 2.
Mots-clés: historique de la médecine de défense, rôle 2, développement, soins chirurgicaux d’urgence
English Summary
The surgical initial care on battlefields has always been a central aspect of military medicine. In the last century, significant advancements were made by the German and French medical services, particularly in the development of the Role 2. The role 2 serves as the first surgical element for treating the wounded. The development of Role 2 can be traced back to the Franco-Prussian War (1870–71). This progenitor of the long-standing German-French rivalry highlighted the need for professional military medicine and laid the groundwork for life-saving operations near the battlefield. Prior innovations, such as the Ambulance volante (Larrey) and the «Wurst» (Percy), were built upon. In World War I, French «autochir» units (ambulance chirurgicale automobile) emerged – mobile surgical groups – while Germany used fixed transportation points. World War II led to the refinement of these units, for example, through the «Ambulance chirurgicale» of the French military. The medical structure of the German Wehrmacht was already very similar to the modern Role 2. During the Cold War, the focus of medical care was on reducing casualties in potential large-scale conflicts. The German medical structure was built upon the experiences of World War II, while the French services adapted to the requirements of post-colonial conflicts.
The modern asymmetric conflicts in Iraq, Afghanistan, and Mali resulted in significant further development. The formalization of Role 2 led to a high degree of professionalism, enabling comprehensive surgical interventions, including Damage Control Surgery. NATO standardization brought many commonalities between German and French Role 2 facilities, despite differences in technology and operational scenarios. The current discussion revolves around the balance between mobility, adaptability, and autonomy in stationary Role 2 facilities.
Keywords: history of military medicine; role 2; development; emergency surgical first aid
Einleitung
Die moderne sanitätsdienstliche Rettungskette in den NATO-Streitkräften ist in mehrere Behandlungsebenen unterteilt. Diese Behandlungsebenen sind vom NATO Standardization Office (2019) eindeutig definiert und werden auf Englisch als „Role“ bezeichnet [16]. Jeder dieser Abschnitte stellt eine bestimmte Stufe medizinischer Behandlungsmöglichkeiten dar, um den unterschiedlichen Anforderungen und der Komplexität militärmedizinischer Umstände gerecht zu werden (Abbildung 1). Die Erstversorgung Verwundeter erfolgt unmittelbar, in Abhängigkeit von der Intensität des Gefechts, durch Kameraden und Kameradinnen im Rahmen der sanitätsdienstlichen Ausbildung aller Truppen (Ersthelfer) [2][16][17]. Direkt im Anschluss steht in der Behandlungsebene 1 die medizinische Erstversorgung. Hierbei erfolgen in mobilen sanitätsdienstlichen Einrichtungen die Sichtung der Verwundeten, die Schock- und Schmerzbekämpfung sowie die blutstillenden Maßnahmen durch medizinisches Fachpersonal [16][17].
Abb. 1: Rettungskette innerhalb der Bundeswehr:
Bei einer Verwundung auf dem Gefechtsfeld erfolgt die Erstversorgung im Rahmen der Selbst- und Kameradenhilfe. In der anschließenden Behandlungsebene 1 erfolgen notfallmedizinische Versorgung und Stabilisierung. Die Behandlungsebene 2 stellt den Punkt der ersten notfallchirurgischen Versorgung dar. Die Entwicklung moderner Waffen mit hoher Splitter- und Explosionswirkung hat zu dieser Entwicklung geführt.
Die Behandlungsebenen 3 und 4 umfassen die abschließende medizinische Versorgung und Rehabilitation der Verwundeten.
(Bildquelle: Bundeswehr/PIZ UstgBer)
Die Behandlungsebene 2 bietet die erste notfallchirurgische Versorgung. Gemäß AJP-4.10 NATO Medical Support Doctrine ist die moderne Role 2 definiert als
“… a structure capable of the reception and triage of casualties, as well as being able to perform resuscitation and treatment of shock to a higher level than Role 1. It will routinely include DCS and may include a limited holding facility for a short term holding of casualties until they can be returned to duty or evacuated.” [16].
In der Folge werden auf der Behandlungsebene 2 primäre Stabilisierung schwerstverletzter bzw. polytraumatisierter Patienten sowie Damage-Control-Surgery (DCS) durchgeführt [16][17]. Der ursprüngliche Verzicht auf weiterführende Operationen führt zu einer Minimierung des Risikos sekundärer Operationstraumata. Dies trägt zur Erhöhung der Überlebensrate der Patienten bei.
