Tropenmedizinische Entomologie in der zivil-militärischen Zusammenarbeit mit dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin
Tropical Medical Entomology in Civil-Military Cooperation with the Bernhard Nocht Institute for Tropical Medicine
Albert Eisenbartha
a Abteilung für Mikrobiologie und Krankenhaushygiene, Bundeswehrkrankenhaus Hamburg, Außenstelle Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin
Zusammenfassung
Die tropenmedizinische Entomologie beschäftigt sich sowohl mit der Grundlagen- als auch mit der anwendungsorientierten Forschung zur Förderung der Gesundheit betroffener Bevölkerungsgruppen. Da solche Fragen auch im militärischen Kontext eine wichtige Rolle spielen, kooperiert das Bundeswehrkrankenhaus Hamburg nun seit 20 Jahren mit Deutschlands größtem Institut für Tropenmedizin, dem Bernhard-Nocht-Institut, mit gegenseitigem Nutzen für den zivilen wie den militärischen Sektor.
Schlüsselwörter: Entomologie, Vektor, Surveillance, Repellent
Summary
Tropical medical entomology encompasses both fundamental and applied research aimed at improving the health of impacted populations. Recognising the importance of these issues in a military context, the Bundeswehr Hospital Hamburg has partnered with Germany’s largest institute for tropical medicine, the Bernhard Nocht Institute, for two decades, benefiting both civilian and military sectors.
Keywords: entomology; vector; surveillance; repellent
Einleitung und Hintergrund
Die Entomologie – die Wissenschaft von Insekten und Gliedertieren – ist eine klassische Disziplin der Biologie mit vielfältigen Anwendungsfeldern. Schon seit den Anfängen der Tropenmedizin im 19. Jahrhundert war sie eine tragende Säule für das gesamte Fachgebiet. Die sogenannte medizinische Entomologie hat sich seitdem stetig weiterentwickelt und spielt nach wie vor eine zentrale Rolle bei der Erforschung und Prävention von vektorübertragenen Krankheiten. Auch im Gründungsjahr des tropenmedizinischen Engagements der Bundeswehr in Hamburg vor 20 Jahren hatte sie gleich eine wichtige Funktion inne, etwa beim Gesundheitsschutz von Soldatinnen und Soldaten während des Afghanistaneinsatzes im Sinne der Minimierung des Leishmanioserisikos [3] oder bei den späteren Stabilisierungsmissionen in der Sahelzone, vor allem bei der Malariaprävention [4].
Abgesehen von der Erstellung entomologischer Gutachten für die Labordiagnostik des zivilen Kooperationspartners stehen heute Forschungskooperationen mit dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) zusammen mit zivilen internationalen Partnern in Subsahara-Afrika und Lateinamerika im Fokus, aber auch eine militärmedizinische Zusammenarbeit mit den Königlichen Streitkräften Thailands ist derzeit im Aufbau begriffen. Das Bundeswehrkrankenhaus Hamburg profitiert einerseits von der besseren Vernetzung und dem Wissensaustausch mit nationalen und internationalen Experten, auf die es im Bedarfsfall zurückgreifen kann, und andererseits auch vom Zugriff auf Referenzmaterial aus tropischen und subtropischen Ländern – beispielsweise zu Vektoren und deren übertragenen Pathogenen, die für die Aufnahme von Surveillance-Maßnahmen in solchen Regionen oder die Detektion invasiver Arten in Europa von unschätzbarem Wert sind.
Im Folgenden soll ein kurzer Überblick über die aktuellen Forschungsgebiete mit entomologischem Bezug gegeben werden.
