Weiterentwicklung des Lehrgangs Barrier Nursing: Ein universelles taktisches Prinzip für den Infektionsschutz
Further Development of the Barrier Nursing Course: A Universal Tactical Principle for Infection Control
Henry Schwanebecka, Dorothea Wiemera
a Fachbereich Tropenmedizin und Infektiologie, Klinik für Innere Medizin, Bundeswehrkrankenhaus Hamburg, Außenstelle Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin
Zusammenfassung
Die Vorbereitung auf Einsatzszenarien mit hochpathogenen Erregern sowie infektiologisch relevanten Krankheitsbildern erfordert heute robuste, gut durchdachte und vor allem standardisierte Konzepte. Der neu konzipierte, standortübergreifende Lehrgang „Barrier Nursing“ als kompetenzorientierte Ausbildung (KOA) definiert den Infektionsschutz nicht als bloße Hygienemaßnahme für den Klinikalltag, sondern als modulares, taktisches Prinzip, das in nahezu jeder Lage anwendbar ist. Durch eine enge zivil-militärische Kooperation und den Fokus auf ein praktisch trainierbares Modell zur räumlichen Trennung wird das medizinische und pflegerische Personal aller Qualifikationsebenen befähigt, über die gesamte Rettungskette hinweg sicher, routiniert und standardisiert zu handeln. Der folgende Beitrag stellt die strategische Ausrichtung, die Methodik und die inhaltliche Architektur dieses Ausbildungsformats für den Sanitätsdienst vor.
Schlüsselworte: Infektionsschutz, Ausbildung, Barrier Nursing, hochinfektiöse Krankheiten, Sanitätsdienst, taktisches Prinzip
Summary
Preparing for scenarios involving highly pathogenic pathogens and clinically significant infectious disease patterns now requires robust, well-thought-out and, above all, standardised approaches. The newly designed, multi-site ‘Barrier Nursing’ course, as a competence-based training programme (KOA), defines infection control not merely as a hygiene measure for everyday clinical practice, but as a modular, tactical principle that can be applied in almost any situation. Through close civil-military cooperation and a focus on a practically trainable model for spatial separation, medical and nursing staff at all levels of qualification are empowered to act safely, routinely and in a standardised manner throughout the entire rescue chain. The following article presents the strategic orientation, methodology and content structure of this training format for the medical service.
Keywords: infection control; training; barrier nursing; highly infectious diseases; medical service; tactical principle
Einleitung:
Die strategische Dimension des Infektionsschutzes
Die moderne Militärmedizin operiert in einem vielschichtigen, oft unberechenbaren und dynamischen Umfeld. Das medizinische Personal wird bei Auslandseinsätzen, humanitären Hilfsmissionen oder im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung zunehmend mit Lagen konfrontiert, die ein schnelles Umdenken erfordern. Dazu gehören lokale Ausbrüche von Infektionskrankheiten, Naturkatastrophen mit zerstörter Infrastruktur sowie asymmetrische Bedrohungen.
Der Lehrgang „Barrier Nursing“ schließt hier eine entscheidende Lücke in der Vorbereitung der sanitätsdienstlichen Kräfte auf den professionellen Umgang mit Ausbruchsgeschehen und dem Management schwerer Infektionskrankheiten. Er ist im Sinne der kompetenzorientierten Ausbildung (KOA) konzipiert. Statt auf überwiegendem Frontalunterricht liegt der Fokus auf handlungsorientiertem, selbstständigem Lernen mit hohem Praxisbezug, um Soldatinnen und Soldaten optimal auf reale oder unerwartete Einsatzszenarien vorzubereiten. Der strukturelle und operative Mehrwert dieses Lehrgangs zeigt sich in drei inhaltlich verknüpften Bereichen:
- Aufbau eines starken Fundaments durch zivil-militärische Zusammenarbeit:
Durch standardisierte Prozesse und eine gemeinsame Fachsprache wird die Kooperation zwischen dem militärischen Sanitätsdienst und zivilen Akteuren nachhaltig optimiert. - Direkte Anwendbarkeit im Regelbetrieb im Inland:
Die im Kurs trainierte lückenlose Basishygiene ist ein essenzielles Instrument, um die Ausbreitung multiresistenter Erreger (MRE) sowie nosokomialer Infektionen im Klinikalltag zu reduzieren. - Sicherstellen der taktischen Einsatzbereitschaft:
Das Personal wird befähigt, die erlernten Konzepte auch in kritischen Ausbruchs- und Konfliktszenarien unter widrigen Bedingungen sicher und ohne Zeitverlust anzuwenden.