Die dritte Behandlungsebene umfasst die klinische Akutversorgung, die im Rahmen eines Einsatzes zur Verfügung steht, um umfassende und spezialisierte medizinische Betreuung sicherzustellen. In der Role 4 oder Behandlungsebene 4 erfolgt die abschließende klinische Versorgung des Patienten nach einer Verlegung aus dem Kampfgebiet in den rückwärtigen Raum oder im Falle eines mandatierten Einsatzes einer Repatriierung und der weiteren Versorgung in einer entsprechend ausgerüsteten stationären Einrichtung [16][17]. Doch diese moderne Rettungskette musste sich erst, getrieben von den Herausforderungen und Konflikten des 19. und 20. Jahrhunderts, entwickeln.
Methode
In einem gemeinsamen militärhistorischen Projekt von französischen und deutschen Sanitätsoffizieranwärterinnen und -anwärtern unterschiedlicher Approbationsrichtungen wurde die Entwicklung der Role 2 in der Rettungskette der Streitkräfte als Ort der ersten chirurgischen Intervention beleuchtet. Zur Beantwortung der Forschungsfrage dieses binationalen medizinisch-militärhistorischen Projekts wurden sowohl Primär- als auch Sekundärquellen herangezogen, um eine fundierte Analyse der historischen Entwicklungen im militärischen Kontext vorzunehmen.
Zuerst erfolgte die Sichtung der Primärquellen, die über die Abteilung Geschichte der Wehrmedizin und Medizinethik sowie über die École de Santé des Armées als digitale Kopien der Originaldokumente zur Verfügung gestellt wurden. Ergänzend wurden auf deutscher Seite Lehrfilme sowie auf französischer Seite Vorschriften herangezogen. Die Primärquellen wurden gesichtet, kategorisiert und bewertet.
Neben den Primärquellen wurden Sekundärquellen herangezogen, um bereits bestehende Forschungsergebnisse zu berücksichtigen. Diese umfassten wissenschaftliche Artikel, Bücher und Dissertationen. Die Recherche nach relevanter Sekundärliteratur erfolgte in wissenschaftlichen Datenbanken und Online-Ressourcen. Als Auswahlkriterien wurden Aktualität, Methodik und inhaltlicher Aufbau festgelegt.
Nach einer kritischen Analyse der Quellen erfolgte die Integration der Daten aus Primär- und Sekundärquellen. Dieser Schritt umfasste den Vergleich beider Quellarten, um Übereinstimmungen und Diskrepanzen zu identifizieren. Die Synthese der Ergebnisse ermöglichte umfassende und fundierte Schlussfolgerungen. Eine gesonderte ethische Überlegung und eine erweiterte Quellenkritik wurden nur im Rahmen der ersten Analyse durchgeführt. Dies wirkt sich limitierend auf die Ergebnisse aus und führt zu einem möglichen Bias.
Ergebnisse und Diskussion
Die Entwicklung bis 1918
Als Ausgangspunkt der Entwicklung der militärmedizinischen Versorgung hin zu einer modernen sanitätsdienstlichen Versorgung auf dem Gefechtsfeld kann der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 betrachtet werden [11][15]. Das Militär des Norddeutschen Bundes sowie der durch Schutz- und Trutzbündnisse mit Preußen gebundenen süddeutschen Staaten hatte bereits eine grundlegende Rettungskette mit Militärärzten und Mitarbeitern des Roten Kreuzes eingerichtet [14]. Diese wegweisende Entwicklung kann als Folge des Deutschen Krieges von 1866 betrachtet werden. Dennoch hatte das sogenannte Sanitätskorps innerhalb der deutschen Armeen noch bis 1873 keine einheitliche Dienstorganisation [11][14]. Auf französischer Seite machten ein noch weitestgehend fehlendes Organisationssystem, nicht-standardisiertes Wissen und Ausrüstung sowie die noch vergleichsweise geringe Bekanntheit des Roten Kreuzes den dringenden Reformbedarf deutlich [13]. Auf beiden Seiten wurde deutlich, dass die Entwicklung und Zentralisierung der bestehenden medizinischen Versorgung weiterentwickelt werden mussten.
Nach dem Deutsch-Französischen Krieg führte insbesondere die Reform des Etappenwesens 1872 auf deutscher Seite zu einer Verbesserung und Vereinheitlichung der Verwundetenversorgung, da im Kriegsfall nun alle in fachlicher Instanz eingesetzten Kräfte des Militärsanitätswesens dem Generalstabsarzt der preußischen Armee unterstanden [11]. Zudem verfügte ab 1906 jede der bis dahin 4 Armee-Inspektionen im Deutschen Kaiserreich über eine eigene Sanitätsbehörde [11]. Auf französischer Seite kam es in dieser Zeit nur zu wenigen Neuerungen. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 und der erstmalige umfassende Einsatz moderner Artillerie sowie automatischer Waffen führten allerdings für beide Seiten zu einem kaum zu bewältigenden Verwundetenaufkommen. Ebenso veränderten sich die Verletzungsmuster durch den Einsatz immer leistungsfähigerer neuer Waffen hin zu einem Anstieg der Amputations- und Splitterverletzungen [11][18].