Baseline Transmission und neue Interventionspraktiken der Loiasis in Zentralafrika
Ein geografischer Forschungsfokus ist das zentralafrikanische Land Gabun, was sich an der Anzahl der dort laufenden Aktivitäten ablesen lässt. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei auf der Erforschung einer von Bremsen übertragenen parasitären Wurmerkrankung in ihrem Hauptverbreitungsgebiet im äquatorialen Regenwald: die afrikanische Augenwurmkrankheit, auch als Loiasis bezeichnet. Das Institut für Klinische Forschung des BNITM unterhält seit einigen Jahren eine Forschungsstation im Verbund mit dem Centre de Recherches Médicales de Lambaréné (CERMEL) in einem endemischen Hotspotgebiet (Abbildungen 1–2). Diese Station ist auch für entomologische Arbeiten bestens geeignet und wird entsprechend genutzt. Seit 2021 unterstützt das Bundeswehrkrankenhaus Hamburg bei Aufbau, Betrieb und Auswertung einer Langzeit-Vektorsurveillance zur Ermittlung der natürlichen Loiasis-Übertragung. Kontinuierliche Daten zu Anflugdichten, Infektionsraten und Übertragungspotenzialen der Vektorenarten geben wertvolle Einblicke in die natürliche Transmissionsdynamik, die noch immer als kaum erforscht gilt. Weitere interessante Aspekte betreffen Studien zur Effektivität kommerzieller Repellenzien gegen die tagaktiven und relativ großen Bremsen der Gattung Chrysops. Dabei zeigte sich bei den Hautrepellents ein durchwachsenes Bild, bei denen manche Mittel komplett versagten und andere nur eine eingeschränkte Schutzfunktion aufzeigten [1]. Neue Studienergebnisse, die Haut- und Kleidungsrepellentien separat und in Kombination miteinander vergleichen, sind im Zulauf und werden gegenwärtig ausgewertet.
Abb. 1: Forschungsstation Institut de Recherches en Santé de Sindara (ISSA) Außenansicht. Mehr Informationen unter http://loaloa.org. (Bildrechte: E. Mehmel)
Abb. 2: Mikrobiologisches Labor der Forschungsstation ISSA in Sindara. (Bildrechte: A. Eisenbarth)
Im Anfangsstadium befindet sich noch ein Projekt mit dem Ziel einer optimierten Fallenentwicklung. Dies ist nötig, weil mit den marktverfügbaren Modellen nur sehr geringe Fangquoten bei den Loiasis-Vektoren erreicht werden. Ähnlich wie bei den Tsetsefliegen vermehren sich die Hauptvektoren der Loiasis jedoch nur relativ langsam, sodass effizientere Bremsenfallen das Übertragungsrisiko für die Bevölkerung in Endemiegebieten signifikant senken könnten. Natürlich wären solche Fallen auch äußerst nützlich in anderen Klimazonen – beispielsweise in Skandinavien oder dem Baltikum –, wo Chrysops-Bremsenfallen die teils erhebliche lokale Belästigung potenziell reduzieren können.
Malaria-Detektionstool für den mobilen Einsatz in Vektoren
Ein wehrmedizinisches Sonderforschungsprojekt hatte zum Ziel, die Force Health Protection der Einsatzkräfte in malariaendemischen Einsatzgebieten (insbesondere in Mali und im Niger) durch die Entwicklung einer verbesserten Erregersurveillance in Vektoren zu erweitern. Dabei wurde ein auf Humanproben aufgebautes Point-of-Care-Testsystem für Malariaerreger so weit angepasst, dass es für vor Ort gefangene Malariamücken angewendet werden kann. Die Entwicklungs- und Testphase verlief erfolgreich, sowohl mit Material aus der Mückenzucht des BNITM, als auch bei Wildfängen aus Gabun und Kolumbien. Die Ergebnisse wurden kürzlich in einem Wissenschaftsjournal publiziert [2].
Zwar ist nach der erfolgreichen Testung des Systems seine generelle Einsatzfähigkeit bewiesen, allerdings wissen wir noch nicht, ob auch zoonotische Malariaerreger, d. h. aus dem Tierreservoir stammende Arten, an denen auch Menschen erkranken können, zuverlässig erkannt werden. In einigen Regionen Südostasiens ist die sogenannte „Affenmalaria“ relativ häufig, weshalb das Bundeswehrkrankenhaus Hamburg eine Kooperation mit dem Armed Forces Research Institute for Medical Sciences (AFRIMS) der Königlichen Thailändischen Streitkräfte eingegangen ist, um diese Frage durch Vor-Ort-Testungen in endemischen Zonen Thailands empirisch zu beantworten.
Ektoparasiten- und Erregerscreening von „bush meat“, Haus- und Nutztieren und vom Menschen in den Tropen
Ein weiteres Betätigungsfeld der tropenmedizinischen Entomologie des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg sind Ektoparasiten aus den Tropen, also Bettwanzen, Milben, Flöhe, Läuse und insbesondere Zecken. Vor allem von Letzteren – genauer gesagt von Schildzecken – wurde umfangreiches Probenmaterial, welches von diversen Wirtstieren (wild und domestiziert) und auch von Menschen abgesammelt wurde, generiert, identifiziert und auf das Vorkommen von übertragbaren Erregern hin untersucht. Von vielen der gefundenen Zeckenarten, besonders jenen aus Subsahara-Afrika stammenden, ist nur sehr wenig bekannt. Das gilt erst recht für die teilweise noch unbeschriebenen Arten von Erregern, die durch molekulare Methoden nachgewiesen werden konnten. Die Ergebnisse werden in mehreren unabhängigen Publikationen zusammengefasst und in naher Zukunft veröffentlicht.