Das Fundament:
Zivil-militärische Synergien
Der erste zentrale Mehrwert – die Stärkung der organisationsübergreifenden Zusammenarbeit – bildet das Rückgrat des gesamten Lehrgangs. Krisenlagen der jüngeren Vergangenheit haben eindrücklich gezeigt, dass Infektionsausbrüche an den Schnittstellen zwischen militärischen Einrichtungen und dem zivilen Gesundheitssystem nicht Halt machen. Um eine fachliche Tiefe auf höchstem Niveau zu gewährleisten, bündelt der Lehrgang daher das Wissen hochspezialisierter Partner.
Abb. 1: Das Schnittstellenmanagement in der zivil-militärischen Zusammenarbeit – hier eine zivile Notärztin im Patientenübergabebereich des BwKrhs Hamburg – ist essenziell und muss geübt werden. (Bildrechte: BwKrhs Hamburg)
Die enge Kooperation umfasst den Fachbereich Infektiologie und Tropenmedizin des Bundeswehrkrankenhauses (BwKrhs) Hamburg am Bernhard-Nocht-Institut, das STAKOB-Zentrum des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) sowie die Berufsfeuerwehr Hamburg. STAKOB steht für den „Ständigen Arbeitskreis der Kompetenz- und Behandlungszentren für Krankheiten durch hochpathogene Erreger“, ein Expertennetzwerk beim Robert Koch-Institut. Durch diese Aufstellung wird sichergestellt, dass die Expertise breit gestreut und an das Personal entlang der gesamten zivil-militärischen Rettungskette weitergegeben wird. Reibungsverluste, die bei Übergaben von infektiösen Patienten zwischen zivilen Rettungskräften und militärischen Einrichtungen entstehen könnten, werden durch gemeinsames Training und identische Checklisten auf ein Minimum reduziert.
Die tägliche Anwendung:
Methodik und sicherer Regelbetrieb
Auf Basis dieses zivil-militärischen Netzwerks widmet sich der Lehrgang intensiv der Methodik, was den zweiten Mehrwert – den Transfer in den alltäglichen Regelbetrieb – stützt. Die praktischen Fähigkeiten werden bewusst in Kleinstgruppen vermittelt. Diese hohe Betreuungsdichte ermöglicht es den Ausbildern, Handlungsfehler sofort, ruhig und präzise zu korrigieren. Diese Art der Begleitung baut Berührungsängste gegenüber infektiösen Patienten ab und verwandelt anfängliche Unsicherheit systematisch in eine professionelle, alltägliche Routine.
Dabei dienen verschiedene Krankheitserreger als repräsentative, taktische Fallbeispiele. Die Teilnehmenden lernen, spezifische Übertragungswege tiefgreifend zu verstehen und in adäquate Schutzmaßnahmen zu übersetzen. Wer im Kurs verinnerlicht, wie beispielsweise das Norovirus als Modell für Schmier- und Kontaktinfektionen isoliert wird, wendet diese Prinzipien bei Ausbrüchen auf einer regulären Pflegestation weitaus konsequenter an. Influenza und Covid-19 dienen wiederum als Stellvertreter für die respiratorische Übertragung durch Tröpfchen und Aerosole, was die allgemeine Sensibilität für die essenzielle Basishygiene im täglichen Patientenkontakt erheblich schärft und das Personal im zivilen und militärischen Klinikbetrieb schützt.