Abb. 2: Einsatz vorgeschobener chirurgischer Elemente im Ersten Weltkrieg:
Die Rettungsketten während des Ersten Weltkriegs auf deutscher und französischer Seite waren stark an die jeweiligen militärischen Strukturen angepasst. Aufgrund der hohen Verluste wurde erstmals eine mobile vorgeschobene chirurgische Einheit, sogenannte „Autochir“, im französischen Militär eingeführt [13]. Das deutsche Sanitätskorps nutzte größtenteils feste Truppenverbandsplätze und Transportpunkte (Eigene Abbildung).
Die Entwicklung bis zum Ende des 2. Weltkriegs
Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs im November 1918 und den Bestimmungen des Versailler Vertrages (Artikel 159 bis 213) wurde festgelegt, dass sich Deutschland, „um den Anfang einer allgemeinen Beschränkung der Rüstungen aller Nationen zu ermöglichen“, zu einer Reduktion seiner Armee auf 100 000 Soldaten verpflichtet [9]. In der Folge kam es auf deutscher wie auf französischer Seite zu keinen weiteren Sprunginnovationen im Bereich der chirurgischen Erstversorgung.
Ab Beginn des Zweiten Weltkriegs nutzten die französische Armee sowie die Streitkräfte des Freien Frankreichs motorisierte mobile Einheiten, sogenannte „Ambulance chirurgicale“, als Role 2. Diese basierten auf einem verbesserten „Autochir“-Modell und waren an die Gegebenheiten des Bewegungskriegs angepasst. Sie können als französischer Vorläufer der Role 2 angesehen werden [13]. Nach der Operation Torch, der Landung alliierter Truppen in Französisch-Nordafrika im November 1942, erhielten die Streitkräfte des Freien Frankreichs unter General de Gaulle zunehmend amerikanische Ausrüstung und passten ihre Doktrin dem US-Modell an [5][13].
Die deutsche Wehrmacht setzte bereits seit dem völkerrechtswidrigen Überfall auf Polen 1939 eine Struktur ein, die der heutigen sehr ähnlich war. So verfügte jede Division über zwei „Hauptverbandsplätze“, die über jeweils zwei Operationsgruppen verfügten und pro Tag Kapazität für 25 Schwerverletzte hatten. Die Sanitätstruppe der Wehrmacht verwendete auch mobile Operationssäle, sogenannte Feld-Operationswagen, die auf Kleinbussen montiert waren und gute Ergebnisse lieferten (Abbildung 3) [4][10].
Abb. 3: Mobiler deutscher Feld-Operationswagen:
Die Einheit ist mit einer französischen Ambulance chirurgicale vergleichbar. Beide Ansätze sind Modifikationen bereits etablierter Militärfahrzeuge mit unterschiedlichen Aufsätzen, um die Anzahl der benötigten Wartungsteile zu minimieren (Bild: Sammlung Holger Erdmann).
Entwicklung zu heutigen Strukturen
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland wurde diese in das Sicherheitssystem der Westalliierten, die North Atlantic Treaty Organisation (NATO), integriert. Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) wurde mit ihren Streitkräften in den Warschauer Pakt aufgenommen. Die Aufgabe der Role 2 während des Kalten Krieges war von der Idee geprägt, die Zahl der Opfer bei einer möglichen konventionellen Konfrontation zwischen den Blöcken zu begrenzen [19]. Während sich die deutsche Struktur hauptsächlich an den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs orientierte, musste sich der französische Sanitätsdienst an die Bedürfnisse von Konflikten und Kriegen in den Kolonien, etwa im Indochinakrieg, anpassen. Eine der bedeutendsten Entwicklungen des Indochinakrieges in sanitätsdienstlicher Hinsicht waren die „Antennes Chirurgicales Parachutistes“ (ACP), vergleichbar mit einem Forward Surgical Element. Diese waren luftverlegbar und konnten die chirurgische Erstversorgung samt Sterilisation bereitstellen, wobei bestehende Infrastrukturen genutzt werden konnten. Die französische Armee stellte sich damit auf die schlechte Zugänglichkeit des bergigen Dschungels im Einsatzgebiet und auf schnelle Lageänderungen ein. Gleichzeitig erschwerte die effektive feindliche Flugabwehr den schnellen Abtransport der Patienten. Das ACP war mit zwei Chirurgen, einem Anästhesisten, zwei Krankenschwestern, einem Instrumenteur und drei Sanitätssoldaten besetzt. So konnten mit langer Durchhaltefähigkeit und begrenzter Haltekapazität für Patienten lebensrettende Operationen aus dem Repertoire der DCS durchgeführt werden [1][6].