Charakterisierung blutsaugender Vektoren aus Probensammlungen in tropischen und subtropischen Partnerländern
Zusätzlich und oft parallel zu den oben beschriebenen Forschungsprojekten wurde Probenmaterial unterschiedlichster Vektorengruppen zusammengetragen, das für Studien zur Biodiversität und der Epidemiologie vektorübertragener Krankheiten zur Verfügung steht. Das Spektrum ist breit und umfasst dabei Stechmücken, Sandmücken, Kriebelmücken, Gnitzen, Tsetsefliegen, Bremsen sowie die oben aufgeführten Ektoparasiten aus Gabun, Nigeria, Demokratischer Republik Kongo, Kamerun, Mauretanien, Kolumbien und der italienischen Mittelmeerinsel Sardinien. Solche Daten komplementieren unser Verständnis zum regionalen Vorkommen der unterschiedlichen Vektorengruppen in einer sich ständig wandelnden Umwelt.
Fazit
Die (tropen)medizinische Entomologie liefert einen wichtigen Beitrag zur Force Health Protection. Die enge Zusammenarbeit des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg sowohl mit dem BNITM als auch mit Partnern in tropischen und subtropischen Ländern führt zur Entwicklung von Fähigkeiten und Expertise, die nicht nur für Einsätze in den Tropen bedeutsam sind. Besonders vor dem Hintergrund des Klimawandels und der teils alarmierenden Änderungen in den Insekten- und Gliedertierpopulationen in Europa sind diese sanitätsdienstlichen Fähigkeiten auch im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung zwingend erforderlich.
Literatur
- Doumba Ndalembouly AG, Boussougou-Sambe ST, Ngossanga B, et al. Protective efficacy of skin-applied arthropod repellents against Chrysops bites in a Loa loa hyperendemic region in Gabon: A placebo-controlled randomized clinical trial of DEET, icaridin, citriodiol, and IR3535. Travel Med Infect Dis. 2025 Sep-Oct;67:102899. mehr lesen
- Eisenbarth A, Adegnika AA, Boussougou-Sambe ST, et al. Assessment of automated loop-mediated isothermal amplification-(LAMP-)based xenomonitoring for Plasmodium spp. in Anopheles mosquitoes. Malaria J. 2026 Apr 28;25(1):183. mehr lesen
- Krüger A, Strüven L, Post RJ, Faulde M. The sandflies (Diptera: Psychodidae, Phlebotominae) in military camps in northern Afghanistan (2007-2009), as identified by morphology and DNA 'barcoding'. Ann Trop Med Parasitol. 2011 Mar;105(2):163-176. mehr lesen
- Maaßen W, Frey C, Frickmann H, Erkens K. Tropenmediziner der Bundeswehr: Einsatzerfahrungen in Mali. Flugmedizin · Tropenmedizin · Reisemedizin – FTR. 2017;24(02): 81-88. mehr lesen
Manuskriptdaten
Zitierweise
Eisenbarth A. Tropenmedizinische Entomologie in der zivil-militärischen Zusammenarbeit mit dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. WMM 2026;70(9):403-405.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-963
Verfasser
Oberregierungsrat Dr. rer. nat. Albert Eisenbarth
Strukturelement Tropenmedizinische Mikrobiologie und Entomologie
Abteilung für Mikrobiologie und Krankenhaushygiene
Bundeswehrkrankenhaus Hamburg
Außenstelle Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin
Bernhard-Nocht-Str. 74, D-20359 Hamburg
E-Mail: alberteisenbarth@bundeswehr.org
Manuscript Data
Citation
Eisenbarth A. Tropical Medical Entomology in Civil-Military Cooperation with the Bernhard Nocht Institute for Tropical Medicine.
WMM 2026;70(9E):4.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-964
Author
Senior Government Councilor Dr. rer. nat. Albert Eisenbarth
Division Tropical Medical Microbiology and Entomology
Department of Microbiology and Hospital Hygiene
Bundeswehr Hospital Hamburg
Branch at Bernhard Nocht Institute for Tropical Medicine
Bernhard-Nocht-Str. 74, D-20359 Hamburg
E-Mail: alberteisenbarth@bundeswehr.org