Abb. 2: Beispiel für Schleusenmanagement (Bildrechte: (A) D. Wiemer, (B) BwKrhs Hamburg)
Der taktische Kern:
Das Barrieren-Modell zur Sicherung der Einsatzbereitschaft
Sobald die Basishygiene und das Verständnis für die Erreger gefestigt sind, fokussiert der Lehrgang auf den dritten Mehrwert: die unmittelbare Handlungsfähigkeit und Einsatzbereitschaft in extremen Lagen. Hierfür wird die Philosophie der Ausbildung auf ein klares taktisches Ziel, nämlich das Herstellen und Aufrechterhalten zuverlässiger Barrieren gegenüber einem Erreger, reduziert. Dieses Konzept stützt sich auf drei Säulen.
Abb. 3: Persönliche Schutzausrüstung gibt es in verschiedenen Varianten, angepasst an die Gefährdungslage (Bildrechte: (A) BwKrhs Hamburg, (B) H. Schwanebeck)
Die räumliche Barriere (Räumliche Trennung/Zonen-Modell)
Der Lehrgang vermittelt die strikte Trennung in den reinen Bereich (Grün), die Schleuse (Gelb) und den unreinen Bereich (Rot). Diese Raumstrukturierung muss das Personal nicht nur in festen Gebäuden beherrschen, sondern auch improvisiert im Feldlazarett oder in temporären Unterkünften aufbauen können.
Die physische Barriere (Schutzausrüstung)
Hierbei geht es um den korrekten Einsatz der persönlichen Schutzausrüstung (PSA). Diese wird nicht pauschal, sondern stets präzise an die im Vorfeld identifizierte Gefährdungslage angepasst, um Über- oder Unterprotektion zu vermeiden.
Die methodische Barriere (Prozesse)
Selbst die beste Ausrüstung versagt bei menschlichen Fehlern. Daher ist die zwingende Anwendung von Checklisten und des 2-Mann-Prinzips (Buddy-Prinzip) bei allen sicherheitsrelevanten Vorgängen vorgeschrieben. Ein Partner überwacht das hochkritische Ablegen der kontaminierten PSA Schritt für Schritt, da das Sichtfeld des Trägers meist stark eingeschränkt ist.
Dieses Barrieren-Konzept ist nahtlos auf alle sanitätsdienstlichen Ebenen übertragbar. In der Präklinik und im Rettungsdienst (Role 1/2) liegt der Schwerpunkt auf der taktischen Hygiene unter massivem Zeitdruck. Hierbei spielt der Eigenschutz des eingesetzten Personals eine übergeordnete Rolle, um die eigene Sicherheit zu gewährleisten und gleichzeitig Kontaminationsverschleppungen am Notfallort konsequent zu verhindern. Auf der Ebene der Sanitätsregimenter (Role 2/3) verschiebt sich der Fokus auf die feldmäßige Umsetzung der räumlichen Trennung unter Vollschutzbedingungen. In den festen Krankenhäusern (Role 3/4) wird schließlich die komplexe klinische Isolation von Patienten, einschließlich eines durchdachten Unterdruck- und Schleusenmanagements, abgebildet.
Abb. 4: Checklisten und das Buddy-Prinzip sind wesentliche, sicherheitsrelevante Instrumente. (Bildrechte: D. Wiemer)
Stufenweiser Aufbau:
Von der Basis zum Komplextraining
Um diese Fähigkeiten zu festigen und das breite Zielpublikum optimal abzuholen, ist der Lehrplan didaktisch stufenweise aufgebaut. Zu Beginn erlernen die Teilnehmenden – vom Sanitätssoldaten bis zum erfahrenen Sanitätsoffizier – das absolute Fundament: Händehygiene, Flächendesinfektion und das Anlegen der Standardausrüstung. Jeder nimmt hier auf seinem individuellen Kenntnisstand wertvolle Routinen mit. Im weiteren Verlauf trainieren die Gruppen das Arbeiten unter Vollschutz, kombiniert mit kritischen Begleitprozessen wie dem infektiologischen Abfallmanagement oder dem Umgang mit Verstorbenen nach den Richtlinien des Robert Koch-Instituts.