Die neu gegründete Bundeswehr orientierte sich weiterhin an den Lehren des Zweiten Weltkriegs. Die Organisationsstrukturen der deutschen Sanitätstruppe wurden modernisiert und sowohl an den technischen als auch an den medizinischen Fortschritt angepasst. So behielt der bereits im Ersten Weltkrieg etablierte Hauptverbandplatz seine Funktion als Ort des ersten chirurgischen Kontakts und wurde als zeltgestützte verlegbare Einheit konzipiert, welche in der Lage ist, der kämpfenden Truppe bei ihrem Auftrag zu folgen. Aufgrund des Fehlens groß angelegter Einsätze oder Konflikte wurden jedoch nur vergleichsweise geringe Verbesserungen vorgenommen [3].
Jüngste Konflikte wie der Irak- und Afghanistankrieg sowie die Operationen in Mali zwangen die medizinischen Dienste, sich an die Realität hochintensiver Konfrontationen in unterschiedlichen Umgebungen anzupassen. Zum ersten Mal wurden die sogenannten „Rollen“, wie sie heute genutzt werden, in der AJP-4.10 NATO MEDICAL SUPPORT DOCTRINE definiert [16]. Die Feldchirurgie der Weltkriege als Punkt des „ersten chirurgischen Kontakts“, den wir aus der Geschichte kennen, entwickelte sich durch fortwährende Innovation auf medizinischer und auch militärischer Seite zur Role 2 [6]. Um eine DCS innerhalb von 2 Stunden nach der Verletzung durchführen zu können, musste die Einbindung geschulten medizinischen Personals und fortschrittlicher Technologie auf einer leicht transportierbaren Basis entwickelt werden. So haben die aktuelle Entwicklung im Rahmen gemeinsamer Stabilisierungseinsätze und die von der NATO eingeführte Standardisierung zu vielen Ähnlichkeiten zwischen der deutschen und der französischen Role 2 geführt [1][3][6]. Die Zusammenarbeit und der Wissensaustausch unter den beteiligten Nationen sind dabei militärische Schlüsselfaktoren [16].
Der genaue Ablauf der Rettungskette, die verwendeten Transportmittel sowie die Auswahl einer geeigneten Role-2-Versorgungseinrichtung hängen stark vom spezifischen Einsatzort und den dort herrschenden Einsatzbedingungen ab. Für einen flexiblen und effektiven Einsatz müssen ausreichend ausgebildetes und einsatzbereites Personal, geeignete Patiententransportmittel sowie passende Behandlungseinrichtungen bereitgestellt werden [3][16].
Trotz aller Anpassungen und Gemeinsamkeiten zwischen dem deutschen und dem französischen Verständnis einer Role 2 bestehen weiterhin Unterschiede, insbesondere auf technischer Ebene und im Hinblick auf das vorgesehene Einsatzszenario (Abbildung 4).
Abb. 4: Gegenüberstellung aktueller Konzepte der Role 2 auf deutscher und französischer Seite:
Die Darstellung und Leistungsübersichten verdeutlichen das geistige Erbe und den Auftragshintergrund sowie den individuellen Ansatz der beiden Nationen, der trotz der Standardisierung durch die NATO in den individuellen Einsatzdoktrinen festgehalten ist. So sind die französischen Konzepte leichter und schneller verladbar, wohingegen die deutschen Konzepte über einen größeren Umfang sowie längere Durchhaltefähigkeit verfügen.
(Bildquelle: (A und B) erstellt mit ChatGPT/OpenAI 2025, (C und D) Bundeswehr)
Fazit
Im Rahmen der Evolution der Role 2 war einer der wichtigsten Schritte, die Bedeutung einer qualitativ hochwertigen medizinischen Versorgung in unmittelbarer Nähe der Verletzungsstelle zu erkennen und Forward Surgical Elements für eine bedarfsgerechte Versorgung auszubringen. Diese Lehre haben sowohl Deutschland als auch Frankreich aus der Vergangenheit gezogen und ihre eigenen Ideen konsequent weiterentwickelt. Die aktuelle Diskussion dreht sich um die Balance zwischen Mobilität, Anpassungsfähigkeit und Autarkie bei stationären Role 2-Einrichtungen.
In den jüngsten Konflikten wie etwa dem Ukrainekrieg kehrt nach Mitteilungen des ukrainischen Verteidigungsministeriums dank adäquater medizinischer Versorgung ein hoher Prozentsatz verwundeter Soldaten und Soldatinnen nach nach der Genesung an die Front zurück [7][8].
Literatur
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Kernaussagen
- Die von der NATO eingeführte Standardisierung hat zu vielen Gemeinsamkeiten zwischen der deutschen und der französischen Role 2 geführt.
- Dennoch bestehen weiterhin Unterschiede, insbesondere auf technischer Ebene und in Bezug auf das vorgesehene Einsatzszenario.
- Die genannten Konflikte zeigen die Bedeutung einer qualitativ hochwertigen medizinischen Versorgung in unmittelbarer Nähe der Verletzungsstelle.
- In den jüngsten Konflikten kehrt ein hoher Prozentsatz verwundeter Soldaten an die Front zurück und kämpft weiter, nachdem sie ausreichend medizinisch versorgt wurden.
- Die Diskussion über Mobilität und Anpassungsfähigkeit sowie eine dauerhaftere und autarkere stationäre Role 2 muss weitergeführt werden.
Manuskriptdaten
Zitierweise
Springer F, Boismoreau TL, Andrae N, van Landeghem MA, Kluwe JP, Steyger E, Rohrbach A, Ferrer-Mora V, Chereil de la rivière B.. Entwicklung der Role 2 als erstes chirurgisches Element der Rettungskette in Deutschland und Frankreich – Eine kurze Geschichte der Gemeinsamkeiten, Unterschiede und ein Blick in die Zukunft. WMM 2026;70(4):178-183.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-813
Für die Verfasser
Stabsapotheker Dipl.-Pharm. Fabian Springer
Institut für Pharmakologie und Toxikologie,
Sanitätsakademie
Neuherbergstr. 11, 80937 München
E-Mail: fabian1springer@bundeswehr.org
Manuscript Data
Citation
Springer F, Boismoreau TL, Andrae N, van Landeghem MA, Kluwe JP, Steyger E, Rohrbach A, Ferrer-Mora V, Chereil de la rivière B. [Development of Role 2 as the First Surgical Element of the Rescue Chain in Germany and France – A Brief History of Similarities, Differences, and a Look Into the Future]. WMM 2026;70(4):178-183.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-813
For the Authors
Captain (MC) Dipl.-Pharm. Fabian Springer
Bundeswehr Institute of Pharmacology and Toxicology
Bundeswehr Medical Academy
Neuherbergstr. 11, D-80937 München
E-Mail: fabian1springer@bundeswehr.org
Zum Ruhestand von Oberstarzt Professor Dr. med. habil. Erwin Kollig
Ein Leben im Dienst am Menschen – „Chirurgie ist so einfach.“
Stefanie Pavlua, Patricia Gerlacha, Sebastian Hentscha, Florian Pavlua, Dan Bielera
a Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie, Wiederherstellungs- und Handchirurgie, Verbrennungsmedizin des Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz
Wenn man dem Klinikdirektor der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie, Wiederherstellungs- und Handchirurgie, Verbrennungsmedizin des Bundeswehrzentralkrankenhauses Koblenz bei der Arbeit im Operationssaal zuschaut, könnte man auf die Idee kommen, dass Chirurgie tatsächlich einfach ist (Abbildung 1). Schneiden, Präparieren, Reponieren und Stabilisieren gehen Oberstarzt Professor Dr. E.W. Kollig anscheinend mühelos von der Hand. Im Anschluss an besonders gelungene Manöver sagt er häufig lakonisch: „Gar nicht so schlecht für meine Verhältnisse“ oder „Chirurgie ist so einfach“.
Abb. 1: Oberstarzt Professor Dr. Kollig bei der Arbeit
Dabei wird möglicherweise übersehen, dass diese scheinbare Leichtigkeit das Ergebnis jahrzehntelanger Erfahrung ist. Sie beruht auf außergewöhnlichem Durchhaltevermögen und auf chirurgischem Wissen, das weit über jedes Lehrbuch hinausgeht. Es ist eine Expertise, gewachsen aus unzähligen Eingriffen, kritischen Situationen, schwierigen Entscheidungen und der Bereitschaft, die Initiative zu übernehmen, insbesondere dort, wo andere an Grenzen stoßen oder Verantwortung scheuen.