Den Abschluss bildet ein praktisches Komplextraining. Hier erleben alle Beteiligten, dass sie auch unter erheblicher physischer Anstrengung in flüssigkeitsdichten Schutzanzügen mit Atemschutz handlungsfähig bleiben. Es werden medizinische Aufgaben unter erschwerten Bedingungen durchgeführt, etwa die korrekte Probenentnahme für das Labor, das Anlegen von intravenösen Zugängen oder rotierende Reanimationsübungen. Diese Szenarien fordern die Teilnehmenden heraus, festigen zugleich nachhaltig das Vertrauen in die eigene Ausrüstung und das Team, unabhängig von Dienstgrad oder Vorerfahrung.
Abb. 5: Komplextraining im Vollschutz am Patientenbett (Bildrechte: H. Schwanebeck)
Fazit
Der KOA-Lehrgang „Barrier Nursing“ ist eine wichtige und sinnvolle Maßnahme in der medizinischen und pflegerischen Einsatzausbildung. Er übersetzt infektiologische Bedrohungen in ein robustes, greifbares und taktisch anwendbares Prinzip. Durch die konsequente Vermittlung klarer methodischer, physischer und räumlicher Barrieren befähigt der Kurs das gesamte Sanitätspersonal, Infektionsgefahren mit professioneller Routine und hoher Eigensicherung entgegenzutreten. Das schützt den einzelnen Soldaten, sichert die Patientenversorgung im Inland und erhält letztlich die Einsatzfähigkeit der gesamten Truppe.
Kernaussagen
- Der KOA-Lehrgang „Barrier Nursing“ vermittelt ein modulares, taktisches Konzept zum Infektionsschutz, das universell und praxisnah anwendbar ist.
- Durch zivil-militärische Zusammenarbeit wird das medizinische und pflegerische Personal effektiv auf Ausbruchs- und Krisenszenarien vorbereitet und geschult.
- Die Kursmethodik basiert auf Kleingruppentraining, das Fehler minimiert, Berührungsängste abbaut und eine professionelle Routine für den Alltag schafft.
- Das Barrieren-Modell umfasst räumliche, physische und methodische Schutzmaßnahmen, die auf allen Rettungsdienstebenen flexibel umgesetzt werden können.
- Der stufenweise Lehrplan fördert Teamwork und Eigenverantwortung, stärkt die Einsatzfähigkeit und den Schutz des Personals in jedem Einsatzbereich.
Manuskriptdaten
Zitierweise
Schwanebeck H, Wiemer D. Weiterentwicklung des Lehrgangs Barrier Nursing: Ein universelles taktisches Prinzip für den Infektionsschutz. WMM 2026;(9):406-409.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-959
Für die Verfasser
Oberfeldarzt Dr. Dorothea Wiemer
Fachbereich Tropenmedizin und Infektiologie
Klinik für Innere Medizin
Bundeswehrkrankenhaus Hamburg
Außenstelle Bernhard-Nocht-Institut
Bernhard-Nocht Str. 74, 20359 Hamburg
E-Mail: dorotheafranziskawiemer@bundeswehr.org
Manuscript Data
Citation
Schwanebeck H, Wiemer D. Further Development of the Barrier Nursing Course: A Universal Tactical Principle for Infection Control. WMM 2026;70(9E):5.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-960
For the Authors
Lieutenant Colonel (MC) Dr. Dorothea Wiemer, MD
Division Tropical Medicine and Infectiology
Department of Internal Medicine
Bundeswehr Hospital Hamburg
Branch at Bernhard Nocht Institute for Tropical Medicine
Bernhard-Nocht Str. 74, D-20359 Hamburg