Geboren am 19. Dezember 1960 in Selters im Westerwald, begann Oberstarzt Professor Dr. med. E. W. Kollig seinen medizinischen Weg im Jahr 1980 mit dem Studium der Humanmedizin an der Ruhr-Universität Bochum, wo er die Vorklinik absolvierte. Den klinischen Studienabschnitt setzte er an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn fort und schloss das Studium 1986 mit der Approbation als Arzt ab. Seine wissenschaftliche Neugier und analytische Herangehensweise führten 1988 zur Promotion an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz mit dem Titel: „Die operative Versorgung der Ruptur und Insuffizienz des lateralen Bandapparates am oberen Sprunggelenk durch Bandnaht und Bandplastik“.
Die Jahre 1987 bis 1989, in denen Oberstarzt Professor Dr. med. E. W. Kollig seinen Dienst als Truppenarzt an der Internationalen Fernspähschule in Weingarten leistete, prägten sein ärztliches und soldatisches Selbstverständnis nachhaltig. Der damalige Kommandeur Oberstleutnant K.-D. Wendeborn ließ den damaligen Stabsarzt E.W. Kollig mit Erfolg zu einem Fallschirmspringer, sowohl für automatisches als auch für manuelles Springen, sowie zu einem Einzelkämpfer ausbilden, was für einen Truppenarzt keine Selbstverständlichkeit ist. Entsprechende Abzeichen trägt Oberstarzt Professor Dr. med. E. W. Kollig bis heute mit Stolz. Im Rahmen seiner Truppenarztzeit war er maßgeblich an der Konzeption und inhaltlichen Ausgestaltung der ersten Medic-Lehrgänge an der Internationalen Fernspähschule beteiligt, eine Ausbildung, die für heutige moderne Spezialkräfte nicht mehr wegzudenken ist. Hier verbanden sich medizinische Verantwortung, militärische Führungsaufgaben und die Notwendigkeit rascher, fundierter Entscheidungen unter besonderen Rahmenbedingungen – Elemente, die sein späteres Wirken im Sanitätsdienst der Bundeswehr maßgeblich beeinflussten. Soldatische Werte wie Integrität, Loyalität und Einsatzbereitschaft sind für ihn Grundsätze. „Führen durch Vorbild“ wird von Oberstarzt Professor Dr. med. E. W. Kollig nicht nur tagtäglich vorgelebt, sondern auch konsequent und glaubwürdig verkörpert (Abbildung 2).
Abb. 2: Oberstarzt Prof. Dr. Kollig (Bildquelle: Abt. Unfallchirurgie, BwZKrhs Koblenz).
Seine chirurgische Weiterbildung begann Oberstarzt Professor Dr. med. E.W. Kollig 1989 in der Abteilung für Unfallchirurgie und Verbrennungsmedizin am Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz unter Oberstarzt Dr. med. H.-L. Klammer. Es folgten weitere prägende Stationen am Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart, an den Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken Wiesbaden sowie an der Chirurgischen Klinik des St. Josef-Hospitals der Ruhr-Universität Bochum. In diesen Jahren entwickelte er ein breites chirurgisches Fundament und eine klare fachliche Ausrichtung auf die Unfallchirurgie, die Handchirurgie und die rekonstruktive Chirurgie – Disziplinen, in denen Präzision, vorausschauendes Denken und handwerkliches Geschick untrennbar miteinander verbunden sind.
Mit der Gebietsbezeichnung Chirurgie im Jahr 1996 sowie der Tätigkeit am BG Universitätsklinikum Bergmannsheil Bochum vertiefte Oberstarzt Professor Dr. med. E. W. Kollig seine Expertise in der Schwerverletztenversorgung. Damaliger Direktor war Professor Dr. med. G. Muhr, der für seine Durchsetzungsstärke und sein breites chirurgisches Spektrum bekannt war und eine der erfolgreichsten chirurgischen Schulen des 20. Jahrhunderts leitete. Professor Muhr prägte nicht nur Oberstarzt Professor Dr. med. E. W. Kollig, sondern eine ganze Generation von Unfallchirurgen dieser Zeit. Viele seiner Schüler übernahmen später als Ordinarien führende Positionen in unfallchirurgischen Kliniken. In Bochum lernte Oberstarzt Professor Dr. med. E. W. Kollig unter anderem seinen langjährigen Wegbegleiter, Oberstarzt Dr. med. S. Hentsch, kennen, der bis heute Sektionsleiter der Orthopädie im Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz ist.
Bereits 1997 folgten für Oberstarzt Professor Dr. med. E. W. Kollig die Schwerpunktbezeichnung Unfallchirurgie sowie die Ernennung zum Oberarzt – ein Ausdruck der Anerkennung seiner fachlichen Kompetenz, seiner Führungsqualitäten und seines chirurgischen Geschicks.
Ein weiterer entscheidender Schritt in seiner Laufbahn war die Ernennung zum Chefarzt der Abteilung für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am St. Nikolaus-Stiftshospital Andernach im Jahr 2002. Hier übernahm Oberstarzt Professor Dr. med. E. W. Kollig die umfassende medizinische, personelle und strukturelle Verantwortung für eine chirurgische Abteilung.
Im Jahr 2003 kehrte er an das Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz zurück, wo er als Abteilungsleiter XIV für Unfallchirurgie, Hand- und Wiederherstellungschirurgie sowie Verbrennungsmedizin sein Wirken begann. Nach der Zusammenlegung der Kliniken für Unfallchirurgie und Orthopädie im Jahre 2008 prägte er als Direktor auch die neu entstandene Klinik nachhaltig und mit klarer Strategie.
Unter seiner Leitung entwickelte sich die Klinik zu einer überregional anerkannten Einrichtung, die sowohl der zivilen als auch der militärischen Versorgung auf höchstem Niveau gerecht wird, und entwickelte ein chirurgisches Spektrum, welches weite Anerkennung genießt.
Seinem Wirken ist es maßgeblich zu verdanken, dass das Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz seit 2015 gemeinsam mit allen beteiligten Fachabteilungen und Kliniken als überregionales Traumazentrum der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie zertifiziert ist. Zudem besteht seit 2014 die Zulassung zur Teilnahme am Schwerstverletztenartenverfahren (SAV) der gesetzlichen Unfallversicherung. Die Teilnahme am Trauma-Register der DGU wurde ab 2007 umgesetzt. In seiner jahrzehntelangen Laufbahn hat Professor Dr. med. E.W. Kollig Maßstäbe in der Traumatologie und Unfallchirurgie am Bundeswehrzentralkrankenhaus gesetzt – stets im Spannungsfeld zwischen medizinischer Präzision und militärischer Realität.
Als Sanitätsoffizier und Klinikdirektor setzte sich Oberstarzt Professor Dr. med. E.W. Kollig mit außergewöhnlichem Engagement für die Versorgung verletzter Soldatinnen und Soldaten ein. Dies galt gleichermaßen für die klinische Versorgung in der Heimat am Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz wie auch für zahlreiche anspruchsvolle Auslandseinsätze. Insgesamt nahm er an acht Auslandseinsätzen in Afghanistan sowie jeweils an einem Einsatz im Irak und in Mali teil. Gerade in diesen Einsätzen zeigte sich seine Fähigkeit, unter extremen Bedingungen ruhig, strukturiert und verantwortungsbewusst zu handeln – Eigenschaften, die ihn als Militärchirurgen in besonderer Weise auszeichnen.
Parallel zu seiner klinischen Tätigkeit blieb Professor Dr. med. E.W. Kollig der akademischen Medizin eng verbunden. 2003 erhielt er die Venia legendi für das Fach Chirurgie an der Ruhr-Universität Bochum, 2013 folgte die Umhabilitation an den Fachbereich Medizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Damit schlug er die Brücke zwischen universitärer Lehre, wissenschaftlicher Arbeit und klinischer Praxis. Seine Lehrtätigkeit war stets geprägt von Klarheit, Ehrlichkeit, Struktur und dem Anspruch, ärztliche Verantwortung nicht nur fachlich, sondern auch ethisch zu vermitteln. Seine Lehrveranstaltungen zur Militärchirurgie haben regelmäßig die Hörsäle gefüllt. Ihm war es stets ein zentrales Anliegen, evidenzbasierte Medizin mit klinischer Erfahrung zu verbinden. Besonders hervorzuheben ist seine nationale wie internationale Expertise in der Pathophysiologie und Behandlung von Schuss- und Explosionsverletzungen, insbesondere an den Extremitäten – von der Akutphase bis hin zur abschließenden komplexen Rekonstruktion. Auf diesem Gebiet steht er wie kaum ein anderer für höchste fachliche Kompetenz und Qualität.
Das außergewöhnlich breite Spektrum seiner fachlichen Qualifikationen – Facharzttitel für Chirurgie, Orthopädie/ Unfallchirurgie und Zusatz- und Schwerpunktbezeichnungen unter anderem in spezielle Unfallchirurgie und chirurgische Intensivmedizin sowie die Zusatzbezeichnung für Handchirurgie, Rettungsmedizin, physikalische Medizin, medizinischer Sachverständiger CPU sowie Röntgendiagnostik – spiegelt seinen Anspruch wider, Medizin ganzheitlich zu denken und kontinuierlich weiterzuentwickeln. Besonders wichtig war ihm dabei stets die Weiterbildung des ärztlichen Nachwuchses. Er bildete Generationen von Sanitätsoffizieren und Militärchirurgen aus, prägte und inspirierte sie. Mit Privatdozent Dr. med. D. Bieler, der seit 2004 durch Oberstarzt Professor Dr. med. E. W. Kollig ausgebildet wurde, darf einer seiner Schüler ihm als zukünftiger Klinikdirektor der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie, Wiederherstellungs- und Handchirurgie, Verbrennungsmedizin des Bundeswehrzentralkrankenhauses Koblenz nachfolgen. Als medizinischer Lehrer und verlässlicher Vorgesetzter vermittelte er neben fachlicher Expertise auch Werte wie Loyalität und Demut – essenziell für die vielfältigen Herausforderungen des Militärmediziners und Militärchirurgen.
Aus Sicht der Ausgebildeten war Oberstarzt Professor Dr. med. E. W. Kollig stets ein verlässlicher Ausbilder sowie ein fordernder, zugleich fördernder Vorgesetzter. Seine klare Haltung, seine hohen fachlichen Ansprüche und seine Bereitschaft, Verantwortung zu übertragen, prägten die ärztliche Ausbildung nachhaltig. Viele von uns verdanken ihm nicht nur wesentliche operative Fertigkeiten, sondern auch ein tiefes Bewusstsein für ärztliche Verantwortung, Entscheidungsstärke, Loyalität und ein soldatisches Selbstverständnis.
Über die eigene Klinik hinaus engagierte sich Oberstarzt Professor Dr. med. E. W. Kollig in vielfältiger Weise. Er ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Fachgesellschaften: Deutsche Gesellschaft für Chirurgie, Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie, Deutschsprachige Arbeitsgemeinschaft für Handchirurgie, Sektion Handchirurgie der DGU, Vereinigung Deutscher Sanitätsoffiziere und Deutsche Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie. Außerdem ist er als Beratender Arzt der Unfallkasse Rheinland-Pfalz, ATLS-Instruktor, TDSC-Instruktor, hoch anerkannter medizinscher Sachverständiger, ständiges Mitglied der Prüfungskommission der Ärztekammer sowie Sprecher des Traumanetzwerks Mittelrhein tätig. Damit leistete er einen wesentlichen Beitrag zur Qualitätssicherung, zur Weiterentwicklung unfallchirurgischer Versorgungsstrukturen, zur Aus- und Weiterbildung neuer Chirurgen sowie zur Vernetzung medizinischer Kompetenz im Rahmen der zivil-militärischen Zusammenarbeit.
Privat ist Oberstarzt Professor Dr. med. E. W. Kollig verheiratet und hat eine Tochter. In seiner Freizeit ist er ein passionierter Jäger und pflegt eine Jagdpacht im Westerwald. Die Jagdpacht wurde zum Austragungsort des jährlichen Sommerfestes, zu dem er seine Klinik einlud. Eine weitere Leidenschaft von Oberstarzt Professor Dr. med. E. W. Kollig ist guter Wein. Denn wie er Johann Wolfgang von Goethe gerne zitiert: „Das Leben ist viel zu kurz, um schlechten Wein zu trinken. “
Mit seinem Eintritt in den Ruhestand verabschiedet sich eine Persönlichkeit, die medizinische Fachkompetenz, militärärztliche Haltung und menschliche Verlässlichkeit in außergewöhnlicher Weise vereinte. Professor Dr. med. E. W. Kollig hat Strukturen geschaffen, Menschen geprägt und Maßstäbe verschoben – in der Klinik, in der Lehre, in der Wehrmedizin und weit darüber hinaus. In besonderer Weise verkörpert er die Verbindung von moderner Hochleistungsmedizin und soldatischer Verantwortung – eine Verbindung, die heute mehr denn je von Bedeutung ist. Sein Wirken wird über den Eintritt in den Ruhestand hinaus sichtbar bleiben – in den von ihm etablierten Strukturen und vor allem in den Menschen, die er ausgebildet, begleitet und inspiriert hat. Für seinen langjährigen Dienst am Menschen, seine Verdienste um die Chirurgie und den Sanitätsdienst der Bundeswehr gebühren ihm Dank, Respekt und höchste Anerkennung. Wir wünschen ihm für den neuen Lebensabschnitt Gesundheit und Zufriedenheit.
„Waidmannsheil!“
Für die Verfasser
Oberstabsarzt Dr. med. S. Pavlu, MHBA
E-Mail: stefanie.pavlu@bundeswehr.org